Datenexpertin Mina Saidze

Datenexpertin Mina Saidze

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Julia Steinigeweg / DER SPIEGEL / Fotografiert in der Factory Berlin

Diversität in der IT Vom Algorithmus vergessen

Die IT-Branche ist überwiegend weiß und männlich. Das führt häufig dazu, dass Software Vorurteile reproduziert. Die Politik will das ändern, bietet aber kaum mehr als Floskeln. Eine private Initiative hat bessere Ideen.

Mina Saidze musste in ihrem Leben mehrmals Grenzen überwinden. Die Tochter politischer Aktivisten aus Afghanistan war schon in der Schule eines der wenigen Kinder mit Migrationsgeschichte. Sie erfuhr Diskriminierung, wurde gemobbt, aber entwickelte die Kraft, sich durchzusetzen. In der Schule programmierte sie zum ersten Mal einen Code. Später, neben ihrem VWL-Studium, brachte sie sich selbst Programmiersprachen wie Python oder SQL bei.

Nach dem Studium gelang Saidze der Einstieg in die Techbranche. Heute arbeitet sie bei einem Onlinehandelskonzern, analysiert Daten über das Nutzerverhalten und leitet daraus Empfehlungen für Strategien oder neue Produkte ab. Aber da ist noch eine neue Grenze. Sie fühle sich »wie ein Ausreißer im Datensatz«, sagt die 28-Jährige im Videocall mit dem SPIEGEL.

»Der Fokus auf Frauen ist zu eindimensional«

Saidze ist aufgefallen, »dass ich als Frau und Person of Color in meiner Branche eine Ausnahme bin«. Im Büro, auf Meetings oder Konferenzen. »Ein Kollege in der gleichen Position hat mich gefragt, ob ich einen Code selbst geschrieben habe«, sagt sie. Sie muss sich Kommentare über ihre feminine Kleidung anhören. Mina Saidze beschließt, etwas dagegen zu tun.

Die Techbranche gilt als jung und hip, innovativ und agil. Doch sie ist vor allem eins: männlich. Laut einer Bitkom-Studie von 2019 stammt nur jede siebte Bewerbung auf eine Stelle für IT-Spezialisten von einer Frau. Der Anteil von Frauen in der Techbranche lag 2020 laut Eurostat nur bei gut 17 Prozent. Zwar wollen zahlreiche Initiativen aus Politik und Wirtschaft Frauen in Techberufen fördern, doch sie gehen oft nicht weit genug.

»Der Fokus auf Frauen ist viel zu eindimensional gedacht und sorgt nur für weitere Ausschlüsse«, sagt Mina Saidze. Sie wünscht sich, dass auch Menschen mit Migrationshintergrund und People of Color stärker einbezogen werden. Deshalb hat Saidze »Inclusive Tech« gegründet, eine Lobby- und Beratungsorganisation, die sich für mehr Diversität in der Techindustrie einsetzt.

Eine Branche mit einem Gerechtigkeitsproblem

»Die Entwicklung von Software und Algorithmen kann echte Konsequenzen für unterrepräsentierte Gruppen haben«, sagt Saidze. Die künstliche Intelligenz (KI) könne frauenfeindlich oder rassistisch sein, wenn der Algorithmus nicht diskriminierungsfrei trainiert werde. Wenn nur junge, weiße Männer an der Entwicklung beteiligt seien, könne etwa eine Recruiting-Software Kandidatinnen und Kandidaten mit Migrationshintergrund ausfiltern.

Das betrifft auch Suchmaschinen. Bei Google Bilder sind Frauen in den Suchergebnissen für vermeintlich männerdominierte Berufe unterrepräsentiert und oft stereotyp dargestellt. Das ist keine böse Absicht, sondern liegt an den vorhandenen Daten aus dem Internet. Doch auch hier kommt es auf die Algorithmen an – und auf diejenigen, die sie programmieren. Ein besonders eingängiges Beispiel: ein Seifenspender, dessen auf Helligkeit programmierter Sensor eine weiße Hand erkennt – aber nicht die eines Schwarzen.

Algorithmen lernen aus Beispieldaten, erläutert Vanessa Cann, Geschäftsführerin des KI-Bundesverbands. »Werden Daten nicht repräsentativ ausgewählt, kann es zu Verzerrungen in den Datensätzen und dadurch auch in den Ergebnissen kommen«, sagt Cann. Diverse Teams würden diskriminierende Datensätze leichter erkennen. Canns Einschätzung macht deutlich: Ihre Branche hat ein Gerechtigkeitsproblem.

»Unterprivilegierte Menschen kennen die richtigen Angebote gar nicht«

Mina Saidze, Datenanalystin und Aktivistin

Dieses Problem treibt auch Mina Saidze an. Mit kostenlosen Workshops und Mentoring möchte sie unterrepräsentierten Gruppen den Weg in ihre Branche erleichtern und mit Vorträgen und Studien die Aufmerksamkeit auf das Problem richten. Ihre Organisation hat nach eigenen Angaben mehr als 4500 Unterstützerinnen und Unterstützer aus ganz Europa. Doch das reicht Saidze nicht.

Der Staat müsse mehr Verantwortung für unterrepräsentierte Gruppen übernehmen, fordert sie. Das fange in der Schule an, dürfe aber nicht beim Jobcenter enden. Eine SPIEGEL-Anfrage zeigt, dass Union und SPD das Thema nur bedingt auf dem Schirm haben. Die CSU antwortet, man wolle »gerade junge Frauen« zu einem Studium »im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich« ermuntern.

Politik denkt bei Diversität vor allem ans Geschlecht

Diversität heißt hier also vor allem: gemischte Teams aus Mann und Frau. Von sozialer Herkunft oder Migrationsgeschichte ist keine Rede. Die SPD teilt zwar mit, Algorithmen müssten vorurteilsfrei programmiert sein und auf diskriminierungsfreien Daten basieren – der Satz stammt wortwörtlich aus dem Parteiprogramm. Doch wie das überprüft werden soll, bleibt offen. Auch in anderen Wahlprogrammen finden sich, wenn überhaupt, Floskeln und die Verweise auf Initiativen.

Daniel Breitinger vom Digitalverband Bitkom fordert nicht nur, dass die Unternehmen »Frauen und gesellschaftlich unterrepräsentierte Gruppen aktiver ansprechen« müssten. Ein gesamtgesellschaftliches Umdenken gelinge nur durch staatliche Förderprogramme und öffentlichkeitswirksame Kommunikationskampagnen. Aus Sicht des KI-Bundesverbands müsse es einen öffentlichen Fonds geben, der Gründerinnen und Gründer mit Migrationshintergrund unterstützt.

Auch Mina Saidze möchte sich mit den bestehenden Initiativen nicht zufriedengeben. Bis Ende 2021 will sie ihr Mentoringprogramm von 10 auf 100 Personen ausdehnen und ihr Spektrum ausweiten. »Oft sind die Teilnehmerinnen bei Techevents für Frauen ein sehr privilegierter Teil der Gesellschaft. Unterprivilegierte Menschen kennen diese Art von Angeboten oft nicht«, sagt sie. Wie in den USA müssten unterprivilegierte Gruppen gezielt gefördert werden. Damit die Branche wirklich diverser werde.

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