Digitale Gewalt gegen Frauen Spammen, spannen, stalken

Über die digitale Seite von Gewalt wird wenig gesprochen - dabei verlagern sich Belästigung und Schikane zunehmend ins Netz. Das Internet bietet allerdings auch Wege, sich zu wehren.

Laufende Frau (Wärmebild)
Marius Schwarz/ imago images

Laufende Frau (Wärmebild)

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Als Familienministerin Franziska Giffey (SPD) im November die neue Kampagne für das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" vorstellte, ging es in der Mitteilung ihres Ministeriums beispielsweise um Mobbing, Stalking, Bedrohung, Zwangsheirat, Vergewaltigung und Mord. Von Passwörtern, Routern oder Smart-Home-Technologie war in dem Text keine Rede - dabei hätte auch das gepasst.

Denn gut einen Monat später zeigte die Politologin und Aktivistin Anne Roth auf dem Kongress des Chaos Computer Clubs in einem Vortrag, dass die Themen Gewalt und Technik mitunter zusammengehören können - nur, dass das bislang kaum jemand auf dem Schirm hat.

Die Zahlen sind auch denkbar dürr, Roth verwies unter anderem auf das Ergebnis einer Umfrage von Amnesty International aus dem Jahr 2017. Dabei wurden 500 Frauen zwischen 18 und 55 Jahren in sechs EU-Staaten, Neuseeland und den USA befragt. Fast ein Viertel (23 Prozent) davon gab an, schon einmal digitale Gewalt erlebt zu haben.

Manches trifft mehr Männer, anderes eher Frauen

Dass es wenige belastbare Zahlen gibt, liegt laut Roth auch daran, dass das Thema in Deutschland bislang nicht als Problem wahrgenommen wird, oder nur in bestimmten Fällen. "Zumindest Hate Speech und Onlinemobbing sind mittlerweile bekannter und werden öffentlich diskutiert", sagt sie. Bei anderen Themen sei das nicht der Fall.

Trotzdem ist digitale Gewalt ein Thema, das derzeit offenbar viele beschäftigt: Auf der Netzkonferenz re:publica in Berlin gab es gleich mehrere Vorträge und Workshops, die sich mit Einschüchterung und Bedrohung von Frauen im Netz befassten. Die Journalistin Courtney Tenz erklärte, wie Frauen mit ungefragt zugeschickten Penisbildern oder Drohungen im Netz umgehen können, Sigi Maurer sprach über ihren eigenen Kampf gegen sexistische Hassnachrichten, auf einem Podium ging es um Mobbing, Fakes und Hetz im Netz.

Dem Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe in Deutschland bff zufolge handelt es sich um digitale Gewalt, wenn Menschen mit digitalen Mitteln wie Handy oder Internet "gezielt fertig gemacht, beleidigt, bloßgestellt, isoliert, beschimpft, erpresst und bedroht werden". Zu dem Phänomen zählen verschiedene Angriffsformen, mit denen die Täter eine Herabsetzung, Rufschädigung, soziale Isolation und die Nötigung oder Erpressung eines bestimmten Verhaltens der Betroffenen erreichen wollen.

Keinesfalls richtet sich das nur gegen Frauen: "Digitale Gewalt kann alle betreffen. Unter den Begriff fallen Straftaten, aber auch Übergriffigkeit und verbale Gewalt - zum Beispiel auch der Shitstorm im Internet, von dem eher Männer betroffen sind", sagt Anne Roth. "Doch es gibt auch eine digitale Seite von häuslicher Gewalt oder Straßenaggressivität, davon sind Frauen stärker betroffen."

Das hängt Roth zufolge auch damit zusammen, wie in vielen Haushalten die Macht verteilt ist - über die technischen Geräte. "Gerade im Bereich häusliche Gewalt ist es einfach so, dass Männer sehr viel häufiger Täter und Frauen Opfer sind", sagt sie, "und das wird durch Technik auch noch mal dadurch verstärkt, dass die Kontrolle über die Technik in vielen Beziehungen und Familien nicht beide gleichermaßen haben, sondern häufig die Männer." (Lesen Sie hier mehr zum Thema digitale häusliche Gewalt.)

Kontrolle über das Handy - auch nach der Trennung

Die technologische Macht liege bei der Person, die das Passwort für den Router hat, die die Verträge schließt und die PINs kennt - und die sich mit der Technik besser auskennt. Wer zu Hause über die Geräte bestimmt, habe beispielsweise Möglichkeiten, die anderen Familienmitglieder zu überwachen: "Bei uns zu Hause wüsste ich zum Beispiel, wer von denen wann mit wem telefoniert und wer wann wie lange im Internet ist", sagt Roth. "Das kann jeder herausfinden, der einen Router bedienen kann."

Es gebe aber auch viele Pärchen, wo der Mann der Frau das Smartphone einrichte oder sogar kaufe, sagt Roth. "Und in manchen Fällen hat sich das Pärchen getrennt, aber er hat immer noch die Kontrolle über ihr Handy." Und um Kontrolle gehe es meist, da sei Technik durchaus ein geeignetes Mittel.

