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22. Juli 2012, 17:26 Uhr

Ende einer Kommunikationsform

E-Mails? Nein danke!

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Zehntausende Nachrichten stapeln sich im Posteingang - und jeden Tag kommen Hunderte dazu. Machen wir uns nichts vor: E-Mail ist eine Brückentechnologie. Für viele Zwecke gibt es schon jetzt geeignetere Mittel.

Wir haben Post. Und ein paar Sekunden später schon wieder. Schon nach einem Tag sitzen wir auf Hunderten von E-Mails. Dabei wurde der schlimmste Spam schon automatisch gelöscht, E-Mails von nervigen Absendern sind in Ordner weggefiltert.

Also überlegen wir uns Strategien gegen die Flut. Wir lesen Absender, Betreff und ein paar Zeilen, um binnen Sekunden zu entscheiden: Jetzt antworten, später, gleich löschen. Kaum ist die Inbox leer, geht es von vorne los. Wir können allenfalls Symptome bekämpfen, die Krankheit besiegen wir nicht. Wir haben schon wieder Post.

Software soll uns helfen, E-Mails eigenmächtig ordnen, in Kaskaden anzeigen. Aber schon eine simple Suche bringt den PC an den Rand des Absturzes. Stattdessen sortieren und stapeln wir, vergeben Sternchen und klicken auf Wiedervorlage. Zum Glück haben Roboter etliche der Nachrichten erstellt. Mit Mails von Automaten lässt sich leichter umgehen als mit solchen von Menschen. Automaten sind nicht beleidigt, wenn man nicht antwortet.

Es gibt ja durchaus schöne Nachrichten: Wenn Freunde das erste Babyfoto schicken. Oder sich ein Bankmitarbeiter aus dem Ausland meldet, um ein Millionenerbe zu überweisen. Manche E-Mails sind sogar nützlich: Der Laden um die Ecke meldet die Ankunft einer neuen Kiste Lieblingswein. "Donnerstag Wein abholen", trage ich in meinen Kalender ein. Nächste E-Mail. Wenn es nur immer so einfach wäre!

Ich selbst kann mir vornehmen, mich zu benehmen und die Mail-Flut nicht unnötig ansteigen zu lassen. Immer klare Fragen an konkrete Personen richten. Etikette, E-Mail-Höflichkeit, altes Thema. Hat sich natürlich nicht durchgesetzt. Und schon trifft die nächste vage gehaltene Mail ein. Ist das jetzt eine Aufforderung? Und wenn ja, an wen eigentlich? Und wozu? Wir sind zu kostenloser Massenkommunikation ungeeignet, weil wir einfach zu faul sind, zu unpräzise, nicht konsequent genug.

"Sie haben Post" ist deswegen keine frohe Neuigkeit mehr, es ist ein beklagenswerter Dauerzustand. Fünf Gigabyte ist die Mail-Datei schon wieder groß, der Speicherplatz wird knapp, werde ich gewarnt. Per automatischer E-Mail! Es wird Zeit, sich nach Alternativen umzusehen. Es wird Zeit für die Kommunikationswende.

Die Antwort auf den Kontrollverlust, den wir Posteingang nennen, wird wahrscheinlich nicht die eine, umfassende Anwendung sein, die all unsere Bedürfnisse erfüllt. Das hat schon bei Lotus Notes, Google Wave und Microsoft Outlook nicht funktioniert. Doch schon jetzt verlagert sich unsere Kommunikation in soziale Netzwerke, in spezialisierte Anwendungen und Dienste:

Junge Nutzer wenden sich schon seit Jahren von E-Mails ab: zu kompliziert, zu langsam. Schneller und einfacher geht es mit Kurznachrichten, die via Facebook und Smartphone verschickt werden. Allerdings überwacht der Werbekonzern seine Nutzer. Neue Dienste bringen neue Probleme. Sind Nachrichten und Kontakte sicher? Liest Facebook schon wieder mit? Andererseits sind herkömmliche E-Mails ungefähr so abhörsicher wie Postkarten - nämlich gar nicht.

Noch muss der Mail-Account das Kommunikationsgerüst zusammenhalten. Die diversen Dienste sorgen sogar für noch mehr E-Mails in Form von Benachrichtigungen, damit man ja keinen der neuen Accounts wieder vergisst. Aber das ist auch nur der Anfang vom Ende der E-Mail. Bis dahin bleibt nur ein entspannter Umgang mit der Mail-Flut: Sie ist nun mal da, anderen geht es ebenso - und wir können alle nur mitschwimmen. E-Mail an sich ist nicht beherrschbar. Sie ist eine Brückentechnologie.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass irgendetwas angeblich "im Spamfilter gelandet" ist. Wir wollen unseren Mitmenschen glauben. Wir verzeihen. Es geht uns ja selbst nicht anders.

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