Drogenkrieg in Mexiko So setzen Kartelle Drohnen als Waffen ein

In Ländern wie Mexiko nutzen Gangs und Syndikate zunehmend Drohnen für ihre Geschäfte. Sogar Sprengsätze werden inzwischen damit transportiert. Der US-Grenzschutz ist überfordert mit dem Phänomen.
Drohnenaufnahme von der Grenze zwischen den USA und Mexiko, in El Nido del Aguila am Rand von Tijuana

Drohnenaufnahme von der Grenze zwischen den USA und Mexiko, in El Nido del Aguila am Rand von Tijuana

Foto: MARIO VAZQUEZ/ AFP

Im Juli 2018  überflogen zwei Drohnen das Haus eines hochrangigen mexikanischen Sicherheitsfunktionärs in Tecate. Eine der Drohnen diente offenbar der Überwachung, das zweite Fluggerät stürzte auf dem Anwesen ab. An der Drohne waren zwei Sprengsätze befestigt, die jedoch nicht explodierten.

"Entweder die Konstruktion war falsch programmiert und die Täter waren noch dabei zu lernen, wie es funktioniert, oder es sollte nur eine Einschüchterung sein", sagt Vanda Felbab-Brown, Konfliktforscherin beim Washingtoner Think Tank Brookings dem SPIEGEL.

"Der Einsatz von Drohnen ist ein Phänomen, das zunehmend häufig auftritt", beobachtet die Sicherheitsexpertin. Mexikanische Drogenhandelsgruppen würden Drohnen für den Drogenschmuggel und zur Überwachung einsetzen - und neuerdings auch für den Transport von Sprengsätzen.

Die Attacke in Tecate wird dem Drogenkartell Jalisco Nueva Generación (CJNG) zugerechnet, das als besonders brutal gilt und den Staat immer wieder herausfordert. Einer Analyse des "Small Wars Journal"  zu den sogenannten Narco-Drohnen zufolge war es "der erste dokumentierte Vorfall, bei dem eine bewaffnete Kartell-Drohne offensiv und auf eine koordinierte Art und Weise mit einer zweiten Unterstützungsdrohne eingesetzt wurde".

Unterwegs mit Sprengstoff-Drohne und AK-47-Sturmgewehr

Bereits 2017 hatte die mexikanische Polizei vier Männer aus dem Umfeld des Kartells aufgegriffen, die in einem gestohlenen Geländewagen unterwegs waren und neben einem Sturmgewehr eine 3DR-Drohne dabei hatten - mit angeklebtem Sprengkörper und einem Fernzünder.

Der Geheimdienst CISEN warnte in einem Bericht von 2017 davor , das Kartell baue seine Vormachtstellung durch Weiterbildungen bei internationalen Gruppen wie der kolumbianischen Farc aus - und habe deren "Kartoffelbomben" übernommen, selbstgebastelte Sprengsätze also, die sich auch per Drohne transportieren lassen.

Für den Drogenschmuggel werden die ferngesteuerten Fluggeräte in Mexiko bereits seit Jahren genutzt. 2015 stellte die Polizei eine abgestürzte Drohne in Tijuana  sicher, die drei Kilogramm Methamphetamin geladen hatte. Im November 2015 meldete der US-Grenzschutz das Eindringen einer Drohne , die im Bundesstaat Arizona ein Bündel abwarf: knapp 14 Kilo Marihuana.

Abgestürzte Drohne mit Meth-Ladung in Tijuana 2015

Abgestürzte Drohne mit Meth-Ladung in Tijuana 2015

Foto: Secretaria de Seguridad Pública Municipal de Tijuana/ AP

Gefasst werden nur wenige Schmuggler: 2017 wurde ein 25-Jähriger festgenommen, der später zu zwölf Jahren Haft verurteilt wurde.  Er wollte knapp sechs Kilo Methamphetamin über die Grenze fliegen. Zwei Jahre zuvor war ein Paar verhaftet worden, das Heroin über die Grenze geflogen hatte .

Auch andere lateinamerikanische Gruppen setzen auf Drohnen: 2016 entdeckten Sicherheitskräfte bei einer Anti-Drogen-Operation in Kolumbien  eine Drohne, mit der die Kriminellen mehrere Ladungen von bis zu zehn Kilo Kokain über die Grenze zu Komplizen nach Panama flogen.

Es sind bisher kleinere Mengen, die geschmuggelt werden - der Großteil wird nach wie vor über legale Grenzübergänge transportiert. Drohnen ergänzen eher bestehende alternative Schmuggeloptionen wie Tunnel, Flugzeuge, U-Boote oder Katapulte.

