Flucht eines Whistleblowers Jagd auf Snowden

Hawaii, Hongkong, Moskau - und weiter nach Südamerika: Das war der Plan von Edward Snowden. Doch seit Juni sitzt der NSA-Whistleblower in Russland fest. Daran trägt auch Deutschland Schuld. Chronik einer Flucht.

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Ehemaliges Haus von Snowden in Waipahu auf Hawaii
DPA

Ehemaliges Haus von Snowden in Waipahu auf Hawaii

20. Mai 2013: Die Flucht beginnt. Edward Snowden verlässt sein Zuhause Hawaii in Richtung Hongkong. Zu dem Zeitpunkt ist der 29-Jährige bei Booz Allen Hamilton beschäftigt und arbeitet für die NSA.

Schon die Ausreise aus den USA sei ein Risiko gewesen, sagt Snowden später dem "Guardian". Eigentlich müssten NSA-Mitarbeiter Auslandsreisen 30 Tage vorher anmelden. Er bucht kurzfristig, niemand hält ihn auf. In Hongkong versteckt er sich zunächst in einem Hotel.

Aus Angst vor der CIA verlässt er sein Zimmer im Fünf-Sterne-Hotel "The Mira" in den folgenden drei Wochen nach eigenen Angaben nur dreimal. Die Enthüllungsjournalisten Laura Poitras und Glenn Greenwald treffen Snowden erstmals in seinem Hotel. Sie bereiten die Veröffentlichungen vor und filmen ein Interview.

Hafen von Hongkong
DPA

Hafen von Hongkong

6. Juni 2013: "Guardian" und "Washington Post" beginnen mit den Enthüllungen: über den Zugriff der NSA auf Telefon-Verbindungsdaten in den USA und über das Spähprogramm Prism, mit dem auf Nutzerdaten bei Facebook, Google, Microsoft und anderen großen IT-Konzernen zugegriffen wird. Die NSA-Abteilung für Spionageabwehr, das Associate Directorate for Security and Counterintelligence, nimmt Ermittlungen auf.

Snowden gibt sich zu erkennen
REUTERS/ The Guardian

Snowden gibt sich zu erkennen

9. Juni 2013: Drei Tage nach der ersten Veröffentlichung erklärt Snowden sich in einem Video-Interview. Er fürchte, US-Behörden würden seiner Familie und seinen Freunden zusetzen, um sein Verschwinden aufzuklären, sagt er. Und er will, dass die Enthüllungen glaubwürdig erscheinen und nicht als Fälschung aus dubioser Quelle abgetan werden können.

Snowden verlässt das Hotel und versteckt sich bei Helfern in Hongkong. Er trifft sich mit Anwälten. Der prominente Abgeordnete und Jurist Albert Ho, der an dem Treffen teilnimmt, wird losgeschickt, um bei der Regierung von Hongkong vorzufühlen: Würde man Snowden ausreisen lassen?

10. Juni 2013: Booz Allen feuert Snowden. Am darauffolgenden Tag gibt das Unternehmen per Pressemitteilung das Gehalt ihres ehemaligen Mitarbeiters bekannt: 122.000 Dollar jährlich.

17. Juni 2013: In einem Interview mit dem "Guardian" kündigt Snowden weitere Enthüllungen an - und bestreitet, mit den chinesischen Behörden zusammenzuarbeiten.

21. Juni 2013: Spionage sowie Diebstahl und Weitergabe von Regierungseigentum, das sind laut "Washington Post" die Vorwürfe an Snowden in der offiziellen Anklage der US-Justiz.

Ein Mittelsmann der Regierung von Hongkong drängt zur Ausreise: Der Ausgang eines Asylverfahrens sei ungewiss.

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US-Whistleblower: Snowdens Ankunft in Moskau
22. Juni 2013: Der Außenminister von Ecuador, Ricardo Patiño, bestätigt: Snowden hat in seinem Land Asyl beantragt.

Die USA bemühen sich, bei den chinesischen Behörden eine Auslieferung Snowdens zu erwirken.

23. Juni 2013: Die chinesischen Behörden lassen den Whistleblower ausreisen. Snowden fliegt, zusammen mit Sarah Harrison von WikiLeaks, um 10.55 Uhr Ortszeit in einer Aeroflot-Maschine von Hongkong nach Moskau. Von dort soll es weitergehen Richtung Südamerika, über Kuba und Venezuela nach Ecuador.

Flug SU150, Sitzplatz 17A
AP/dpa

Flug SU150, Sitzplatz 17A

24. Juni 2013: Das Weiße Haus fordert den Kreml auf, Snowden auszuliefern. Der verpasst seinen Anschlussflug: Der Platz im Flugzeug von Moskau nach Havanna, auf den er gebucht ist, bleibt leer. Stattdessen verbringt Snowden die folgenden 39 Tage im Tansitbereich des Flughafens Scheremetjewo, in einem Hotel.

