Google-Manager bei Tech-Konferenz SXSW Die Welt des Eric Schmidt
Google-Verwaltungsratschef Eric Schmidt: "Unsere Welt"
Foto: BOBBY YIP/ REUTERSWenn Googles Verwaltungsratschef Eric Schmidt von "unserer Welt" spricht, zu der man möglichst vielen Menschen Zugang verschaffen müsse, dann meint er die USA. "Unsere Welt" bedeutet: Zugang zu Kommunikation, Information, aber auch zu Konsum. Zu Ende gedacht bedeutet es auch: Wer Schmidts Welt betritt, wird damit zum potentiellen Überwachungsobjekt der Geheimdienste der Five-Eyes-Allianz, schließlich fließt fast jede digitale Lebensäußerung irgendwann fast zwangsläufig durch ein Kabel, das NSA oder GCHQ angezapft haben.
Mit seinem Co-Autor Jared Cohen ("Die Vernetzung der Welt") saß Schmidt am Freitag auf einer Bühne in Austin (Texas) und sprach darüber, wie er sich die digitale Zukunft vorstellt. Es ist ein Heimspiel: Bei der Konferenz South-by-Southwest trifft sich jeden März in Texas die internationale Netzbranche. Hier ist der selbstgerechte Optimismus des Silicon Valley noch nahezu ungebrochen. (Lesen Sie hier unseren Newsblog von der SXSW)
Staatliche Regulierung? Überflüssig.
Zwei Stunden nach Cohen und Schmidt steht auf der gleichen Bühne Ben Rattray, der Gründer der Petitionsplattform change.org. Sein Thema: "Wie Tech-Unternehmen den Kapitalismus erneuern können." Seine These: Unternehmen müssten sich nur von selbst zu positiven Zielen wie Umweltschutz, fairen Arbeitsbedingungen und Kundenbeziehungen bekennen. So könne man staatlicher Regulierung "zuvorkommen" und die Welt gewissermaßen aus eigenem Antrieb besser machen. Auch die Snowden-Enthüllungen haben dem Glauben des Silicon Valley an seine eigenen Weltheilungskräfte offenbar nichts anhaben können.
Regierungen seien zwar weiterhin nötig, vor allem aber um "Ausreißer" im Zaum zu halten, sagt Rattray. Er rechnet aber mit einer "dramatischen Zunahme von Organisationen, die Business für soziale Veränderung einsetzen". Es klingt wie eine Umschreibung des Selbstbildes von Unternehmen wie Google.
Die soziale Veränderung, die Google gerne herbeiführen möchte, ist zunächst einmal: Internet für alle. Heute noch seien Milliarden Menschen von dem ausgeschlossen, was Schmidt "unsere Welt" nennt. Google will das ändern, und zwar nicht zuletzt aus Eigennutz: Fast jeder neue Internetnutzer wird dem Suchmaschinenkonzern ein bisschen Geld einbringen. Googles weiteres Wachstum ist mit dem weiteren Wachstum des Internets untrennbar verbunden.
Wenn wir es hier schaffen, schaffen wir es überall
Für Facebook gilt das gleiche. Deshalb sind beide Unternehmen derzeit mit großem Aufwand dabei, Möglichkeiten zur Vernetzung auch ländlicher Gebiete in der Dritten Welt zu erkunden. Deshalb reisten Cohen und Schmidt in Länder wie Nordkorea, mit einem Rationale à la Frank Sinatra: Wenn wir es hier schaffen, die Leute ins Netz zu bringen, dann schaffen wir es überall. Cohen nennt totalitäre Regime "das letzte Grenzland des Internets". Eines der besonders verwegenen Ziele des Konzerns, intern "Moonshots" genannt, sei es, ein völlig zensurfreies Internet zu erreichen. Von einem überwachungsfreien Internet spricht er nicht.
Die weltweite Vernetzung, die Google und Facebook als humanitäres Projekt darstellen, ist nicht nur im Interesse der beiden Konzerne, sie ist auch im Interesse der US-Regierung, denn das Internet ist längst ein Machtinstrument Washingtons. Je weiter es sich spannt, je mehr Menschen US-amerikanische Dienste nutzen, desto umfassender wird der Zugriff, den NSA, GCHQ und Co. auf das Privatleben der Bewohner des Planeten Erde haben.
