Corona-Pandemie Telekom übergibt anonymisierte Handydaten an Robert Koch-Institut

Die Telekom und das RKI wollen anhand von Ortungsdaten erkennen, ob die Eindämmungsmaßnahmen Wirkung zeigen. Ein Tracking von Individuen soll es nicht geben. Auch Google und Facebook prüfen, wo ihre Nutzerdaten helfen könnten.
Das RKI will mit anonymisierten Ortungsdaten der Telekom Bewegungsströme modellieren

Das RKI will mit anonymisierten Ortungsdaten der Telekom Bewegungsströme modellieren

Foto: Oliver Berg/ dpa

Kundendaten der Deutschen Telekom sollen helfen, die Coronavirus-Pandemie einzudämmen oder zumindest besser zu verstehen. Wie der "Tagesspiegel" berichtet , hat das Unternehmen zu diesem Zweck schon am Dienstag einen Teil seiner Standortdaten dem Robert Koch-Institut (RKI) zugänglich gemacht - in anonymisierter Form.

"Damit lassen sich Bewegungsströme modellieren - bundesweit, auf Bundesland-Ebene sowie bis auf die Kreis-Gemeinde-Ebene heruntergebrochen", sagte eine Telekom-Sprecherin der Zeitung. Ein Tracking einzelner Bürger oder infizierter Menschen soll dadurch aber nicht möglich sein.

Das RKI will so prüfen, ob die massiven Einschränkungen des öffentlichen Lebens etwas bringen. Anhand der Daten lasse sich feststellen, ob die geforderten Maßnahmen wirkten, sagte RKI-Präsident Lothar Wieler, denn sie zeigten, ob die Mobilität der Bevölkerung nachgelassen habe.

Geld verlangt die Telekom nicht vom RKI. Die Kunden wurden nicht gefragt oder informiert.

Die beiden anderen großen Provider in Deutschland machen zunächst nicht mit, aber das könnte sich noch ändern. Vodafone teilte auf SPIEGEL-Anfrage mit: "Es könnte weltweit für Regierungen immer wichtiger werden, die Bewegungen der Menschen zu verstehen, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen". Wo immer es "technisch möglich und rechtlich zulässig" sei, werde Vodafone deshalb auf Anfrage "Regierungen bei der Entwicklung von Erkenntnissen auf der Grundlage großer anonymisierter Datensätze unterstützen."

Ein Telefónica-Sprecher teilte dem SPIEGEL mit: "Aktuell liefern wir diese anonymisierten Bewegungsdaten nicht."

Österreichs größter Provider ist vorgeprescht

Auch in anderen Ländern wird an vergleichbaren Ansätzen gearbeitet. In Österreich etwa stellt der größte Anbieter des Landes, A1, der Regierung die Bewegungsprofile aller Handynutzer zur Verfügung. Auch dort geschah das nach Angaben des "Standard"  ohne Information der Kunden.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Die Daten sollen helfen, aktuelle Bewegungsströme mit jenen vor dem Inkrafttreten der Ausgangsbeschränkung abzugleichen. Der Krisenstab will so erfahren, wie und ob die sozialen Kontakte tatsächlich abnehmen oder nicht.

Nach Angaben des Providers erlauben die Daten, die die Regierung bekommt, keine Rückschlüsse auf individuelle Kunden. Jedes Handy bekomme zufällig generierte Nummern zugewiesen, die zudem alle 24 Stunden neu vergeben würden. Außerdem seien aus den Datensätzen nur Gruppenbewegungen erkennbar, in Abstufungen von je 20 Nutzern. A1 hält das Vorgehen für vereinbar mit der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO).

Google überlegt, wie es Daten aus Maps nutzen könnte

In den USA überlegen Regierung und Tech-Unternehmen, wie sie ohnehin erhobene Standortdaten zur Modellierung von Bewegungsströmen nutzen können. Wie die "Washington Post" berichtet , stehen insbesondere Facebook und Google dazu in engem Austausch mit dem Weißen Haus.

Google arbeitet nach eigenen Angaben auch daran, GPS-basierte Standortdaten aus dem Kartendienst Google Maps zu verwerten. "Beispielsweise könnte das den Gesundheitsbehörden helfen, die Wirksamkeit des 'social distancing' zu belegen - so ähnlich, wie wir in Maps zeigen, wie gut besucht beliebte Restaurants zu bestimmten Uhrzeiten sind", zitiert die Zeitung einen Google-Sprecher.

Israel will Geheimdienstdaten nutzen

Drastischer geht Israel vor. Die Regierung hat – nach Angaben von "Haaretz"  am Parlament vorbei – der Polizei die Befugnis verschafft, die Mobiltelefone von Sars-CoV-2-Infizierten und auch reinen Verdachtsfällen zu tracken. Ein Gerichtsbeschluss sei nicht nötig. Die erhobenen Daten sollen genutzt werden, um mögliche Kontaktpersonen der Infizierten per SMS zu benachrichtigen. Die Empfänger der Nachrichten sollen aufgefordert werden, sich umgehend in Quarantäne zu begeben. Zunächst ist die Maßnahme auf 30 Tage begrenzt.

Genutzt werden soll die bisher im Detail nicht öffentlich bekannte Datensammlung des israelischen Inlandsgeheimdienstes Schin Bet. Der hat der "New York Times" zufolge  seit vielen Jahren Zugriff auf riesige Mengen von Kundendaten aller Provider des Landes und nutzt diese zur Terrorbekämpfung.

pbe