Sascha Lobo

Elon Musks geplanter Twitter-Kauf Kommt jetzt bloß nicht mit diesem Airbus-Quatsch

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Elon Musk will Twitter kaufen, für 44 Milliarden Dollar – ein Unterfangen voller Risiken. Wer jetzt lautstark die Verstaatlichung des Dienstes fordert, sitzt einem großen Missverständnis auf.
Mutmaßlich bald der neue Twitter-Besitzer: Elon Musk

Mutmaßlich bald der neue Twitter-Besitzer: Elon Musk

Foto: Political-Moments / IMAGO

Am 29. Mai 1969 unterzeichneten der deutsche Wirtschaftsminister und der französische Verkehrsminister einen Vertrag , der als Erfolgsgeschichte der europäischen Industrie gelten muss. Leider hat er aber auch eine unangenehme Spätwirkung auf die digitale Gegenwart, und zwar bis heute. Am 29. Mai 1969 wurde Airbus gegründet, und damit das größte und leider kaum ausrottbare Missverständnis europäischer Digitalpolitik.

Soeben versucht Elon Musk, Twitter zu kaufen . Die Betonung muss seriöserweise auf »versucht« liegen, denn die Wahrscheinlichkeit für den erfolgreichen und vor allem nachhaltigen Kauf ist groß, aber nicht garantiert.

Der vielleicht größte Fallstrick darunter: Musk ist zwar der reichste Mann der Welt, aber 44 Milliarden Dollar sind auch für ihn viel Geld. Musks Reichtum ist ein weitgehend unternehmerischer, besteht also vor allem aus Aktien. Die benutzt er in dem komplexen Finanzierungskonstrukt für den Twitter-Kauf als Sicherheit für einen hohen Bankkredit. Die (hier etwas vereinfacht dargestellte) Gefahr für Musk dabei: Wenn die Tesla-Aktien zu stark fallen sollten, dann müsste Musk aberwitzig viel Geld nachschießen. Das er dann nicht mehr hätte, weil sein Vermögen eben hauptsächlich aus Tesla-Aktien besteht.

Unterwegs als fahrender Flugzeughändler

Airbus ist zwar Industrie, aber ein durch und durch politisches Projekt. Schon der Grund für die Entstehung ist politisch: Europa wollte nicht mehr so abhängig sein vom damals übermächtigen Flugzeughersteller Boeing. Vor allem Frankreich und Deutschland trieben das Projekt voran. Es wird am Ende aus mehreren Gründen zum Erfolg, nicht zuletzt wegen der Qualität der Flugzeuge.

Ganz vorn steht aber eine simple Tatsache: Die Zielgruppe beim Flugzeugkauf ist nicht besonders groß. Eigentlich kommen weltweit höchstens ein paar Hundert Personen infrage, und die sind sehr empfänglich für politische Argumente. Zur Anfangszeit von Airbus fuhr der Aufsichtsratsvorsitzende Franz Josef Strauß praktisch als fahrender Flugzeughändler durch die Welt.

Elon Musk bezeichnet sich als »free speech absolutist« (etwa: Redefreiheitsradikaler), aber hat wenig Probleme mit der öffentlichen Einschüchterung und Beleidigung von Leuten, die eine ihm unangenehme Meinung formulieren. Oder mit furiosen Attacken auf Journalisten. Er hält »Wokeness«  (hieß früher »Political Correctness«) mehr oder weniger für den Untergang des Westens. Er glaubt, dass es ein gutes Zeichen für seine kommende Twitter-Politik wäre, wenn die jeweils Rechtesten und die Linksten zehn Prozent gleich unglücklich wären . Das alles deutet auf eine simplizistische und nicht besonders sachkundige Einstellung zu den heutigen Problemen einer Social-Media-Plattform hin. Vieles wirkt wie eine Schlagwortsammlung von Facebook aus dem Jahr 2010, also Ansätze, die unter Social-Media-Fachleuten als längst gescheitert gelten.

