Sascha Lobo

Pandemie-Bewältigung Die Impfpflicht braucht dich!

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Die Impfpflicht erscheint unabwendbar. Wie kann sie zum Erfolg werden? Mit hohen Strafen für Impfnachweis-Fälscher, einer Prämie von 250 Euro, einem Totimpfstoff sowie einem Leitfaden für Überzeugungsgespräche.
Rekrutierungsvorbild Uncle Sam: Persuasive Kommunikation ist nur selten eine tolle Werbekampagne

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Francis Dean / Dean Pictures / IMAGO

Das hier ist für die Verzweifelten und für die Zweifelnden. Für die Besorgten und die Grollenden. Für die Wütenden und die Erschöpften. Für die Resignierten. Für die schon fast zynisch Gewordenen. Für die nur noch weg Wollenden. Für die trotzdem Kämpfenden und für die schon nicht mehr Kämpfenden. Für die still Leidenden, aber auch für die laut Leidenden, denn beides ist in Ordnung. Es ist überhaupt viel mehr in Ordnung, als die meisten Leute glauben, weil wir in einer so existenziellen wie umfassenden Krise sind. Der Großteil der persönlichen Verhaltensweisen, die wir täglich sehen, die uns aufregen, irritieren, verstören, ist: Bewältigung. Bewältigung aber ist in den meisten Varianten akzeptabel. Außer, wenn sie Dritte gefährdet.

Deshalb ist das hier für alle Pandemiebetroffenen, die nicht zuerst an sich denken und die sich deshalb inzwischen angeschmiert oder sogar verraten fühlen. Von der Bundesregierung, von Teilen der redaktionellen Medien, von radikalen Impfgegnern und radikalisierten »Querdenkern«. Aber von Tag zu Tag stärker auch von dem Teil der Bevölkerung, der die Impfung vielleicht nicht kategorisch ablehnt, Corona vielleicht nicht rundheraus leugnet, aber sich irgendwie so verhält. Wir alle kennen sie.

Es scheint, als gäbe es Hoffnung, und zwar in Form einer heraufziehenden, allgemeinen Impfpflicht. Zitat von Olaf Scholz und der SPD dazu: »Wir müssen uns aus der Lage herausimpfen.« Diese Hoffnung möchte ich zugleich dämpfen und befeuern. Ich persönlich halte die Impfpflicht für sehr problematisch, aber inzwischen kaum mehr abwendbar. Die vielen organisatorischen Versäumnisse, politischen Sackgassen und kommunikativen Fehlleistungen – dazu gehören übrigens auch die häufigen Beteuerungen, es käme keine Impfpflicht – scheinen sie notwendig gemacht zu haben. Allerdings ist die Impfpflicht keine automatische Generallösung des Problems Pandemie. Damit sie überhaupt als Teil der Lösung funktioniert, ist unsere aktive Mithilfe gefragt, und der erste Schritt dahin ist, die Impfpflicht zu verstehen. Impfpflicht ist kein Impfzwang, das heißt, niemand wird von der Polizei auf eine Liege geschnallt und zwangsgeimpft.

Faktisch dürfte die Impfpflicht es in erster Linie im Alltag enorm unbequem machen, ungeimpft zu bleiben. Sie wirkt auch als Fundament für gerichtsfeste weitere Regeln: Mit einer Impfpflicht könnte die Deutsche Bahn Ungeimpften einfacher die Beförderung verweigern, ungeimpfte Angestellte könnten unkomplizierter entlassen werden, ungeimpfte Schülerinnen könnten leichter vom Unterricht ausgeschlossen werden und so weiter und so fort. Natürlich wird es weiterhin Menschen geben, die ungeimpft bleiben, das wissen wir von aktuellen Vorbildern. Denn es gibt ja bereits eine Impfpflicht in Deutschland: gegen Masern . Allerdings gilt sie nur für Kinder, deshalb hielten sich die wütenden Demonstrationen in engeren Grenzen.

Aber mit der Impfpflicht kann es tatsächlich gelingen, eine ausreichend große Impfquote zu erreichen. Und vor allem auch eventuelle Nachimpfungen gegen Virusvarianten schnell umzusetzen. Allerdings wird die Impfpflicht nur dann ein Erfolg, wenn die begleitende Kommunikation nach den Regeln der Persuasion  erfolgt. Der bitte was?

Persuasion kann man übersetzen mit »Kunst der Überzeugung«. Dahinter steht die Erkenntnis, dass Leute nicht immer einfach tun, was man ihnen sagt, selbst wenn großer Druck ausgeübt wird, wenn also zum Beispiel Drohungen ausgesprochen werden oder Strafen folgen. Trotz ist ein Tierchen, das wir alle kennen, und in seiner extremsten Form kann es sogar dazu führen, dass man lieber stirbt, als einer Anweisung zu folgen. Persuasion bedeutet, dass die Impfpflicht nicht einfach als schmuckloses Fax an alle rausgeschickt wird, sondern dass der Staat zunächst die richtigen Formen von begleitendem Druck aufbaut.

