Sascha Lobo

Trump, Putin, Johnson, Bolsonaro Die Albtraumtänzer

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Dass die USA, Russland, Großbritannien und Brasilien die Länder mit den meisten Corona-Infizierten sind, ist kein Zufall. Alle werden von Männern regiert, die bereit sind, die Wirklichkeit als optional zu betrachten.
Virenversteher Donald Trump und Boris Johnson

Virenversteher Donald Trump und Boris Johnson

Foto: PETER NICHOLLS/ AFP

Donald Trump, Wladimir Putin, Jair Bolsonaro, Boris Johnson - eine Männerriege mit vielen Gemeinsamkeiten. Es war zwar die ganze Zeit offensichtlich, aber nun ist messbar, wie wenig Interesse diese Mächtigen am Wohlergehen ihrer Bevölkerungen haben. Diese vier Männer herrschen - Stand Mitte Mai 2020 - über die vier Länder mit den meisten Corona-Infizierten weltweit. Unwahrscheinlich, dass sie um ihre Spitzenplätze so schnell fürchten müssen, aber Brasilien dürfte noch auf den zweiten Platz vorrücken. Mindestens.

Man darf sich aus linker und liberaler Perspektive die Suche nach dem Grund für die Rechtslastigkeit dieses Rankings nicht zu leicht machen. Schließlich gibt es Staaten, die autoritärer regiert werden, und mit der Ausnahme Russlands handelt es sich um echte Demokratien - wiederum Stand Mai 2020. Man darf sich die Suche nach dem Grund aber auch nicht zu schwer machen, weil die Parallelen so eindrucksvoll wie naheliegend sind. Alle haben zumindest zeitweise:

  • die Pandemie heruntergespielt oder sogar ignoriert

  • das Leben gefährdeter, älterer, kranker Menschen als Verfügungsmasse betrachtet

  • nach eigenen politischen, statt nach wissenschaftlichen Maßstäben entschieden

  • wirtschaftlichen Maßnahmen den Vorrang vor gesundheitlichen gegeben

  • und schließlich die Öffentlichkeit wider besseres Wissen getäuscht

Alle vier Machtmänner verbindet patriarchale Selbstgerechtigkeit und empathiearme Arroganz, und auch die Folgen ähneln sich: Eine mehr oder weniger ausgeprägte Beratungsresistenz sowie der Wille zur Manipulation des Publikums. Klar, dass ein gewalttätiger Autokrat wie Putin dabei anders vorgeht als ein demokratisch eingehegter Lügner wie Boris Johnson. Aber die Infiziertenzahlen sprechen für sich. Denn das Virus verbreitet sich dort optimal, wo die Menschen einerseits an eine gewisse Freizügigkeit gewöhnt sind und andererseits nicht ihr Verhalten ändern. Die vier Spitzenplätze lassen sich deshalb trotz der Unterschiede zwischen den Männern und Machtpraktiken auf die Bereitschaft zurückführen, die Wirklichkeit als optional zu betrachten.

Es gibt eine direkte Kausalität: Rechts zu sein, bedeutet, bereit zu sein, die Achtung vor anderen abzulegen, damit die prinzipielle Gleichwertigkeit aller Menschen infrage zu stellen und schließlich das Existenzrecht anderer geringer zu schätzen als das eigene. Nur auf diese Weise erscheint plötzlich angemessen, zum Beispiel Risikogruppen Schutz zu verweigern oder eine Vielzahl von Toten in Kauf zu nehmen. Allerdings handelt es sich bei der vorstehenden Definition von "rechts" um eine simple Umkehrung von aufklärerischen Grundprinzipien der Menschenwürde .