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Man könnte denken, dass Airbus nichts mit der europäischen Digitalbranche zu tun hat, aber das ist leider falsch. So hanebüchen die Verbindung ist, so stark ist sie auch, und zwar als politisches Vorbild. Denn in den Nullerjahren wurde in Europa klar, dass man europäische Digitalkonzerne brauchte. Man besann sich auf das Erfolgsrezept europäischer Zusammenarbeit: Airbus! Und begann mit diesem Gedanken im Kopf digitale Unternehmen bauen zu wollen.

Dabei sollte zum Beispiel die Übersuchmaschine Google durch eine europäische Variante ersetzt werden. Sie hieß Quaero , wurde von Gerhard Schröder (SPD) mit auf den Weg gebracht, kostete mit dem Partnerprojekt Theseus über 400 Millionen Euro und kam bis zu ihrem Ende 2013 nie wirklich voran.

Google ist Marktführer, nicht DuckDuckGo

Mit Airbus im Hinterkopf wurde der Gedanke in viel zu viele Köpfe gepflanzt, man könne Digitalkonzerne staatlich auf den Weg bringen oder gar betreiben. Aber anders als Airbus haben Digitalkonzerne wie Google, Facebook oder Twitter Millionen Kunden, die sich immer wieder aufs Neue für die Produkte entscheiden und sich einen gequirlten Quark um politische Hintergründe kümmern. Sogar der angebliche Marktvorteil Datenschutz ist ihnen weitgehend egal, sonst wäre DuckDuckGo Marktführer. Aber Google hat seit Jahren über 95 Prozent Suchmarktanteil in Deutschland.

Die Sorge ist berechtigt, dass Twitter künftig allein von einem einzelnen Mann kontrolliert wird. Aber als Reaktion wird – natürlich auf Twitter – regelmäßig die Verstaatlichung des Dienstes oder ein öffentlich-rechtliches Gegenmodell gefordert. Das ist grotesker Airbus-Quatsch. Dann würde das nächste Quaero entstehen, weil digitale Plattformen nicht Hunderte Airbus-Kunden, sondern inzwischen Milliarden normale Menschen überzeugen müssen, und zwar jeden Tag aufs Neue. Deshalb unterschätzt man dabei, wie teuer und aufwendig es ist, eine Plattform ständig weiterentwickeln zu müssen.

Dass Twitter jetzt verkauft wird, liegt auch daran, dass das nicht gelang. Die ständige, extrem kostenaufwendige Weiterentwicklung wird von den Nutzer*innen erwartet, ohne dass sie es selbst so formulieren. Sonst gehen sie wie bei MySpace oder StudiVZ.

Elon Musks inhaltlicher Plan für Twitter scheint bisher vor allem daraus zu bestehen, die Plattform zu einem »Marktplatz der Ideen«, zu einem von ihm empfundenen Leuchtturm der Redefreiheit zu machen. Seine Interpretation davon ist natürlich von seiner politischen Haltung beeinflusst, und die lässt am ehesten als libertär bezeichnen. Das ist nicht per se verwerflich, auch wenn in der amerikanischen Definition eine Portion Anarchismus oder Anarcho-Kapitalismus dazukommt. Leider hat sich gezeigt, dass libertäre Regeln bei sozialen Medien ein Einfallstor für rechtsextreme Inhalte und auch propagandistische Fake News darstellen können.

Die »Twitter verstaatlichen!«-Rufe offenbaren auch ein merkwürdig unreflektiertes Vertrauen in den Staat. Gerade von Leuten, die sonst zwischen Polizeigewalt, Regierungskorruption und Politikversagen kaum ein gutes Haar an irgendeinem staatlichen Handeln lassen.

Zu den wichtigsten politischen Digitalprojekten der letzten 15 Jahre gehörten grob geschätzt 235 erfolglose Einführungsversuche der Vorratsdatenspeicherung, das verbockte Leistungsschutzrecht, die ebenso verbockte EU-Urheberrechtserneuerung ohne beziehungsweise dann doch mit Upload-Filtern sowie die noch immer fehlende menschenwürdige Digitalinfrastruktur in Deutschland. Und in solche Hände möchte man ein Instrument wie Twitter legen? Auch weil die richtige Moderation von Inhalten für soziale Medien entscheidend ist – und extrem teuer. Allein für die Sichtung problematischer Inhalte braucht es Zehntausende Angestellte. Deshalb ist ein Social Network, das nicht Milliarden umsetzt, zum Scheitern verurteilt.