Weil zur Persuasion gehört, vorausschauend das Ausweichen schwieriger zu machen, müsste die Politik vor der Einführung der Impfpflicht dem Problem gefälschter Impfausweise begegnen. Denn die Nachfrage danach dürfte mit der Impfpflicht explodieren, und leider hat der Staat aus Digitalisierungswurstigkeit versäumt, eine fälschungssichere, digitale Impfdokumentation auszurollen. Und es gibt bisher schon viele Tausende, wenn nicht Zehntausende Fälle gefälschter Impfausweise. Nach den Regeln der Persuasion müsste man dabei wie folgt vorgehen, zwingend flankiert von anderen Maßnahmen, zu denen ich gleich zurückkommen will:

  • Für acht Wochen, vielleicht die ersten acht Wochen des Jahres 2022, gibt es eine Amnestie für gefälschte Impfausweise – Straffreiheit gegen die Auflage, sich noch vor Ort von Amtsärztinnen kontrolliert tatsächlich impfen zu lassen,

  • danach strengste Bestrafung der Fälschung und auch Inhaberschaft gefälschter Impfausweise, zum Beispiel in der Preiskategorie versuchter Totschlag, schließlich gefährdet man wissentlich andere. Näheres sollen berufene Juristinnen verfassungsfest zusammendengeln,

  • gleichzeitig flächendeckende, digital abgesicherte Überprüfung von Impfausweisen. Es spielt keine so große Rolle, ob diese Überprüfung wirklich alle Fälschungen identifizieren kann, es reicht die Angst vor Entlarvung (ähnlich lässt sich dem Problem der falschen Atteste begegnen).

So könnte die Impfpflicht auch leichter zum Ziel der tatsächlichen Impfung führen und nicht zu einer Explosion der Fälschungen. Allerdings funktioniert diese Form von Druck, wie bereits angedeutet, ohne drei wesentliche Begleitmechanismen nur unzureichend, nämlich Belohnung, Gesichtswahrung und persuasive Kommunikation.

Die Belohnung ist am simpelsten umzusetzen. Mit der Impfpflicht muss eine Impfprämie kommen, 250 Euro erscheinen mir angemessen. Allerdings wird sie erst für die Booster-Impfung ausgeschüttet und natürlich auch rückwirkend ausgezahlt, damit sich die längst Einsichtigen nicht erneut vergackeiert vorkommen. Bei einer angenommenen Impfdurchdringung von 90 Prozent der Bevölkerung ergäben sich Auszahlungskosten von knapp unter 20 Milliarden Euro, was angesichts der zu erwartenden Kosten einer ansonsten gefühlt ewig währenden Pandemie vollkommen akzeptabel ist.

Die Gesichtswahrung ist etwas komplizierter. Damit Menschen sich von einer zuvor eher abgelehnten Position überzeugen lassen, brauchen sie einen Grund für ihre Verhaltensänderung, der ihnen nicht die Würde nimmt. Ein idealer Ansatz wäre hierbei die rasche Zulassung eines sogenannten Totimpfstoffs. Es handelt sich dabei um eine sehr lange bekannte Form des Impfstoffs, der bisherigen Skeptikern ermöglicht zu sagen: Ich hatte meine Zweifel an diesem neumodischen mRNA-Zeugs, aber jetzt gibt's was Traditionelles, lange Erprobtes, also helfe ich gern, die Pandemie zu beenden!

Ein gut funktionierender Totimpfstoff würde bei der Impfpflicht also enorm helfen, auch weil bei der Persuasion eine Art von psychologischem Dammbruch existiert: Ist jemand erst geimpft, egal womit, fällt es den betreffenden Leuten möglicherweise viel leichter, im nächsten Schritt auch zuvor heftig abgelehnte Impfstoffe zu akzeptieren. Zum Beispiel ein Biontech-Produkt gegen die Omikron-Variante des Coronavirus. Ein anderer Ansatz der Gesichtswahrung wäre übrigens die Impfpflicht selbst: Ich wollte mich nicht impfen lassen, aber ich muss jetzt ja – das ist ein Ausweg für diejenigen, die in impffeindlichen Zirkeln unterwegs sind und sich davon schwer lösen können, ohne den Hass ihrer impfkritischen Bekannten auf sich zu ziehen. Die Voraussetzung hierfür wäre allerdings, dass die Impfpflicht richtig inszeniert wird. Und das hängt essenziell am dritten Punkt, der persuasiven Kommunikation.

An dieser Stelle kommen die oben Angesprochenen ins Spiel, nämlich wir, die wir geimpft sind oder es soeben planen, die wir in jeder Hinsicht die Schnauze außerordentlich voll haben von der Pandemie, dem Missmanagement drum herum, dem immer wieder neuen Impforganisationsversagen. Denn persuasive Kommunikation ist nur selten eine tolle Werbekampagne und noch viel seltener eine tolle Werbekampagne der Bundesregierung. Wenn die Persuasion nicht massenhaft gelingt, ist die Impfpflicht die Grundlage für die größte und wirksamste Opferinszenierung der Querdenker, die abstrahlen wird auf jede auch nur entfernt zweifelnde Person: eine garantierte Katastrophe.

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Die nachweislich überzeugendste Kommunikation aber ist die persönliche, direkte, faktengestützte Kommunikation von glaubwürdigen Betroffenen , die an die Empathie des Gegenübers appelliert. Und weil wir alle, wie eingangs deutlich geworden ist, massiv betroffen sind, müssen wir uns noch einmal aufraffen und die Leute in unserer Umgebung von der Impfung überzeugen. Irgendjemand – vielleicht ja die neue Ampelregierung – sollte uns einen argumentativen Instrumentenkoffer zur Verfügung stellen, eine Karte mit zehn Argumenten vielleicht, und einen Leitfaden für ein Überzeugungsgespräch. Erarbeitet nach den erprobten Kriterien der Persuasion. Vielleicht im Jahr 2022 sogar in Form einer Smartphone-kompatiblen Website? Und dann hängt es von uns ab. Und natürlich davon, ob man auch ohne bürokratischen Meganerv eine Impfung bekommt, wenn man sie möchte. Aber das liegt in Deutschland wohl allein in Gottes Hand.