Digital-Debatte Glauben Sie nicht allen Experten

Für sein neues Buch wirbt ein Philosoph mit einem Vergleich von Pokémon-Jagd und Judenverfolgung. Uff. Bringt das die Digital-Debatte voran?

Eine Kolumne von


Deutschland ist expertenhörig. Unter den gesellschaftlichen Hörigkeiten ist das vermutlich nicht die schlimmste, schwierige Folgen hat sie trotzdem.

Die mitschwingende Geringschätzung der Amateure und Autodidakten zum Beispiel. Oder dass der Anwurf "selbst ernannt" (wie in "selbst ernannter Künstler") als verächtliche Herabwürdigung gemeint ist, obwohl damit in erster Linie die Obrigkeitsunterwerfung des Absenders signalisiert wird.

Die Gnade der Ernennung darf selbstredend auch in Alltagsdingen nur durch eine hoheitliche Autorität geschehen. Diese Leute werden nicht ruhen, bis man zur Benutzung eines Smartphones einen Führerschein braucht. Und zwar einen mit drei Klassen. Plus Probezeit.

Die Probleme der deutschen Expertenhörigkeit

Problematische Situationen der deutschen Expertenhörigkeit entstehen, wenn die dazugehörigen Experten durchdrehen und (fast) niemand widerspricht. Es kommt dann zu Momenten der kollektiv überspielten kaiserlichen Nacktheit. Kontrafaktisch angerührter Hyperquark droht, für sinnvoll oder vernünftig oder wirklichkeitsnah gehalten zu werden.

Die digitale Sphäre ist dafür ein hervorragend geeigneter Projektionsraum. Das liegt daran, dass gut zwei Dekaden Digitalität aus der Perspektive eines gesellschaftlichen Verständnisses betrachtet ein kurzer Zeitraum sind. Und dass die digitale Sphäre durch ihre Virtualität nicht greifbar und damit schwer begreifbar ist. Deshalb lassen sich zum Netz so einfach alle möglichen Vergleiche und Sprachbilder verwenden: Nur positive und negative Ladungen existieren (halbwegs) physisch, alles andere sind ohnehin schon Metaphern.

Am Tiefpunkt einer Debatte kommt der Nazi-Vergleich

Am 11. August 2016 ist der vorläufige Tiefpunkt der deutschsprachigen Debattenkultur um die digitale Sphäre erreicht worden. Und zwar von niemand anderem als dem fremd ernannten Großphilosophen der europäischen Linken.

Slavoj Zizek hat das Smartphone-Spiel "Pokémon Go" direkt mit der Judenverfolgung der Nazis verglichen. Wirklich wahr. Ernsthaft. Explizit. Ein Handyspiel. Mit der institutionalisierten Ideologie, die zur Maschinerie des Mordens an Millionen Juden führte. Einer dieser Momente, in denen man hofft, alles würde sich als supergeschmacklose Jan-Böhmermann-Satire herausstellen. Aber nein, das ist echt.

Um zu zeigen, dass in Zizeks Worten wenig Interpretationsspielraum vorhanden ist, hier das Zitat, mit viel Kontext, um jeden Anschein des "Aus-dem-Zusammenhang-Reißens" zu vermeiden:

"SixthSense führt uns einmal mehr die Ideologie vor Augen, die in der Technik am Werk ist: Das Gerät imitiert und materialisiert die ideologischen Mechanismen der Verkennung beziehungsweise Missachtung, von denen unsere alltäglichen Wahrnehmungen und Interaktionen überdeterminiert sind. Verhält es sich mit 'Pokémon Go' nicht ganz ähnlich? Und hat Hitler den Deutschen nicht das Fantasiebild seiner nationalsozialistischen Ideologie beschert, durch dessen Raster sie überall ein besonderes 'Pokémon' - 'den Juden' - auftauchen sahen, das sie mit einer Antwort auf die Frage versorgte, wogegen man zu kämpfen habe?"

Uff. Nicht die erste, aber vielleicht die wichtigste Frage ist, wie man Slavoj Zizek in irgendeiner Beziehung noch ernst nehmen kann oder will. Die Frage, was Zizek eigentlich für ein Bild der Judenverfolgung hat, muss auch gestellt werden.

Hier möchte ich mich auf eine andere Frage konzentrieren und auch gleich die Antwort darauf geben. WTF? Übersetzt: Warum zum Henker glaubt Zizek, dass ein Juden-Pokémon-Vergleich in einer Debatte über die digitale Sphäre sinnvoll ist?

