Sascha Lobo

Digitalisierungsdrama in Deutschland Hauptsache, es funktioniert für mich

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Deutschland ist ein Digital Failed State, jedenfalls gemessen an seinen Möglichkeiten. Wir leiden unter einem Funktionierfetisch: Solange alles läuft wie gewohnt, gilt jede Veränderung als potenzielle Bedrohung.
Nur zehn Prozent der Eltern empfanden den Wechsel zum digitalen Unterricht als reibungslos

Nur zehn Prozent der Eltern empfanden den Wechsel zum digitalen Unterricht als reibungslos

Foto: Stefan Puchner/ dpa
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Immerhin kann man Deutschland keine mangelnde Gründlichkeit vorwerfen. Im Gegenteil schafft es dieses Land, mit größter Sorgfalt fast jede Dimension der Digitalisierung zu versauen. Immer noch, immer wieder. Auf diese Weise schimpfe ich seit mindestens zehn Jahren, leider zu Recht, aber eigentlich kann ich es selbst nicht mehr hören. Drei Schlagzeilen allein aus den letzten drei Tagen:

"Nirgendwo lief der Umstieg auf Digitalunterricht so schlecht wie in Deutschland"
Eine Studie hat führende Industrieländer verglichen, Deutschland liegt ganz hinten. Nur zehn Prozent der Eltern empfanden den Wechsel vom Präsenzunterricht zur digital vernetzten Variante als reibungslos gelungen. Fünfzig Prozent der Eltern meinten, die Schulen seien "gar nicht" vorbereitet gewesen.

"Das Ergebnis ist alarmierend"
Das sagt  der Präsident des Bundesverbands Digitale Wirtschaft zur Vorstellung des "KI-Monitors" . Es handelt sich um ein Gutachten zum Einsatz von Künstlicher Intelligenz in Wirtschaft und Gesellschaft in Deutschland.

"Deutschland fällt in der digitalen Wettbewerbsfähigkeit zwischen 2017 und 2019 um 52 Ränge zurück."
Das European Center for Digital Competitiveness untersucht in zehn verschiedenen Kategorien, wie digital wettbewerbsfähig  die Länder der Welt so sind. Deutschland verliert dabei (kumuliert) in drei Jahren 52 Rangplätze.

Im Herbst 2020 gilt: Deutschland ist ein Digital Failed State - wenn man das Land an den eigenen Möglichkeiten misst. Das digitale Staatsversagen lässt sich nicht nur an den Einschätzungen der drei sehr verschiedenen Studienurheber ablesen. Sondern auch am Evergreen-Thema digitale Infrastruktur. Durch Corona verzögert liegen inzwischen die jüngsten Zahlen zur Glasfaserverkablung  bis in die Haushalte (FTTH) vor, der mit Abstand wichtigsten und zukunftsfähigsten Dateninfrastruktur, Stand 2019.

Bei der technisch möglichen Abdeckung kommt Norwegen auf 90 Prozent, Spanien auf 85 Prozent, Frankreich auf 57 Prozent, der Durchschnitt der EU-28 beträgt 39 Prozent. Deutschland liegt bei zehn Prozent.

Die Freude am Funktionieren...

Wenn man die ohnehin stets besser versorgten Städte weglässt, dramatisiert sich das Bild. Nur sechs Prozent der ländlichen Haushalte wären technisch überhaupt in der Lage, einen Glasfaseranschluss legen zu lassen. In Spanien sind es 42 Prozent, dabei leben dort im Schnitt nur 93 Menschen je Quadratkilometer. In Deutschland sind es 233.

Das Trauerspiel wiederholt sich bei den Zahlen der tatsächlichen FTTH-Abonnenten: Schweden 56, Spanien 54, Norwegen 39, Frankreich 25 Prozent der Haushalte. Deutschland hat sich auf drei Prozent hochgekämpft.

