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11. Januar 2017, 17:27 Uhr

Angebliches Trump-Dossier auf "Buzzfeed"

Wer ist hier die Lügenschleuder?

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"Buzzfeed" hat ein Dossier voller Anschuldigungen gegen Donald Trump veröffentlicht - ohne sagen zu können, ob sie stimmen. Nun ist das Portal mitten in einer Debatte um Fake News und journalistische Ethik.

Das amerikanische Nachrichtenportal "Buzzfeed" hat pikante Anschuldigungen gegen den künftigen US-Präsidenten Donald Trump veröffentlicht - und sich so ins Zentrum einer Debatte um journalistische Ethik und Fake News manövriert.

Was ist passiert?

Das Entertainment- und Nachrichtenportal "Buzzfeed" veröffentlichte ein angebliches Dossier eines britischen Ex-Agenten über Trump. Nach Einschätzung von "Buzzfeed" enthalten die 35 Seiten "kompromittierende Informationen" - ob sie stimmen, sei aber nicht belegbar. Sie sollen im Besitz Russlands sein. Trump wäre damit erpressbar. In dem Dokument gibt es zum Beispiel eine Anekdote über Trump, die mit Prostituierten in einem Moskauer Hotel zu tun hat.

Vor der "Buzzfeed"-Veröffentlichungen hatten CNN, die "New York Times", die "Washington Post" und andere Medien nur recht vage berichtet, dass Trump von US-Geheimdiensten vor dem angeblichen Dossier gewarnt worden sei. Auch Barack Obama sei über das Material unterrichtet worden.

"Buzzfeed" legte nach und stellte das Dokument online. Gleichzeitig gaben die Autoren zu, dass sie die Inhalte nicht hätten verifizieren können, es sei unklar, ob das Dossier echt sei. Bislang deutet auch nach der Recherche von "Buzzfeed" kein Indiz darauf hin, dass zum Beispiel in Moskau passiert ist, was im Dossier steht.

Welche Reaktionen gab es auf das Dossier?

Kurz nach der Wahl warfen viele Beobachter Trumps Lager vor, der Republikaner hätte auch dank Fake News die Wahl gewonnen. Im aktuellen Fall sieht sich der künftige US-Präsident selbst als Opfer eines erfundenen Berichts und sprach von einer "politischen Hexenjagd" gegen ihn. Auf einer Pressekonferenz wenige Tage vor seiner Amtsübernahme sagte er: "Das sind alles Falschnachrichten, es ist alles erfundenes Zeug, es ist nicht passiert."

Dass Trump sofort, wie schon bei vergangenen Veröffentlichungen, sogleich über Fake News twitterte, macht die komplexe Lage nicht übersichtlicher. Denn von Fake News im engeren Sinne spricht man eigentlich vor allem, wenn ein Medium oder eine Internetquelle absichtlich falsche Informationen streut. Das dürfte beim namhaften "Buzzfeed"-Journalistenteam kaum der Fall sein.

Nun läuft anlässlich des Dossiers von "Buzzfeed" das bekannte Schema von Aktion-Reaktion-Trump-Entgleisung ab. Das Durcheinander von Wahrheit, Lüge, Propaganda und Gerüchten rund um Trumps Wahl wird noch ein bisschen verworrener.

Der Trump-Vertraute Michael Cohen etwa twittertemit einem Foto seines Reisepasses, er sei - anders als in dem Dossier dargestellt - noch nie in Prag gewesen. Auch der Kreml hat den Bericht als falsch zurückgewiesen. "Das ist vollkommen ausgedacht, es ist eine Ente", sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow der Agentur Interfax zufolge.

Die Veröffentlichung des Dossiers aus zweifelhafter Herkunft provozierte aber auch unter Journalisten heftige Kritik, die keine Trump-Fans sind: Wenn auch professionell arbeitende Medien unbewiesene Gerüchte über Politiker veröffentlichen, mit welchem Recht wirft man dann Verschwörungsblogs und professionellen Fake-News-Produzenten vor, ihre Erfindungen oder unbewiesenen Theorien unters Volk zu bringen? Diese Taktik genüge der journalistischen Sorgfaltspflicht nicht, twitterte etwa Investigativreporter Brad Heath.

Rückendeckung bekam "Buzzfeed" dagegen vom amerikanischen Nonprofit-Portal für investigativen Journalismus "Pro Publica". Erst die Veröffentlichung des Dossiers mache es möglich, sich umfassend damit auseinanderzusetzen.

Ist das Dokument neu?

Nein. Aus den öffentlichen Reaktionen wird auch deutlich, was "Buzzfeed" in seinem Bericht angesprochen hatte: Offenbar kursiert das Dossier schon seit Monaten unter Journalisten und Offiziellen in Washington. Die renommierte US-Journalistin Julia Ioffe, die über Russland schreibt, startete einen ironischen Aufruf unter Kollegen, wer das nun als brandheiße News verkaufte Dossier schon alles gesehen hat:

In diversen Medien fanden sich außerdem schon lange vor den aktuellen Berichten Hinweise auf das vermeintliche Trump-Dossier. Die Seite "Mother Jones" weist in einem Artikel vom Oktober schon vor der Wahl auf die Existenz des Dossiers hin, auch "Newsweek" erwähnte es in einem Text vom November. Veröffentlichen wollte es niemand. Bis jetzt.

Wie verteidigt sich "Buzzfeed"?

"Buzzfeed" hat sich in den USA längst von seinem Katzenbilder- und Ranglisten-Erbe gelöst und eine beachtliche Investigativ-Abteilung auf die Beine gestellt. Es publizierte rund um die US-Wahl zum Beispiel viel zitierte Recherchen zum Thema Fake News.

Man habe sich zur Veröffentlichung entschieden, damit "die Amerikaner sich selbst ein Bild machen können über Anschuldigungen gegen den gewählten Präsidenten, die auf höchster Regierungsebene zirkulierten", heißt es. In einem Memo an seine Mitarbeiter verteidigte "Buzzfeed"-Chefredakteur Ben Smith die Entscheidung: "Dieses Dossier zu veröffentlichen, zeigt, wie wir den Job eines Reporters im Jahr 2017 sehen."

Mit der Veröffentlichung verfolgt das Portal eine radikale Strategie zur Herstellung von Öffentlichkeit, die eher an die umstrittene Enthüllungsplattform WikiLeaks erinnert. Doch auch dort sieht man die "Buzzfeed"-Veröffentlichung kritisch. Per Twitter ließ WikiLeaks wissen, man halte nicht viel von dem Dokument. Es sei "eindeutig gefälscht".

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