Terrormanifest zu El Paso Immer wieder 8chan

Beim Terror in Texas spielt auch die Onlineplattform 8chan eine Rolle - wie bereits im Fall Christchurch. Nun stoppt ein IT-Konzern seinen technischen Schutz für das umstrittene Forum. Was bedeutet das für 8chan?

Startseite von 8chan: Ein Sammelplatz für Menschen, die selbst für 4chan zu extrem waren
8chan

Startseite von 8chan: Ein Sammelplatz für Menschen, die selbst für 4chan zu extrem waren

Von


"Noch eine 8chan-Schießerei? Verdammt." Das ist das erste, das Fredrick Brennan auf Twitter zum Terrorakt von El Paso mitteilt. "Werde ich jemals in der Lage sein, mit meinem Leben weiterzumachen?"

Brennan ist kein Angehöriger des 21-jährigen Verdächtigen oder der 22 Menschen, die im US-Bundesstaat Texas ums Leben kamen. Er ist Schriftendesigner, bekannt aber wurde er vor allem als Gründer des umstrittenen Bilder- und Diskussionsforums 8chan.

8chan, ins Leben gerufen 2013, ist eine von Memes und Insiderwitzen geprägte, oft aber auch Minderheiten- und menschenfeindliche Internetnische. Am Wochenende ist sie wieder in den Blick der Öffentlichkeit geraten, als Ausspielfläche für Terrorpropaganda - wie schon nach dem Anschlag von Christchurch in Neuseeland im Mai und dem Angriff auf eine Synagoge im kalifornischen Poway im April.

Vor dem Anschlag in Christchurch, bei dem 51 Menschen starben, war auf 8chan der Link zum Facebook-Livestream des Täters aufgetaucht, genau wie ein Link zu einem ausführlichen Manifest, das gespickt war mit Anspielungen auf die Troll-Kultur von Plattformen wie 8chan. So tauchte darin zum Beispiel der Slogan "Embrace Infamy" auf, der die Startseite des Forums ziert. Der Täter von Ponway ging später ähnlich vor wie der Angreifer von Christchurch.

Schon wieder ein Terrormanifest

Nun, im Fall von El Paso, landete erneut ein Manifest zu einem Terrorakt auf 8chan, mit der Aufforderung an die Nutzer, es weiterzuverbreiten - was dann auch geschah. Dadurch wurde es egal, dass der Originalpost zeitnah entfernt wurde.

Gedenken an die Opfer des Terrorakts von El Paso: 20 Menschen kamen ums Leben
AP

Gedenken an die Opfer des Terrorakts von El Paso: 20 Menschen kamen ums Leben

Für CloudFlare-Chef Matthew Prince scheint der neueste Vorfall der eine zu viel gewesen sein: Sein Unternehmen, ein IT-Dienstleister, der weltweit Millionen mitunter fragwürdige Websites unter anderem vor Überlastungsattacken schützt, kündigte am Sonntag an, seine Zusammenarbeit mit 8chan aufgekündigt zu haben.

8chan sei "eine Jauchegrube des Hasses", schreibt Prince zur Begründung. "Sie haben sich als gesetzlos erwiesen, und diese Gesetzlosigkeit hat zu mehreren tragischen Todesfällen geführt." Genug sei genug.

"Kauft morgen ein Gewehr!"

Auf 8chan sorgte die Ankündigung sogleich für Aufregung - im forumsüblichen Sprachduktus. Mit dem Betreff "Das Ende" schrieb jemand: "Ihr dummen, dummen Schwuchteln wart gut darin, diese Seite zu zerstören […] Ertränkt euch selbst in Sperma." Darauf folgten Reaktionen wie "Wohin soll ich gehen?", "Kauft morgen ein Gewehr!" und "Heil Hitler! Wir müssen die Existenz unserer Leute und eine Zukunft für weiße Kinder sicherstellen."

Solche Postings sind normal für 8chan, das per Google nicht auffindbar, grundsätzlich aber mit jedem Webbrowser zugänglich ist. Das Portal und besonders sein Unterforum /pol gilt als Ort, an dem Hass zelebriert und Terror verherrlicht wird, genauso aber durch Trollposts provoziert und mit dem Bösen kokettiert wird. Nichts muss ernst gemeint sein, manches aber ist es.

8chan-Gründer Fredrick Brennan hat das Forum bereits 2015 verkauft, bis zum Dezember 2018 arbeite er aber noch mit den jetzigen Betreibern zusammen, dem Militärveteranen Jim Watkins und dessen Sohn Ron. Watkins sieht sich als Kämpfer für die Meinungsfreiheit, in Interviews sagte er Sätze wie "Ich habe kein Problem damit, dass White Supremacists auf 8chan kommunizieren. Sie haben Gründe für ihre Ansichten."

