Sascha Lobo

Elon Musk Der große Irritainer

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Der Tesla-Chef irritiert regelmäßig mit seinen Äußerungen auf Twitter, nun hat er sich bei der Plattform eingekauft. Manche nennen ihn einen Troll, dabei folgt Musk einer viel interessanteren Strategie.
Elon Musk bei der Eröffnungsfeier einer Tesla-Fabrik im texanischen Austin

Elon Musk bei der Eröffnungsfeier einer Tesla-Fabrik im texanischen Austin

Foto: Suzanne Cordeiro / AFP

Um Elon Musk und seine so aberwitzige wie hyperwirksame, na ja, Öffentlichkeitsarbeit zu verstehen, muss man einen Begriff aus der Netzkultur kennen: Shitposting. Es gibt wie meist für die interessantesten englischen Worte keine vollumfänglich treffende Übersetzung, deshalb nähern wir uns der Bedeutung einkreisend an. Shitposting enthält Elemente des Trollens, und Trolle sind bekannterweise pöbelnde Störer in sozialen Medien. Shitposting muss aber anders als das Trollen nicht zwingend provozierend und aggressiv sein. Denn es ist ein großer Teil Ironie, Irritation und Interaktionswunsch dabei.

Ein wenig bekanntes Wort mit einem anderen noch weniger bekannten Wort zu erklären, mag kein cleverer Ansatz sein. Aber der Begriff, der dem Shitposting am nächsten kommen dürfte, wurde (wahrscheinlich) in den Neunzigerjahren von ein paar kanadischen Aktionskünstlern in Berlin entwickelt: Irritainment.

Elon Musk ist mit seinen Shitposting-Attacken einer der begabtesten, in jedem Fall aber der mit Abstand erfolgreichste Irritainer der Welt. Ab und zu wird er als »Troll« fehlbezeichnet. Doch diese abwertende Zuschreibung verkennt, dass Musk einer viel größeren und interessanteren Strategie folgt, in der Erkenntnisse über sein Denken, sein Handeln und die Gründe für seinen Erfolg zu finden sind. Das wiederum sagt sehr viel über die Welt im 21. Jahrhundert, denn Elon Musk ist der reichste Mann des Planeten. (Wenn man den Kriegsverbrecher Wladimir Putin mal außer Acht lässt, der nach Einschätzung eben jenes Elon Musk »significantly richer than me« sei, also »erheblich reicher als ich« .)

Elon Musks ökonomische Erfolgsgeschichte findet ihren Ausgangspunkt in der sehr erfolgreichen Gründung und dem Verkauf von Zip2, einem heute unbekannten Start-up, das aber 1999 für den damaligen Weltrekordpreis (für Internet-Unternehmen) von 307 Millionen Dollar an Compaq verkauft wurde. Mit dem Erlös baute er das Bezahlsystem PayPal mit auf, das 2002 für anderthalb Milliarden Dollar an Ebay verkauft wurde.

In der Folge wurden seine zahlreichen Firmen immer spektakulärer: 2004 das Raumfahrtunternehmen SpaceX, das touristische Marsflüge anbieten möchte. Die Elektroautomarke Tesla, die – anfangs belacht und mehrmals am Rand der Pleite tänzelnd – inzwischen der wertvollste Autohersteller der Welt ist und an der Börse so viel wert ist wie die zwanzig nächstgrößten Automobilhersteller der Welt zusammengenommen . Die SpaceX-Tochter Starlink, die mit 2000 Satelliten im All rund um den Globus Internet anbietet, das nicht durch Regierungen zensiert werden kann. Das Transportunternehmen Hyperloop, das Luftkissenkapseln mit Menschen und Gütern drin mit Überschallgeschwindigkeit (1220 km/h) durch Vakuumtunnel rasen lassen möchte. Die Gehirnvernetzungsfirma Neuralink, die an einer direkten Bioschnittstelle zwischen Hirn und Internet arbeitet. Und schließlich ein Tunnelbohrungsunternehmen namens The Boring Company, das jedoch als erstes eigenes Produkt einen Heim-Flammenwerfer für Gelegenheitspyrokrieger anbot.

Jetzt hat Elon Musk 9,2 Prozent von Twitter gekauft, einfach so. Für 2,9 Milliarden Dollar . Der witzigste Wirtschaftskommentator der Welt, Matt Levine von Bloomberg, beschrieb daraufhin ein fiktives Gespräch zwischen dem recht neuen CEO von Twitter und Musk. Darin sagt der Fantasie-Musk, ihm sei egal, wie profitabel Twitter  sei, »wenn sich euer Aktienkurs verdoppelt, ist das nur ein Rundungsfehler in meinem Vermögen«. Warum also ist Elon Musk zum größten Einzelaktionär von Twitter geworden, einer Social-Media-Plattform, deren weltweite Kommunikationsrelevanz zwar enorm ist, die aber bisher nicht im Ansatz so viel Geld verdient hat, wie die Investoren erwarteten?

Die Antwort liegt natürlich darin, dass Elon Musks Irritainment über Twitter unglaublich gut funktioniert. In gewisser Weise füllt er die Lücke, die die Verbannung von Trump gerissen hat. Nur, dass zum Irritainment (in dem Trump eine boshafte Meisterschaft erreichte) bei Elon Musk ein offensiver Aktivismus kommt und manchmal sogar: Weltverbesserung.