Die Antwort kann nur lauten: Er glaubt es wahrscheinlich nicht, aber es ist ihm scheißegal. Er nimmt eine aktuelle, digitale Entwicklung, eigentlich egal welche, und knüpft eine an der dritten Ableitung der Haare herbeigezogene Verbindung dran. Die hat ein einziges Ziel: die Erzeugung der maximal möglichen Fallhöhe. Da helfen Hitler und Holocaust immer.

"Schlecht begründete Vermutungen über das Internet"

Das ist das aktuell absurdeste und widerlichste Symbol für die Verbogenheit der Digitaldebatte in diesem Land. Es beginnt damit, dass Zizek mutmaßlich niemals "Pokémon Go" gespielt oder den Gegenstand seiner Aussage live untersucht haben dürfte. Gut, man muss noch kein Ei selbst gelegt haben, um seinen Geschmack beurteilen zu können. Aber man sollte das Ei schon selbst essen und nicht nur Zeitungsartikel über Eier lesen.

Es ist ein wiederkehrendes Element der Diskussion über Internet und Digitalkultur, dass das Besprochene nur vom Hörensagen bekannt ist: Anscheinskenntnis, Fernexpertise. Man erkennt solche Beiträge (neben der fehlenden Selbstskepsis) oft an kleinen und großen faktischen Fehlern, an nachgeplapperten Allgemeinplätzen und an der Inszenierung noch der schlichtesten Banalität als planetenbahnbrechende Großerkenntnis des 21. Jahrhunderts.

Ein Sammelband "Schlecht begründete Vermutungen über das Internet" ließe sich jedes Jahr mühelos als zwölfbändige Ausgabe im Schmuckschuber herausgeben. Ironischerweise stammen die meisten darunter - von Experten. Die Internet-Debatte krankt auch daran, dass die notwendige Zweckehe zwischen Experten und Massenmedien an ihren Rändern ins Bekloppte ausfranst.

Monströse Metaphern, monströse Aufmerksamkeit

Es geht Teilen der medial dargestellten Expertenschaft darum, möglichst absurde bis monströse Vergleiche und Metaphern zu finden von "digitale Demenz" bis "'Pokémon Go' ist wie die Judenverfolgung". Das ist natürlich Absicht. Die griffige Alliteration von "digitale Demenz" taugt dabei ebenso als Indiz wie die Übertreibung, der inhaltliche Superlativ von Zizek, größer als Judenverfolgung und damit "Holocaust" geht schließlich nicht.

Die Funktion solcher Radikalismen ist Vermarktung. Das ist nicht Debatte, das ist Werbung, Zizek bringt das Produkt Zizek ins Gespräch. Im Herbst kommt sein neues Buch, irrer Zufall. Titel und Erscheinungstermin stehen übrigens auch unter dem Text, Luftlinie vier Zentimeter vom Pokémon-Juden-Vergleich entfernt.

Und wer mit Holocaust-nahen Hitler-Vergleichen für sich wirbt, scheint mehr als nur ein bisschen verzweifelt, das erreicht Trump'sche Dimensionen der Knalleffekthascherei. So arbeiten also führende Denker der digitalen Gesellschaft. Zumindest, wenn die Zielgruppe die deutschsprachige Öffentlichkeit ist. Die tatsächlich alles zu schlucken scheint, wenn es von nicht selbst erklärten Experten stammt.

Expertenhörigkeit hat fatale Folgen

In der Debatte über das Internet wirkt dieser Auswuchs der Expertenhörigkeit fatal. Dass Expertise und medial inszenierte Expertise voneinander abweichen können, ist nicht neu (und ich selbst profitiere natürlich auch von publizistischen Zuschreibungen und bin trotz einer gewissen Bemühung alles andere als frei von den beschriebenen Mechanismen).

Aber eine solche Steigerung der Totschlag-Argumentation wie von Zizek - man könnte sie Massenmord-Argumentation nennen, haha - verhindern Diskussionen. Mit Holocaust-nahen Vergleichen eröffnet man keine Debatte über eventuell problematische Aspekte von Augmented Reality, man verhindert sie.

Das geschieht in digitalen Angelegenheiten verdächtig oft. Gleichzeitig ist diese Imitation einer Debatte in Deutschland oft genug politisch wirksam. Wie lange dauert es wohl, bis nach einem "Pokémon-Go"-Judenverfolgungsvergleich von Slavoj Zizek die ersten Rufe nach einem Verbot des Spiels ertönen?