Fredrick Brennan hat sich mittlerweile öffentlich von dem Forum losgesagt und fordert im Zuge der Terrorpostings dessen Schließung. Außerdem klagt er darüber, als ehemaliger 8chan-Verantwortlicher bei Attacken regelmäßig von Medien wie CNN oder der "New York Times" kontaktiert zu werden.

Mit dem, was auf 8chan vorgeht, befasst sich Brennan aber durchaus noch. Als über die Authentizität des El-Paso-Manifests spekuliert wurde, kommentierte Brennan, wie US-Ermittler halte auch er das Dokument für echt, da es Details enthielt, die vorab nur der Täter kennen konnte. Zudem sei es schon vor dem ersten Notruf gepostet worden.

Ein Sammelplatz für jene, denen 4chan nicht radikal genug war

Ob der Täter das Manifest aber wirklich selbst hochgeladen hat, kann auch Brennan nicht sagen, denn auf 8chan postet man ohne Anmeldung und stets unter dem Namen "Anonymous", was Rückschlüsse auf die Nutzer schwierig macht. Auf 8chan kann prinzipiell jeder behaupten, jeder zu sein.

Das erste Forum dieser Art war 8chan keineswegs: Ein japanisches Portal namens 2chan etwa ging bereits 2001 online. 8chan hat seine Ursprünge im 2003 gegründeten 4chan, aus dem auch die Netzbewegung Anonymous hervorging. Manche Nutzer von 4chan hatten im Zuge der Gamergate-Kontroverse allerdings das Gefühl, in diesem Forum durch Moderation zu sehr eingeschränkt zu sein, daher wechselten einige von ihnen zu 8chan. Der Ableger entwickelte sich so zum Sammelplatz jener, denen 4chan nicht mehr radikal genug war oder die selbst zu radikal dafür waren.

Für Terroristen wird 8chan vor allem dadurch reizvoll, dass verstörende Inhalte hier fast selbstverständlich sind oder durch Postings Dritter wegironisiert werden, während etwa auf Facebook und Twitter, die um ein Vielfaches stärker moderiert werden, eine schnelle Löschung zu erwarten ist.

Der Mist landet nur woanders

Es ist auch keinesfalls die Technik, die 8chan besonders macht: Wie auch "Buzzfeed News" noch einmal betont, hat die Plattform - anders als etwa Facebook - nicht einmal besondere Algorithmen zur Aussteuerung der Inhalte, etwa in Form eines personalisierten Newsfeeds. "Das Einzige, was 8chan-Nutzer radikalisiert, sind andere 8chan-Nutzer", schreibt "Buzzfeed".

Angesichts dieser Vorzeichen scheint klar: Selbst wenn 8chan-Betreiber Jim Watkins die Seite einmal dichtmacht und der Welt damit "einen Gefallen tut", wie es Fredrick Brennan nun mit einem öffentlichen "Fuck you" von Watkins fordert, ist das Problem der "Jauchegrube des Hasses" nicht aus der Welt. Man kann die Grube zwar dichtmachen, vermutlich ergießt sich der Dreck dann aber einfach woanders.

Andrew Torba, der Gründer des rechtslastigen Twitter-Konkurrenten Gab, sagte "Buzzfeed News", dass im Fall einer Schließung von 8chan wohl ein anderes Bildforum entstehen würde, "20chan oder was weiß ich." Es könne aber auch sein, dass einfach jemand einen 8chan-Kanal auf der Plattform Telegram aufmache, meint Torba, "oder eine 8chan-Gruppe auf Gab". Selbst einen Wechsel der 8chan-Nutzer zurück zu 4chan hält Torba für eine Option.

Ein CloudFlare-Nachfolger ist bereits in Aussicht

Wie es mit 8chan ohne die technische Unterstützung von CloudFlare nun weitergeht, wird sich zeigen. CloudFlares Chef Prince betont selbst, dass die Maßnahmen, die seine Firma nun ergriffen hat, "den Hass im Internet nicht beseitigen" werden: Die Entscheidung werde "mit ziemlicher Sicherheit nicht einmal 8chan aus dem Internet entfernen".

Anzeichen dafür, dass Jim Watkins, der wie Fredrick Brennan auf den Philippinen lebt, das Forum schließen will, gibt es bisher nicht. Am Montagmorgen war 8chan zwar zwischenzeitlich nicht ansteuerbar. Watkins' Sohn Ron teilte währenddessen aber mit, dass man von CloudFlare zu einem neuen IT-Dienstleister namens Bitmitigate wechsele, der auf Twitter mit einem "kugelsicheren" Schutz vor Überlastungsattacken wirbt.

Auf der Website des im Vergleich zu CloudFlare unbekannten Angebots stellt der Dienst Interessenten in Aussicht, dass der Dienst "extrem liberale Nutzungsbedingungen" habe: "Solange es legal ist, werden wir Ihnen unsere Dienstleistungen anbieten." Den Service für seine Kunden werde man angeblich erst dann einstellen, wenn eine "endgültige Gerichtsentscheidung" vorliege.