"Air Express"-Hotel im Tranistbereich des Flughafens
REUTERS

"Air Express"-Hotel im Tranistbereich des Flughafens

2. Juli 2013: Auf seiner Flucht vor den US-Behörden bittet Snowden in rund 20 Ländern um Asyl - darunter auch Deutschland. Die Bundesregierung lehnt seine Aufnahme ab.

3. Juli 2013: Als der bolivianische Präsident Evo Morales von Moskau zurück in die Heimat fliegt, kommt es zum diplomatischen Eklat: Nach Angaben Boliviens hätten mehrere EU-Länder der Maschine die Überflugrechte verweigert. Der Staatschef muss auf dem Flughafen Wien landen und darf erst nach zwölf Stunden wieder abheben. Gerüchte, Morales verstecke Snowden an Bord, bestätigen sich nicht.

Der bolivianische Präsident Evo Morales am Flughafen von Wien
DPA

Der bolivianische Präsident Evo Morales am Flughafen von Wien

6. Juli 2013: Venezuela, Nicaragua und Bolivien bieten Snowden Asyl an - aus "humanitären Gründen".

9. Juli 2013: Der Whistleblower nimmt eines der Angebote an und stellt bei den Behörden in Venezuela offiziell einen Asylantrag. Staatschef Nicolás Maduro: "Wir haben diesem jungen Mann gesagt: 'Sie werden vom Imperialismus verfolgt, kommen Sie her'."

11. Juli 2013: Eine Aeroflot-Maschine ist auf direktem Weg von Moskau nach Kuba und vermeidet dabei den Luftraum der USA. Turbulenzen über Grönland könnten dafür verantwortlich sein. Snowden ist jedoch nicht an Bord.

Snowden mit Harrison von WikiLeaks und Lokschina von Human Rights Watch
AFP/ Human Rights Watch

Snowden mit Harrison von WikiLeaks und Lokschina von Human Rights Watch

12. Juli: 2013: Im Moskauer Flughafen Scheremetjewo trifft Snowden Menschenrechtsaktivisten. Tatjana Lokschina, die stellvertretende Chefin von Human Rights Watch, erklärt: Snowden wolle um temporäres Asyl in Russland bitten.

16. Juli 2013: Snowden reicht offiziell einen Antrag auf vorübergehendes Asyl in Russland ein. Präsident Putin hatte bereits mehrmals deutlich gemacht, dem Antrag stattzugeben - jedoch nur unter der Bedingung, dass Snowden den amerikanischen Partnern keinen Schaden mehr zufüge.

Anwalt Kucherena zeigt das Dokument, das temporäres Asyl gewährt
AP/ Russia24

Anwalt Kucherena zeigt das Dokument, das temporäres Asyl gewährt

1. August: Nach mehr als einem Monat auf dem Moskauer Flughafen Scheremetjewo reist Snowden offiziell in Russland ein. Seinem Anwalt zufolge darf er für ein Jahr in Russland bleiben. Von nun an lebt Snowden versteckt in Moskau, wohl gut bewacht von den Behörden.

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Ex-NSA-Mitarbeiter: Ströbele trifft Snowden in Moskau
31. Oktober 2013: Als erster deutscher Politiker reist der Grünen-Abgeordnete Hans-Christian Ströbele nach Moskau zu Snowden. Ströbele bezeichnet ihn als "Kronzeugen", der bereit sei, einem Untersuchungsausschuss in Deutschland Rede und Antwort zu stehen.

4. November 2013: Im SPIEGEL fordern 51 Prominente aus Kultur, Politik und Gesellschaft Asyl für Edward Snowden in Deutschland.

25. Dezember 2013: Der britische Fernsehsender Channel 4 lässt Snowden die Weihnachtsansprache halten. Er warnt vor Massenüberwachung durch Geheimdienste: "Ein heute geborenes Kind weiß nicht mehr, was privat ist."

23. Januar 2014: Lob für die Geheimdienste von Edward Snowden. In einem Live-Chat verteidigt er grundsätzlich die Arbeit der Späher, bezeichnet sich selbst als Patrioten und erklärt: Problematisch sei, dass die NSA alles tue, was technisch möglich ist, und unbescholtene Bürger überwacht.

26. Januar 2014: Die ARD hat ein exklusives Interview mit Snowden, sendet es aber erst mitten in der Nacht, damit vorher bei Günther Jauch darüber diskutiert werden kann. Absurd.

20. März 2014: Der deutsche Bundestag richtet einen Untersuchungsausschuss ein, der die Spähaffäre aufklären soll. Von nun an gibt es Streit darüber, ob Edward Snowden in Deutschland vernommen werden soll und kann.