"2010 von den Chinesen angegriffen, 2013 von der NSA"
Zwar macht Schmidt deutlich, dass er das Anzapfen von Kabelverbindungen zwischen Google-Rechenzentren durch den Geheimdienst für einen Affront hält: "2010 wurden wir von den Chinesen angegriffen, 2013 von der NSA." Gleichzeitig aber halten Cohen und Schmidt dieses Problem für lösbar - mittlerweile seien diese Verbindungen eben verschlüsselt. Weitere Verbesserungen würden neue Gesetze bringen. Dass diese allenfalls für US-Bürger gelten dürften, fällt unter den Tisch.
Als ein Zuschauer die Frage stellt, ob sich mit dem Internet nicht auch eine "US-zentrische Vorstellung davon, wie Menschen leben" verbreite, antwortet Cohen: "Stellen Sie sich mal vor, die Chinesen hätten das Internet erfunden. Sie hätten flächendeckende Überwachung und Zensur, flächendeckende Deep Packet Inspection." Auf den Punkt gebracht könnte man die Haltung der Google-Vertreter zum Thema NSA so zusammenfassen: Überwachung ist unangenehm, aber wenn, dann doch bitte durch unsere eigenen Leute. Viel schlimmer ist Zensur, und das machen nur die anderen.
Das "Die Blumen und die Bienen"-Gespräch
Aber da ist ja nicht nur die staatliche Zensur in Ländern wie Iran, Nordkorea, Russland oder der Türkei. Da gibt es auch noch die Selbstzensur all jener, die sich davor fürchten, dass alles was sie heute sagen oder tun eines Tages gegen sie verwendet werden könnte. Schmidt und Cohen sprechen vom "Datenpermanenz-Problem". "Irgendjemand wird in der Zukunft alles aufnehmen, was Sie sagen", sagt er in scherzhaftem Ton, "genau wie jetzt gerade". Zwar wolle er "keine Selbstzensur empfehlen", fügt er hinzu, "aber man sollte schon darüber nachdenken". In Großbritannien, ergänzt Cohen, werde man schon heute ständig von Überwachungskameras gefilmt, wenn man sich auf die Straße begebe.
Google treibt diesen Prozess mit Technologien wie der Kamerabrille Google Glass aktiv voran. Schmidt und Cohen aber stellen ihn als eine Art unausweichliches Menschheitsschicksal dar. Es ist, als befolge Google in vorauseilendem Gehorsam nur die Anweisungen eines unsichtbaren Technologiegottes.
Moderator Stephen Levy von "Wired" fragt, ob das "Datenpermanenz-Gespräch" künftig die Rolle des "Die Blumen und die Bienen"-Gesprächs einnehmen werde, das man mit Teenagern eines Tages führen müsse. Cohen scherzt über die Restriktionen, die er für sein eigenes, noch ungeborenes Kind plane: elterlicher Zugriff auf Passwörter, vor Partys konfiszierte Smartphones. "Ich sage ja nicht, dass das eine gute Idee ist", sagt Cohen, "aber man kann sich ja mal etwas vornehmen". Gelächter im Saal und auf der Bühne.
Die Möglichkeit, dass die Überwachten selbst als Bürger demokratischer Staaten etwas zur Steuerung dieser Entwicklung zu sagen hätten, scheint keiner der beiden ernsthaft in Betracht zu ziehen. Von gesetzlichen Regelungen ist im Verlauf des einstündigen Gesprächs nur in Bezug auf totalitäre Staaten die Rede. Die Haltung, die Cohen und Schmidt mit der Gelassenheit schwerreicher Öl-Tycoons der fünfziger Jahre vertreten, ist diese: Was wir tun, ist gut für die Menschheit, Punkt. Mit den negativen Konsequenzen kommt Ihr bitte selbst klar.
Für Eric Schmidt ist das Geschäft mit der Rettung der Welt übrigens durchaus einträglich. Für das Jahr 2013 zahlt Google seinem Spitzenmanager einen Bonus in Höhe von 106 Millionen Dollar.