Auch Tucows, laut "New York Times" der Anbieter für 8chans Domain, kündigte an, dass man vorläufig keine Pläne habe, die Internetadresse zu deaktivieren. Seit Montagmittag ist 8chan wieder erreichbar.

Update, 6. August: Nachdem 8chan am Montag tagsüber eine Zeit lang wieder erreichbar war, war die Seite anschließend länger nicht mehr abrufbar. Die "New York Times" berichtet, mittlerweile habe sich auch der Domain-Anbieter Tucows von 8chan getrennt. Der neue Domain-Anbieter von 8chan sei nun Epik, eine Firma, die Anfang des Jahres Bitmitigate gekauft hat.



insgesamt 40 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
theos001 05.08.2019
1.
Das Internet ist nicht so radikal, wie oberflächlich informierte Politiker gerne behaupten. Es gibt einen Selbsterhaltungsdrang in Form von, sagen wir, Leuten im halbschatten, die selbst nicht zimperlich sind aber ein Gewissen u. Ethik besitzen. Der Verlust des Schutzschildes von 8chan, ist ein erfreuliches Startsignal um das Forum aus dem Netz zu tilgen. Derartiges kam immer wieder vor.
sozialismusfürreiche 05.08.2019
2. mag sein, dass die Nutzer woanders hin ausweichen ...
Mag ja sein, dass die Nutzer dann woanders hin ausweichen aber immerhin ist dann für geraume Zeit ihre Organisation gestört / zerstört. Bis die wieder funktioniert vergehen Wochen und dann macht man die nächste Jauchegrube zu ...
zeichenkette 05.08.2019
3. Das ist wie Wasser
Das sucht sich seinen Weg, immer nach unten, ganz von allein und dann wird aus vielen Rinnsalen schonmal ein reißender Fluss. Das Wasser muss dafür gar nichts können, es muss immer nur dumm nach unten laufen. Was Kurt Schumacher mal bei den Nazis "die restlose Mobilisierung menschlicher Dummheit und Niedertracht" genannt hat, ist genau das. Schlichteste Vorurteile, Häme, Spott, Hass, Schadenfreude, Neid, Angst, Wut - das ist der kleinste gemeinsame Nenner, wie beim Wasser die Schwerkraft. Populisten können sich das sehr einfach zunutze machen, sie müssen nur zugreifen und dafür skrupellos genug sein. Das ist ein enormes Energiepotential, aber natürlich ein rein destruktives.
kaltschale 05.08.2019
4. Unmoderiert? Das geht ja gar nicht
Das User unmoderiert und ohne Zensur posten was sie wollen. Aber das sollte eigentlich der Normalfall sein. Man könnte ja meinen, bei der Berichterstattung, dass es irgendwie des Teufels Werk ist, wenn User schreiben können was sie wollen. Ja, auch dämliche Postings, damit muss man klar kommen. Das darüber vielleicht auch Gewalttaten angekündigt werden ist nicht zu verhindern, aber so haben die Ermittler wenigstens Anhaltspunkte. Man bekommt solche Seiten auch nicht weg, denn dann kommt 16chan oder was auch immer und das ist auch gut so. Früher gab es das UseNet mit Newsgroups, das war meist ebenso unmoderiert und ein Tummelplatz für alle Spinner aber auch einen freien Meinungsaustausch. Das starb erst mit dem Aufkommen von Webforen, die ich technisch für die schlechtere Lösung halte.
muellerthomas 05.08.2019
5.
Zitat von kaltschaleDas User unmoderiert und ohne Zensur posten was sie wollen. Aber das sollte eigentlich der Normalfall sein. Man könnte ja meinen, bei der Berichterstattung, dass es irgendwie des Teufels Werk ist, wenn User schreiben können was sie wollen. Ja, auch dämliche Postings, damit muss man klar kommen. Das darüber vielleicht auch Gewalttaten angekündigt werden ist nicht zu verhindern, aber so haben die Ermittler wenigstens Anhaltspunkte. Man bekommt solche Seiten auch nicht weg, denn dann kommt 16chan oder was auch immer und das ist auch gut so. Früher gab es das UseNet mit Newsgroups, das war meist ebenso unmoderiert und ein Tummelplatz für alle Spinner aber auch einen freien Meinungsaustausch. Das starb erst mit dem Aufkommen von Webforen, die ich technisch für die schlechtere Lösung halte.
Na ich weiß nicht, was Sie unter freiem Meinungsaustausch verstehen, aber üblicherweise gibt es genau das nicht mehr, wenn ein paar Pöbler, die anderen Teilnehmer beleidigen oder gar bedrohen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.