9. April 2014: Der Vorsitzende des NSA-Untersuchungsausschusses, Unionsmann Clemens Binninger, schmeißt hin. Die Opposition besteht darauf, Snowden nach Deutschland zu hohlen, in der Großen Koalition wird das mit großer Skepsis gesehen.

Auftritt im russischen Fernsehen für Putin
REUTERS

Auftritt im russischen Fernsehen für Putin

17. April 2014: Snowden wird in eine TV-Fragerunde des russischen Präsidenten zugeschaltet und stellt Fragen zur Überwachung in Russland. Laut Putin ist natürlich alles in Ordnung und rechtens.

12. Mai 2014: Das Buch von Glenn Greenwald, "Die globale Überwachung", erscheint. Darin erzählt der Journalist die Hintergründe der Zusammenarbeit und wie Snowden ihn zunächst erfolglos kontaktiert hatte.

Erstes Interview im US-Fernsehen mit NBC
REUTERS/ NBC News

Erstes Interview im US-Fernsehen mit NBC

28. Mai 2014: Der erste Auftritt im US-Fernsehen. Ein Team des Senders NBC besucht Snowden in Moskau. Der Whistleblower würde gerne zurück nach Hause und erzählt, dass er gerade die Kultserie "The Wire" schaut. Er wirkt selbstbewusst und entspannt: Manchmal müsse man eben das Gesetz brechen, um das Richtige zu tun.

2. Juni 2014: Snowden beantragt nun auch in Brasilien Asyl.

5. Juni 2014: Die deutsche Bundesregierung und Generalstaatsanwaltschaft wollen Edward Snowden nicht als Zeugen vernehmen, in Deutschland schon gar nicht. Wolfgang Kaleck, Snowdens Anwalt in Deutschland, drängt auf eine Vernehmung vor dem Untersuchungsausschuss in Deutschland.

Ein Jahr nach Beginn seiner Flucht sitzt Snowden in Russland fest. Mehrere südamerikanische Länder haben ihm zwischenzeitlich Asyl angeboten, er selbst würde mittlerweile wohl gerne nach Brasilien. Doch der Weg dorthin ist versperrt: Ohne Pass kann er nicht ausreisen, auf dem Weg nach Südamerika könnten die USA versuchen, seiner habhaft zu werden.

Sein Anwalt Kaleck geht davon aus, dass Russland das temporäre Asyl des Whistleblowers verlängert. Dann könnte Snowden über den Juli hinaus in Moskau bleiben.



insgesamt 53 Beiträge
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Seite 1
personalprivacy 07.06.2014
1. Eine Schande,
dass der Mann kein Asylangebot von einem europäischen Land bekommt.
Mertrager 07.06.2014
2. hohlen
Dachte, man schreibt "holen"!?
maniak 07.06.2014
3. Besser
kann man gar nicht deutlich machen, wie sehr man von der USA abhängig sind. Wir sind so etwas wie deren Kolonie. Intern können wir machen was wir wollen, doch wenn es um die Geschicke der Welt geht oder unsere Unabhängigkeit, dann sind wir auch nicht anders als der Kongo. Vielleicht liegt es daran, dass wir noch keinen Independence Day haben. Haloween und Valentinstag ist ja schon hier. Vielleicht wirds ja noch. Nur Snowden wird das nicht mehr erleben.
deus-Lo-vult 07.06.2014
4.
Zitat von sysopREUTERSHawaii, Hongkong, Moskau - und weiter nach Südamerika: Das war der Plan von Edward Snowden. Doch seit Juni sitzt der NSA-Whistleblower in Russland fest. Daran trägt auch Deutschland Schuld. Chronik einer Flucht. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/edward-snowden-enthuellungen-whistleblower-auf-der-flucht-chronik-a-973378.html
Nein, so einfach ist es nicht! Schuld hat Snowden ganz allein! Und NIEMAND sonst! Er hat mit seinem Landes- und Geheimnisverrat alles selbst zu verantworten.
Atheist_Crusader 07.06.2014
5.
Zitat von sysopREUTERSHawaii, Hongkong, Moskau - und weiter nach Südamerika: Das war der Plan von Edward Snowden. Doch seit Juni sitzt der NSA-Whistleblower in Russland fest. Daran trägt auch Deutschland Schuld. Chronik einer Flucht. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/edward-snowden-enthuellungen-whistleblower-auf-der-flucht-chronik-a-973378.html
Und ebenso eine Chronik darüber, wieviel selbstverkündete Ideale, Länderfreundschaften und internationales Recht tatsächlich wert sind. Nämlich gar nichts. Regeln und dieser ganze Unsinn bringen ur ein bisschen Ordnung ins Chaos... aber letztendlich zählt nur das Recht des Stärkeren.
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