Sie werden kommen von Leuten, die das Spiel aus Angst vor schlimmen Algorithmen nicht nur nicht heruntergeladen haben, sondern auch noch stolz auf ihre Nichtbenutzung dieses Teufelszeugs und damit ihr Nichtwissen sein werden. Erst kürzlich bei den Wortmeldungen zum "Darknet" war genau das zu besichtigen: digitale Vermutungspolitik, geboren aus einem an Anekdoten und willkürlichen Metaphern orientierten sowie weitgehend ahnungsarmen Diskurs.

Dabei wären Debatten gerade um die definitiv vorhandenen schlechten Seiten des Netzes notwendig - gern emotional, aber wenigstens halbwegs redlich geführt. Von der netzbasierten Radikalisierung islamistischer und völkischer Mörder über die (vermeintliche) Vermessbarkeit und (tatsächliche) Vermarktbarkeit des Menschen durch das Smartphone bis zur algorithmisch gesteuerten Drohnenermordung eventueller Terroristen - die digitale Sphäre platzt vor aktuellen wie essenziellen Fragen zu Leben und Tod.

tl;dr

Stand der Digitaldebatte: Slavoj Zizek wirbt für sein neues Buch mit einem Vergleich von Pokémon-Jagd und Judenverfolgung.



insgesamt 52 Beiträge
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Seite 1
stillerausderhauptstadt 17.08.2016
1. I disagree!
Die korrekte Übersetzung für WTF ist: "what the front door".
ner0_me 17.08.2016
2. Irrelevant
Unabhängig ob Zivilisationsfortschritt oder nicht, bei der Benutzung eines solchen Vergleichs diskreditiert sich der Autor selbst. Die Aussage "Digitalismus" wäre eine "Verblödungsmaschine" erscheint mir ebenfalls als eine nicht gerade fundierte Meinung. "Digitalismus" kein deutsches Wort und falls die Digitalisierung gemeint ist bzw. dessen Auswirkungen, dann wäre das ein zu weit gefasster Oberbegriff, als dass man ihn pauschal kritisieren könnte. Als Zusatz zur Smartphone App "Pokémon GO" sei gesagt, dass es mich wundert wie jeder eine Meinung dazu haben muss. Über den Sinn und Unsinn vieler anderer Freizeitbeschäftigungen ließe sich ebenfalls hervorragend diskutieren.
jeanduchamp 17.08.2016
3. Warum
so getroffen, Herr Lobo? Der zitierte Abschnitt ist mindestens so schlau, wie vieles, was man gerne von Ihnen liest. Interessant, den aktuell grassierenden Spieltrieb mit dem Ausgrenzen eines Bevölkerungsanteils als brutales Gemeinschaftserlebnis zu vergleichen. Selber haben Sie auch, wenn ich mich recht erinnere, zurecht darauf hin gewiesen, dass z.B. eine Grundlage der sozialen Medien das Ein- und Ausgrenzen ist. Egal, Zizek, spricht von einem der Vorspiele dessen, was zum Holocaust geführt hat. Diskutierbar, aber nicht skandalös. Einfach noch mal kulturelle Psychoanalyse bei Theweleit lesen und nicht Fleischhauern.
danmage 17.08.2016
4.
Zitat von jeanduchampso getroffen, Herr Lobo? Der zitierte Abschnitt ist mindestens so schlau, wie vieles, was man gerne von Ihnen liest. Interessant, den aktuell grassierenden Spieltrieb mit dem Ausgrenzen eines Bevölkerungsanteils als brutales Gemeinschaftserlebnis zu vergleichen. Selber haben Sie auch, wenn ich mich recht erinnere, zurecht darauf hin gewiesen, dass z.B. eine Grundlage der sozialen Medien das Ein- und Ausgrenzen ist. Egal, Zizek, spricht von einem der Vorspiele dessen, was zum Holocaust geführt hat. Diskutierbar, aber nicht skandalös. Einfach noch mal kulturelle Psychoanalyse bei Theweleit lesen und nicht Fleischhauern.
Sorry, Sie können noch so viele Bücher über kulturelle Psychanalyse, Gruppendynamik oder Massenphänomene lesen. Wenn der Vergleich von Grund auf so dermaßen hirrissig ist, hilft auch kein Relativieren und bietet auch keine Diskussionsgrundlage.
orakel69 17.08.2016
5.
Die orangenen Pillen waren eigentlich für 22:00 Uhr gedacht und nicht die blauen! So einen Wortmüll hab ich lange nicht gelesen! Sorry!
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