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21. Januar 2013, 17:01 Uhr

Familie Schmidt in Nordkorea

Alles sehr merkwürdig

Von und

Keine Teppiche, überraschend hohe Häuser, immerhin anständiges Essen - klingt nach Reisebericht. Doch der Plauderton, in dem die Tochter von Google-Manager Schmidt über ihren Besuch in Nordkorea schreibt, irritiert. Wie wichtig ist ein hartes Bett in einem Land, in dem Folter und Hunger Alltag sind?

Wie ist es so in Nordkorea, wenn man dort nur zu Besuch ist? In einem Land, in dem das Elend alltäglich ist? Mit einem Diktator, den die internationale Gemeinschaft meidet? Vor allem "bizarr", meint Sophie Schmidt, Tochter des Google-Managers Eric Schmidt, der dem Land kürzlich einen umstrittenen Besuch abstattete. Mitsamt der 19-jährigen Sophie, die nun auf einer Google-Site ihre Eindrücke von der Reise beschreibt. Es liest sich wie das Tagebuch einer höheren Tochter aus gutem Hause, die über ihren Urlaub plaudert - flankiert von Fotos und Cartoons. Eine bizarr bunte Collage über die Reise in ein düsteres Land.

"Fahrt nach Nordkorea, wenn ihr könnt", schreibt sie im Reiseführertonfall. "Es ist sehr, sehr merkwürdig", allerdings im Januar auch "sehr, sehr kalt". Das ist nicht einmal im übertragenen Sinne gemeint: Jedes Gebäude, das sie besichtigt hätten, sei unbeheizt gewesen, man habe gefroren. Es sei "sehr ungewöhnlich", als Ehrengast "unter solchen Bedingungen" empfangen zu werden: "Sie zeigen dir stolz ihre neueste Technologie oder die beste Bibliothek, und du kannst deinen Atem sehen."

Harte Betten, anständiges Essen

Doch die junge Frau wundert sich nicht nur öffentlich über die Temperaturen, sondern so ziemlich über alles: "Es ist wie die Truman-Show", schreibt sie. Und sonderbar liest sich auch ihr Bericht: Die Hotelbetten seien hart gewesen, die Einrichtung etwas gewöhnungsbedürftig, Läufer auf dem Boden habe es auch keine gegeben. Dafür aber anständiges Essen.

Die besonderen Umstände ihres Besuchs sind Sophie Schmidt offenbar bewusst. Sie schreibt, ihre Reisegruppe habe mit keinem einzigen Nordkoreaner gesprochen, der nicht vom Staat abgesegnet worden wäre. Man habe sich stets mit zwei Aufpassern durchs Land bewegt. So weit sie das verstanden habe, seien die Menschen dort gelehrt worden zu glauben, sich glücklich zu schätzen, in Nordkorea zu leben - "warum also sollten sie jemals gehen wollen? Sie sind Geiseln in ihrem eigenen Land, ohne ein richtiges Bewusstsein dafür."

Diese Zeilen kann man so lesen, dass Sophie Schmidt weiß, wie die herrschende Elite in Nordkorea herrscht - mit Gewalt, Abschottung und Propaganda. Mehr über die Geiseln im eigenen Land schreibt Sophie Schmidt nicht. Stattdessen: "Pjöngjang ist auf eine seltsame Art charmant." Breite Boulevards gebe es da und "höhere Gebäude, als man erwarte". Auch wenn nicht alle Elektrizität hätten, wirkten sie doch bei Tageslicht schön bunt. Sehr sauber sei es, und man treffe in der Stadt auf stylische Frauen mit hochhackigen Stiefeln und Make-up. Wenn zu einer anderen Jahreszeit erst einmal alles blühe, sei es bestimmt hübsch dort.

"Bizarrer wird es wohl nicht", schreibt die Teenagerin

Als Sophie Schmidt eine Verkehrspolizistin auf der Straße sieht, frage sich die Schmidt-Tochter ernsthaft: "Wie erklärt man jemandem, dass sie eine YouTube-Sensation ist, wenn sie noch nie vom Internet gehört hat?"

Mancher Leser wird sich womöglich fragen, wie Eric Schmidt seiner Tochter erlauben konnte, dieses Geschwätz ins Netz zu stellen. Andererseits tut der Bericht an keiner Stelle so, als berichte hier eine Diplomatin, sondern eben ein Teenager. Sie sei eine Nordkorea-Anfängerin und könne eben nur mitteilen, wie ein Besuch im Land als Mitglied einer bewachten Delegation sei, "nur ein paar informelle Beobachtungen". Und so ist der Bericht auch betitelt: "Sophie in Nordkorea" heißt die Seite, dazu die Überschrift "Bizarrer wird es wohl nicht".

Eric Schmidt bestätigte gegenüber der US-Nachrichtenseite Quartz, dass tatsächlich seine Tochter Sophie diesen Reisebericht geschrieben hat. Der Google-Manager veröffentlichte am Sonntag selbst auf Google+ einen knappen Reisebericht. Er sei privat nach Nordkorea gereist, um über das "freie und offene Internet" zu sprechen. Schmidts Kurzbilanz der Reise: "Die Nordkoreaner kamen, hörten uns zu und stellten viele Fragen."

Schmidts wesentliche Erkenntnisse über die Lage in Nordkorea:

Folter, Unterernährung, Exekutionen

Die anderen Probleme in Nordkorea erwähnt Schmidt in seinem Beitrag nicht. Laut Unicef sind 15,5 Prozent der Kinder in Nordkorea unter- und 27,9 Prozent mangelernährt, die Hälfte der Bevölkerung hat keinen Zugang zu Leitungswasser. In Nordkorea sitzen Schätzungen zufolge um die 200.000 politische Gefangene in Internierungs- und Umerziehungslagern ein. Laut der US-Organisation Committee for Human Rights in North Korea sind bisher mehr als 400.000 Menschen in diesen Lagern umgekommen - verhungert oder ermordet. Überlebende berichten von Zwangsarbeit, Folter, öffentlichen Hinrichtungen, Unterernährung.

Ein wegen Schnapsbrennerei Inhaftierter, der später nach China fliehen konnte, berichtet von der Zwangsarbeit in einer Zementfabrik: Gearbeitet wurde von 7 bis 17 Uhr, manchmal auch bis 22 Uhr. Die Tagesration bestand aus 50 Gramm Mais und Kohlsuppe. Der Gefangene verlor in den ersten drei Monaten seiner Haft 31 Kilo Gewicht. In dieser Zeit wurden acht Gefangene hingerichtet, und als der Häftling über China floh, wog er 45 Kilo.

Der SPIEGEL berichtete 1995 über die Erinnerungen eines geflohenen Wachsoldaten eines dieser Lager: Seine Kollegen erzählen sich abends, wie sie bei Hinrichtungen die Augen der Todgeweihten um die Wette ausschießen, weiblichen Gefangenen die Brüste abschneiden und ihnen Schaufelstiele in den Unterleib rammen.

Von Folter und Exekutionen berichtet auch der ehemalige Gefangene Shin Dong-hyuk in einem 2012 erschienen Buch - er verbrachte die ersten 22 Jahre seines Lebens in einem Straflager. Bei Folterungen wurde ihm die Haut vom Rücken gebrannt, er musste die Hinrichtung seiner Mutter und seines Bruders mitansehen.

Und was tut Google-Manager Schmidt? Er fordert von der nordkoreanischen Regierung Internetfreiheit: "Sie müssen allen Menschen einen Internetzugang ermöglichen." Die Regierung müsse jetzt damit beginnen, wolle sie nicht "zurückgelassen" werden, so Schmidt.

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