Zukünftig auch größere Frachten

"Schmuggel per Luft könnte langfristig eine attraktive Alternative werden", glaubt die Sicherheitsexpertin Vanda Felbab-Brown. "Die Kartelle nutzen Drohnen von der Stange, die man bei Amazon bestellen kann. Mit der Zeit werden die Qualität der Drohnen und ihre Tragfähigkeit steigen, die Gruppen werden also in der Lage sein, größere Mengen zu transportieren." Die amerikanische Anti-Drogen-Behörde DEA warnt davor,   dass Kartelle auch Drohnenexperten anheuern und mit dem Bau spezieller Narco-Drohnen experimentieren.

Der Einsatz von Drohnen eignet sich vor allem dort, wo kurze Strecken oder Hindernisse überflogen werden, wie an der Nordgrenze Mexikos zu den USA. An der Südgrenze Mexikos zu Belize und Guatemala ist die Grenze ohnehin so porös, dass Menschen oder Autos die Fracht über die Grenze bringen.

Grenzschutz gegen Drohnen

"Transnationale kriminelle Organisationen aus Mexiko nutzen Drohnen, um die Aktivitäten von amerikanischen Strafverfolgungsbehörden zu beobachten und Schwachstellen an der Grenze zu identifizieren", warnte Paul E. Knierim, Deputy Chief of Operations der DEA, in einer Anhörung vor dem US-Senat im Dezember.

Die Zahlen der registrierten Drohnenflüge an einzelnen Stellen steigen, doch eine zentrale Datenbank existiert nicht. Der DEA zufolge wurden schon zwischen 2012 und 2014 rund 150 Narco-Drohnen im US-Luftraum gesichtet. Dem "Washington Examiner"  zufolge haben Grenzbeamte im kalifornischen San Diego zwischen September 2017 und Oktober 2018 insgesamt 15 Drohnen registriert. Die Dunkelziffer ist hoch: Die Grenzschützer hätten Probleme damit, die kleinen Flugobjekte zu sehen oder zu hören, die vor allem nachts über die Grenze geflogen werden - sie abzufangen sei fast unmöglich.

Aufrüstung mit Drohnenabwehr-Systemen

Nicht nur Narco-Drohnen, auch das Risiko eines Terroranschlags aus der Luft treibt die Aufrüstung mit Abwehr-Technologie in den USA voran. "Drohnen werden unter Sicherheits- und Strafverfolgungsbehörden als große Bedrohung eingestuft", sagt Arthur Holland Michel dem SPIEGEL, Gründer und Co-Direktor des Forschungszentrums Center for the Study of the Drone am Bard College in New York. "Die USA haben ihre Bemühungen zur Entwicklung und Umsetzung von Abwehrmaßnahmen gegen Drohnen in den letzten Jahren deutlich verstärkt."

Das US-Verteidigungsministerium hat für 2019 rund eine Milliarde Dollar in die Erforschung, Entwicklung und den Kauf von Drohnenabwehrsystemen  investiert - vor allem für Auslandseinsätze, aber auch für den nationalen Schutz, etwa vor Terrorangriffen. 2018 hat die US-Regierung Bundesbehörden zudem die Befugnis erteilt , Drohnen im US-Luftraum zu deaktivieren oder zu zerstören, die ein "glaubhaftes Sicherheitsrisiko" darstellen. Auch das US-Heimatschutzministerium hat im November 2018 ein Programm gestartet, das kommerzielle Drohnenabwehrsysteme bewertet - Michel zufolge "ein deutliches Zeichen" für Kaufabsichten.

"Der diesjährige Haushalt sieht auch ein Budget für den Erwerb von Drohnenabwehrsystemen für den US-Grenzschutz vor, obwohl es nicht genug Mittel für ein großes Programm sind", sagt er. Es sei unklar, inwieweit an den Grenzen bereits Drohnenabwehrsysteme eingesetzt werden. "Ich glaube, dass diese, wenn überhaupt, nur vorübergehend eingesetzt wurden, im Rahmen eines Pilotprojekts, eines Tests oder einer Hersteller-Produktvorführung."

Während die Sicherheitsbehörden analysieren, wie sie sich besser gegen mögliche fliegende Eindringlinge schützen können, behalten auch die Kartelle neue Tech-Trends im Blick. "Es wird ein Rennen zwischen Drohnentechnologie und Anti-Drohnen-Maßnahmen werden", erwartet die Sicherheitsexpertin Vanda Felbab-Brown.

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