Offizielles Gutachten Deutschland digitalisiert sich zu zaghaft

Mein Feind, der Roboter: Von der Bundesregierung engagierte Gutachter kritisieren ihre Auftraggeber. Nachholbedarf sehen sie unter anderem bei der Robotik. Auch die Flüchtlingskrise zeige Versäumnisse auf.
Roboter auf der "Hannover Messe": Deutschland ist nicht innovativ genug

Roboter auf der "Hannover Messe": Deutschland ist nicht innovativ genug

Foto: © Morris MacMatzen / Reuters/ REUTERS

Es ist noch viel Luft nach oben: So lassen sich die Ergebnisse einer Expertenkommission zur Digitalisierung zusammenfassen. Im Auftrag der Bundesregierung hat die Runde untersucht, wie innovativ Deutschland ist und wie gut die Chancen der Digitalisierung hierzulande genutzt werden. Die Gutachter  geben ihren Auftraggebern aus der Politik einige Hausaufgaben mit auf den Weg, und üben Kritik: Deutschland drohe, die Digitalisierung zu verpassen.

"Die derzeitige Situation ist alarmierend: Deutsche Unternehmen sind in der Gesamtschau der Digitalisierungsaktivitäten nach 40 Jahren allenfalls internationales Mittelmaß", sagte Dietmar Harhoff, als er am Mittwoch das Gutachten an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) überreichte. Er ist der Vorsitzende der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI). Das Gutachten benennt vier Bereiche, in denen die Deutschen aus Sicht der Autoren aufholen müssen:

  • Deutschland vernachlässigt seine elektronische Verwaltung. Welche Probleme das schaffen kann, zeige sich beim Thema Flüchtlinge: Es gibt keine länderübergreifend funktionierenden Systeme, sondern Doppelstrukturen und viel Bürokratie. Es müsse endlich ein zentrales E-Government-Portal geben, Verwaltungs- und Regierungsdaten müssten leichter zugänglich gemacht werden.

  • Deutschland setzt zu wenig auf Automatisierung. Im internationalen Vergleich sei die größte Volkswirtschaft Europas zwar bei der industriellen Robotik gut aufgestellt, stellt das Gremium fest. Außerhalb des verarbeitenden Gewerbes sei die Zahl der genutzten Roboter aber "noch ausgesprochen gering". Anders gesagt: In Deutschland bauen Roboter Autos, aber in der klinischen Pflege sind sie fast nicht im Einsatz, ebenso wenig in der Logistik, wo Maschinen Transportaufträge abwickeln könnten. Die Deutschen hätten Angst davor, dass ihre Arbeit bald von einer Maschine gemacht werde, solchen Ängsten müsse die Politik entgegenwirken.

  • Der deutsche Mittelstand ist nicht innovativ genug. "Die Bereitschaft der kleinen und mittleren Unternehmen, in Innovationsaktivitäten wie auch in Forschungsprojekte zu investieren, hat seit Jahren abgenommen", kritisiert der Bericht. Der Staat handle ebenfalls zu zaghaft: In vielen anderen Ländern investierten staatliche Stellen doppelt so viel in Forschung wie die Deutschen. Die Kommission plädiert deshalb für eine steuerliche Förderung von Investitionen in diesem Bereich. "Die Bundesregierung muss hier endlich handeln", mahnt das Gremium.

  • Die Digitale Wirtschaft ist für viele deutsche Unternehmen ein leeres Schlagwort. Anstatt sich auf neue Geschäftsfelder zu stürzen, hätten Unternehmen nur in wenigen Ausnahmefällen neue Stärken in digitalen Geschäftszweigen entwickelt.

Das Fazit des EFI-Gremiums: Insgesamt sei die deutsche Politik derzeit zu sehr darauf bedacht, etablierte deutsche Stärken zu verteidigen. Die Bundesregierung hat die Kommission vor zehn Jahren eingerichtet. Seitdem veröffentlicht sie jedes Jahr ein Gutachten, mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Dieses Mal ging es um die Digitalisierung.

gru/dpa
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