Und so ließen sich immer weiter und weiter die verschiedenen Aspekte des digitalen Staatsversagens beleuchten, unter besonderer Berücksichtigung der wenigen (aber immerhin vorhandenen) positiven Entwicklungen. Aber die eigentliche Frage lautet natürlich, warum das so ist. Wieso lassen sich die Leute erbärmlichen Handyempfang über Jahrzehnte gefallen, absurde Preise für Datenübertragungen oder herbeigemauschelte Quatschgesetze? Warum kündigen Bundesregierungen seit fast zwanzig Jahren an, jetzt dann endlich schnelles Internet zu erzwingen, und es geschieht nicht? Warum kündigt die Bundesregierung Ende 2019 einen Zukunftsfonds über 10 Milliarden Euro  an, aber muss im Juli 2020 von den eigenen Leuten  öffentlich ermahnt werden, dass er doch bitteschön langsam und in voller Höhe kommen solle? Es gab dafür schon viele Erklärungsversuche: die schwierige Altersstruktur des Landes, die zu träge, satte Wirtschaft, die Überhöhung des Datenschutzes, die zu geringe Risikokapitalbereitschaft, das veraltete Verständnis von Innovation, die verbreitete Netzfeindlichkeit.

Wahrscheinlich ist keiner dieser Gründe ganz falsch. Aber ich möchte einen anderen, tieferen Ansatz anbieten - und zwar etwas überraschend eine strukturell positive Erklärung. Denn es läuft schon zu lange zu viel zu falsch, eigentlich muss etwas dahinterstehen, das aus der Nähe nicht als Bedrohung, sondern als Vorteil wahrgenommen wird. Nur eben mit katastrophalen Nebenwirkungen.

Ich glaube, es ist die Freude am Funktionieren.

Deutschland ist das Land des Funktionierens und das nicht nur in technischer, sondern auch in gesellschaftlicher Hinsicht. Alles und alle müssen funktionieren, gefälligst, und wenn es nicht funktioniert, darf man sich beschweren. Das deutsche Funktionierdiktat ist so eindrücklich, dass der deutsche Begriff für die diesbezüglich schlimmste Diagnose - kaputt! - weltweit verstanden wird.

... gerinnt zum Glück der Gewohnheit

Wenn aber Funktionieren das höchste Gut ist, dann ist jede Veränderung eine potenzielle Bedrohung. Selbst wenn sie mit dem Versprechen einhergeht, danach könnte alles besser werden. Ja, aber funktioniert es dann auch noch? - das ist beim digitalen Wandel eine oft sehr berechtigte Frage. Die Antwort darauf ist sehr viel individueller als man glauben könnte. Denn die meisten Menschen verstehen unter "das funktioniert" eigentlich "das funktioniert für mich".

Und "das funktioniert für mich" verschmilzt nach einiger Zeit kaum auflösbar mit "das bin ich so gewohnt". Zack, ist die Freude am Funktionieren geronnen zum Glück der Gewohnheit. Solange also gesellschaftliche Prozesse für die ältere, weniger vernetzte, digital genügsamere Mehrheit funktionieren, erscheinen sie nicht nur akzeptabel. Es gibt auch einen Widerstand gegen möglicherweise funktionsgefährdende Veränderungen. Inklusive einer großen Portion Irrationalität und Egozentrik.

Deshalb wird Schülerinnen und Schülern eine digitale Zumutung nach der anderen vorgesetzt - früher, bei uns, hat es doch auch funktioniert. Bei Lehrerinnen und Lehrern ist es übrigens ganz ähnlich. In Dänemark bekommen 91 Prozent der Lehrpersonen  ihre digitale Geräteausstattung von der Schule gestellt. In Deutschland sind es vier Prozent. Alles, was über das bloße Funktionieren der Schule in den vordigitalen Grenzen von 1990 hinausgeht, ist offenbar irgendwie Privatsache.

Aber was tun? Vielleicht lässt sich der deutsche Funktionierfetisch nicht besiegen, vielleicht wäre das auch kontraproduktiv, schließlich ist der wohlstandssichernde Export deutscher Maschinen nicht ganz unwesentlich mit der Freude am Funktionieren verbunden. Aber vielleicht kann man diese Funktionierfreude um die wichtigste, menschliche Eigenschaft des heraufziehenden 21. Jahrhundert ergänzen: Empathie. Dass sich also an die Feststellung: "Das funktioniert für mich" die Frage anschließt: "… aber funktioniert es auch für dich?" Wenn wir nur endlich auf diesen Pfad einschwenkten! Deutschland würde bereits in wenigen Dekaden ein überzeugendes Konzept für digitale Bildung in Zeiten einer Pandemie erarbeitet haben.

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