Per Twitter kann er den Bitcoin-Kurs beeinflussen

Seine Tweets werden in Minuten weltweit zur Nachricht und entfalten größte Wirkung. Die Kryptowährung Dogecoin etwa war häufiger Inhalt von Musks Tweets. Der Kurs von Dogecoin stieg um bis zu 50 Prozent , nur weil Musk darüber auf seine leicht kryptische, ironische, irritainende Art twitterte. Auch den Kurs von Bitcoin (Marktkapitalisierung über 750 Milliarden Dollar ) kann Musk per Twitter fast nach Belieben beeinflussen. Nachdem der Chef des Welternährungsprogramms der Uno auf CNN gesagt hatte, dass schon zwei Prozent von Elon Musks Vermögen den Hunger der Welt beenden könnte , twittert Musk, er werde das tun, wenn ihm jemand beweise, dass die entsprechende Summe (sechs Milliarden Dollar) tatsächlich das Hungerproblem lösen würden. Wenige Tage später spendet Musk Tesla-Aktien im Wert von 5,7 Milliarden Dollar . Das ist ziemlich exakt so viel wie ganz Deutschland im Jahr 2020 insgesamt gespendet hat .

Als der ukrainische Digitalminister Musk kurz nach Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine fragt, ob Musk mit seinem Unternehmen Starlink für die Stabilität des Internets im Land sorgen könne, lässt dieser seine 1792 Satelliten im Orbit entsprechend ausrichten und liefert nur ein paar Stunden später die ersten Empfangsgeräte in die Ukraine . Später bietet er dem passionierten Judoka Wladimir Putin auf Twitter einen Kampf Mann gegen Mann um die Ukraine an .

Die Menschheit als Teil eines gigantischen Spiels

Von seinen politischen Standpunkten her kann man Elon Musk am ehesten als libertär einordnen, ohne dass er die klassischen Standpunkte amerikanischer Libertärer vertreten würde. Er sieht zum Beispiel den Klimawandel als enorme Bedrohung, was für die Gründung von Tesla mit ausschlaggebend war. Er hält den Planeten Erde für gewissermaßen unterbevölkert und sieht in den fallenden Geburtenraten eine große Gefahr. Er hat ab und an durchaus problematische Kommentare über die repräsentative Demokratie gemacht und gewisse Sympathien für rechte und verschwörungstheoretische Erzählungen erkennen lassen, zum Beispiel, indem er Zweifel an den Coronamaßnahmen gesät hat. Und ein wiederkehrendes Problem ist, dass publizistische Selbstbeherrschung ebenso wenig zu den Stärken von Musk gehört wie die Einsicht in die Aggressivität seiner oft recht schwierigen Fanboys.

Elon Musks Werk ist also von Irritainment geprägt, aber ein knapper Kommentar von 2018 verleiht seinem Schaffen einen völlig anderen Spin. Eine Art publizistischer Cousin im Irritainment-Geiste von Musk ist Joe Rogan, der wahrscheinlich meistgehörte Podcaster der Welt. In dessen Show erzählt er am 7. September 2018, dass er fest davon überzeugt sei, dass wir alle in einer Simulation leben . Die Welt ist laut Elon Musk nicht echt, sondern eine Art Matrix (wie im gleichnamigen Film). Die funktioniere laut Musk als Multiversum. Wir Menschen seien daher nicht mehr als Teil eines gigantischen Spiels, programmiert von wem auch immer.

Kein Troll, sondern ein Meta-Troll

Und plötzlich ergibt alles, was Elon Musk tut, eine völlig andere Art von Sinn. Wer alles für eine Simulation hält, sieht als Sinn des Lebens am ehesten, die Grenzen der Simulation auszutesten. Musks Handeln muss man gar nicht politisch oder moralisch erklären. Stattdessen kann man sich als Leitlinie vorstellen, dass Elon Musk fragt, was er noch alles Aberwitziges tun kann, bevor die Simulation implodiert. Er testet die Gestaltbarkeit einer künstlichen Welt aus, die ihm bisher kaum Grenzen gesetzt hat, fast als würden die Schöpfer der Simulation Elon Musk amüsiert oder begeistert beobachten und die Schieberegler immer so justieren, dass Musk am besten zur Geltung kommt. Vielleicht um auszuloten, wie dehnbar die Matrix ist.

Elon Musk ist kein Troll, sondern vielmehr ein Meta-Troll, der versucht, die Instanz hinter der Simulation aus der Reserve zu locken, indem er zeigt, wie absurd man diese Simulation namens Welt hacken kann. Wie sehr man die vermeintlichen Regeln verbiegen und verspotten kann. Und spätestens seit Trump wissen wir, dass Twitter als Nervensystem des weltweiten Nachrichtenkörpers perfekt geeignet ist, um praktisch jeder dahingeworfenen Idee in Sekunden ihre maximale Wirkmacht zu verleihen.

Was Elon Musk tut und offenbar denkt, entspricht einer Philosophie der radikalen Machbarkeit. Der Charme dieser muskschen, radikalen Machbarkeit ist, dass sie in Zeiten der Hilflosigkeit, der bürokratischen Verworrenheit und der Weltkatastrophenstimmung das Angebot macht, trotz alledem etwas Großes hinzubekommen. Es gäbe kein Instrument, was für diese Form des kapitalistisch-produktiven Irrwitzes besser geeignet wäre als Twitter.

Anmerkung der Redaktion: In der ersten Version dieses Textes wurde Tesla als Gründung von Elon Musk bezeichnet. Tatsächlich stieg er erst später als Investor in das Unternehmen ein. Wir haben den Text entsprechend korrigiert.