Dass rechte Politik Lebensgefahr bedeutet, war marginalisierten Menschen und allen, die sich dafür interessiert haben, immer klar. Aber selten hat sich so deutlich gezeigt, wie gnadenlos rechte Realitätsverweigerung auch in Friedenszeiten Leben kostet. Genau das ist die Verbindung zwischen den vier Anführern der infizierten Welt. Sie halten nicht nur das eigene Machtstreben für relevanter als das Leben anderer, das passiert leider häufiger. Die vier Virenversteher ordnen selbst die Wirklichkeit ihrem Machterhalt unter. Sowohl bei Trump wie auch bei Bolsonaro ließen eine Reihe von Äußerungen darauf schließen, dass sie nicht nur Propaganda betrieben ("Milde Grippe", "schon bald keine Fälle mehr"), sondern die eigenen Lügen auch selbst glaubten. Aber Viren sind unempfänglich für derartige Desinformation.

Die Fans der rechten Vorturner sind dafür umso offener, und darin liegt ein Grund für den Erfolg des Virus in rechtsregierten Ländern. Ohne Impfung und Immunität können nur Verhaltensänderungen in Bevölkerung die Verbreitung wirksam reduzieren. Wer das nicht einsehen möchte, trägt dazu bei, die Ländercharts zu erklimmen.

Aber nicht nur das. Die Anhänger der vier Regierungschefs wissen oder ahnen, dass etwas falsch ist – aber sie kümmern sich nicht drum. Trump muss sich nicht einmal mehr Mühe geben, die Unwahrheiten von gestern mit denen von heute in Einklang zu bringen. Er hat unter Mithilfe von willfährigen Medien wie Fox News seiner Anhängerschaft eine Impfung gegen die Realität verpasst. Unter Putin fallen reihenweise kritische Ärzte ärgerlicherweise aus dem Fenster, und obwohl das niemand ernsthaft glaubt, hat es kaum Konsequenzen. Auch Boris Johnson, unter den vieren eindeutig der am wenigsten undemokratische, hat Ablenkung und Lüge auf eine Weise perfektioniert, dass ihm seine Wähler nicht davonlaufen.

Die Rangliste der Länder nach Corona-Infizierten zeugt zwar von der tödlichen Unzulänglichkeit rechter Macht. Aber weil rechte Ideologien prinzipiell aus der Opferpose vorgetragen werden und stets andere Schuldige gefunden werden, werden die rechten Erzählungen zugleich absurder und machtvoller. Anlässlich von Corona findet dabei eine Ablösung von jeder Rationalität statt, sodass Obama und China zu den eindeutig Verantwortlichen erklärt werden können für Trumps massives Versagen. Quer durch die westlichen Gesellschaften lässt sich vor allem in rechten, querfrontigen und esoterischen Zirkeln kaum noch eine Groteske erfinden, die nicht nahtlos in die Ideologie eingebaut werden kann. Wer glaubt, dass fast sämtliche Regierungen der Welt auf Geheiß von Echsenmenschen ihre Volkswirtschaften ruinieren, um der Pharmaindustrie einen Gefallen zu tun, der glaubt einfach alles.

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Sascha Lobo

Realitätsschock: Zehn Lehren aus der Gegenwart

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Das Motto der "Washington Post" lautet "Demokratie stirbt in der Dunkelheit". Wir erleben gerade, dass der Umkehrschluss, man könne mit einem Scheinwerfer die Demokratie retten, spätestens mit Corona zerrieben wird. Mediale Entlarvung und investigative Aufdeckung funktionieren nicht mehr als Instrumente gegen die autokratische Gefahr, die zum Beispiel von Trump ausgeht. Die genannte Zeitung mahnt in besorgtem Ton: "Wir müssen uns auf die Möglichkeit vorbereiten, dass Trump das Wahlergebnis nicht akzeptiert ". Dass es so weit kommen könnte, liegt an der atemberaubenden Realitätsverachtung und Skrupellosigkeit der republikanischen Partei und deshalb letztlich daran, dass die Trump-Anhänger so wenig an der messbaren Wirklichkeit interessiert sind wie er selbst.

Im 20. Jahrhundert war ein häufiges Schimpfwort für Linke "Traumtänzer". Gemeint war, die harte Wirklichkeit der Welt auszublenden und an (vermeintlich) unerreichbaren Visionen festzuhalten. Traumtänzerei ist im 21. Jahrhundert eine rechte Spezialität geworden. Aber es ist ein Albtraum und ein Tanz der Toten.