Das sagt auch Riccarda Theis von der Opferhilfeorganisation Weißer Ring. Stalker etwa belästigten ihre Opfer meist auf verschiedenen Wegen gleichzeitig, um möglichst viel Kontrolle auszuüben und das Opfer einzuschüchtern und zu isolieren. "Die digitale Welt erweitert die Angriffsfläche für Belästigungen und Nachstellungen", sagt Theis dem SPIEGEL. "Der Stalker steht jetzt nicht mehr nur morgens und abends vor der Haustür, sondern er hat das Opfer 24/7 im Visier."

Lesetipp zum Thema Stalking

Eine angezeigte Tat auf Hunderte nicht angezeigte

Viele Delikte aus dem Bereich der digitalen Gewalt werden nicht angezeigt - aus unterschiedlichen Gründen. Bei sexueller Belästigung beispielsweise ist die Dunkelziffer grundsätzlich hoch - online wie offline. Laut dem Cyberkriminologen Thomas-Gabriel Rüdiger sei aber die Wahrscheinlichkeit, dass ein internetbezogenes Delikt zur Anzeige kommt, noch wesentlich geringer als im physischen Raum.

Sexualdelikte seien Fälle, die oft von den Opfern nicht zur Anzeige gebracht würden, sagt er. "Der Rechtsstaat - vor allem im Sinne einer Strafverfolgungswahrscheinlichkeit - deckt das noch nicht hinreichend ab, deswegen denken Menschen teilweise, eine Anzeige lohne sich nicht."

Studien würden hier je nach Delikt darauf hindeuten, dass eine angezeigte Tat Hunderten nicht angezeigten Taten gegenüber stünde. "Dies führt zu einer geringen Strafverfolgungswahrscheinlichkeit, was wiederum das Gefühl der Rechtsfreiheit - dem Broken-Web-Phänomen - im Internet intensivieren kann", so Rüdiger.

Die Struktur der Sicherheitsbehörden in Deutschland sei bedingt durch den Förderalismus noch nicht hinreichend auf einen globalen, vernetzten Raum eingestellt, sagt der Cyberkriminologe: "Wir agieren auch bei digitalen Phänomenen häufig nach Ländergrenzen, obwohl es überhaupt keinen Unterschied zwischen Berlin, Sachsen oder Baden-Württemberg gibt."

So können sich Betroffene wehren

Frauen, die Ziel eines Shitstorms geworden sind, sollten sich in jedem Fall wehren, sagt Gilda Sahebi vom No Hate Speech Movement. "Justiziable Kommentare müssen zur Anzeige gebracht werden. Dabei sollten von Hate Speech Betroffene den Shitstorm nicht selbst nach strafbaren Inhalten 'durchkämmen', sondern dies an Vertraute abgeben, da die psychische Belastung einfach zu groß ist", empfiehlt sie. Ist die emotionale Belastung zu hoch, sollten sich Betroffene auch professionelle Unterstützung suchen.

"Öffentlichkeit kann beim Umgang mit einem Shitstorm helfen", sagt Sahebi. "Zum einen, weil Solidarität innerhalb der Netzgemeinde erweckt und Gegenrede aktiviert werden kann. Zum anderen, weil durch Öffentlichkeit das Bewusstsein für das Thema Hassrede steigt." Es bleibe aber ein Dilemma: Öffentlichkeit könne wiederum zu mehr Hassrede führen.

Noch schwieriger ist die Situation, wenn Betroffene sich gegen Täter wehren müssen, mit denen sie in einer Beziehung waren oder die sie kennen, wie es etwa häufig beim Stalking der Fall ist. "Der erste Schritt ist, sich einzugestehen, dass man Opfer von Stalking geworden ist und sich dafür nicht schämen muss", sagt Riccarda Theis von der Opferhilfeorganisation Weißer Ring. "Man hat ein Recht darauf, Nein zu sagen, und muss auch den Tätern mitteilen, dass man das nicht möchte."

Öffentlichkeit könne Täter abschrecken - denn obwohl Stalker ihr Opfer unaufhörlich belästigen und immer wieder auf sich aufmerksam machen, geschieht dies oft so, dass andere nichts davon mitbekommen.

Auch wenn Betroffene oft den Impuls haben, die belastenden Angriffe zu löschen, sollten die digitalen Beweise gesichert, Screenshots und Nachrichten gespeichert werden. Berater empfehlen, chronologische Tagebücher über die Angriffe zu führen, Mit der neuen App "No Stalk" des Weißen Rings lassen sich SMS- und WhatsApp-Nachrichten digital speichern sowie Ton- und Sprachaufnahmen anfertigen. Betroffene sollten ihr Umfeld aufklären und auch zur Polizei gehen, rät Theis.

Ausführliche Hilfe für Opfer bietet der Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe auf seiner Webseite und auf der Seite "Aktiv gegen digitale Gewalt". Dort gibt es auch Informationen zur Techniksicherheit.

"Vor allem sollten Betroffene nicht allein mit ihrem Problem zu Hause sitzen, sondern unbedingt mit jemandem reden", sagt Anne Roth, "ob nun mit einer Frauenberatungsstelle, mit einer Anwältin oder einfach mit einer Freundin." Erst recht brauche sich niemand seiner Unwissenheit zu schämen: "Es verschärft das Problem, dass manche Leute vielleicht nicht zugeben möchten, sich mit der Technik nicht auszukennen. Dabei ist das völlig okay."



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