Twitter wird untergehen, wenn es sich nicht weiterentwickelt

Die bisherige Performance von Twitter ist aus digitalökonomischer Sicht eine Katastrophe. Ökosysteme rund um den Dienst wurden mal gefördert und mal verhindert. Twitter hat seit der Gründung mehr als 60 Start-ups aufgekauft, von Vine über Posterous bis Periscope. Mit der eventuellen Ausnahme des Twitter-Clients TweetDeck hat kein einziges nachhaltige, sichtbare, nichtschrottige Spuren hinterlassen.

Genau hier könnte Elon Musk durchaus Positives bewirken, denn Twitter wird untergehen, wenn es sich nicht weiterentwickelt. Das Medianalter erwachsener amerikanischer Twitter-Nutzer  lag 2019 bei 40 Jahren, Twitter ist für die Mehrheit der TikTok-Generation kaum noch interessant. Für einen kommenden wirtschaftlichen Erfolg muss Twitter aber drei große, teilweise antagonistische Eigenschaften ausbalancieren, verbessern und in die 2020er-Jahre überführen:

  • Twitter als harter und direkter Politik- und Debattenschauplatz in Echtzeit,

  • Twitter als hassanfälliger Seismograf jedes Internetgeschehens,

  • Twitter als Nachrichtendienst, der die ungeheure Relevanz in Geld übersetzt.

So redefreiheitsradikal klingt das gar nicht

Aber die gesellschaftliche Herausforderung könnte die noch größere sein. Denn Redefreiheit zu ermöglichen und Hass zu verhindern, das ist eine Herkulesaufgabe, an der bisher fast alle gescheitert sind. Vielleicht kann Elon Musk das hinbekommen. Insbesondere die Ankündigung, Twitter transparenter und teilweise Open Source werden zu lassen, könnte dabei helfen.

In einem Interview sagt Musk : »Twitter ist an die Gesetze der Länder gebunden, in denen es operiert. Natürlich gibt es ein paar Begrenzungen der Redefreiheit in den USA. Und natürlich wird sich Twitter an diese Regeln halten müssen.« So überragend redefreiheitsradikal hört sich das gar nicht mehr an.

Woraus sich die vielleicht interessanteste Frage rund um Twitter und Musk ergibt – die mit der finanzwirtschaftlichen Verquickung von Tesla und Twitter einhergeht. Der zweitreichste Mann der Welt, Jeff Bezos, merkt wiederum auf Twitter  dazu an: »Hat die chinesische Regierung soeben einen Hebel über [Twitter] bekommen?«

China ist nicht nur der zweitwichtigste Verkaufsmarkt für Tesla, chinesische Batteriehersteller sind für die Elektroautos auch bei der Produktion unverzichtbar. 2009 hatte China Twitter verboten, wenig später wurde der chinesische Kurznachrichtendienst Sina Weibo auf den Weg gebracht. Aber China drängt auch mithilfe seiner Marktmacht immer stärker darauf, die weltweite Medienlandschaft zu beeinflussen. Hollywoodfilme werden bereits weltweit geändert, um den Ansprüchen der chinesischen KP zu genügen.

Im Zweifel könnte Elon Musk vor der Wahl stehen, entweder seinen Anspruch auf radikale Redefreiheit zu beschränken. Oder empfindliche Strafen gegen Tesla aus China aushalten zu müssen , weil China uneinverstanden ist mit den auf Twitter verbreiteten Informationen zu Uiguren oder Hongkong. Was wiederum dem Börsenkurs stark schaden könnte. Wodurch das Twitter-Kaufkonstrukt Musk um die Ohren fliegen könnte.

Freiheit bleibt verzwickt.