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22. Mai 2019, 18:18 Uhr

Soziale Netzwerke

Bürgerbewegung warnt Facebook vor rechter Propagandaflut

Von und

Lügen, Hass, Falschnachrichten: Die Online-Bürgerbewegung Avaaz will auf Facebook rechte Desinformationsnetzwerke mit Millionen von Followern entdeckt haben. Facebook bewertet die Funde anders.

"Europa ertrinkt vor den Europawahlen in Falschnachrichten" - das ist das Urteil von Avaaz nach einer groß angelegten Untersuchung auf Facebook. Die Online-Plattform hat nach eigenen Angaben mehr als 500 verdächtige Seiten und Gruppen an Facebook gemeldet, die Desinformationen und Hass von Rechtspopulisten oder deren Unterstützern verbreiten. Sie seien insgesamt von 32 Millionen Menschen verfolgt und allein in den vergangenen drei Monaten 67 Millionen Mal kommentiert, geliked und weiterverbreitet worden.

Facebook habe Avaaz zufolge daraufhin 77 Seiten und 230 Konten aus Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien, Spanien und Polen gelöscht. Facebook wollte die konkreten Zahlen auf Anfrage nicht bestätigen, die Avaaz-Recherchen aber auch nicht diskreditieren. "Wir danken Avaaz für die Hinweise. Wir haben mehrere Fake-Accounts entfernt sowie einige Seiten, die gegen unsere Richtlinien verstoßen. Wenn wir weitere Verstöße feststellen sollten, gehen wir konsequent dagegen vor", teilte eine Facebook-Sprecherin mit.

Facebook hat bereits in der Vergangenheit vergleichbare Hinweise über rechte Netzwerke von Avaaz erhalten, die der Konzern selbst nicht entdeckt hatte. Die aktuelle Untersuchung wurde laut Avaaz vollständig durch Kleinspenden finanziert. Sie kamen über eine Crowdfunding-Initiative zusammen, an der sich mehr als 47.000 Mitglieder beteiligt hätten. Mit dem Geld heuerte Avaaz ein Expertenteam an, das sich durch Tausende von öffentlich zugänglichen Facebook-Seiten und Gruppen gearbeitet habe.

Allein die angeblich 77 stillgelegten Seiten hatten laut Avaaz rund sechs Millionen Follower - fast dreimal so viele wie die offiziellen Seiten der wichtigsten rechtspopulistischen Parteien in der EU zusammen. Die AfD, die italienische Lega, Frankreichs Rassemblement National, Spaniens Vox, die britische Brexit Party und die polnische PiS bringen es demnach gemeinsam auf nur zwei Millionen Follower. Die Hauptseiten dieser Parteien seien in den vergangen drei Monaten auf 5,9 Millionen Kommentare, Likes und Shares gekommen, die 77 angeblich stillgelegten Seiten dagegen auf 13 Millionen. Ihre Inhalte seien in diesem Zeitraum mehr als 530 Millionen Mal angesehen worden.

Inhaltlich sei der Großteil des Materials gegen Immigration gerichtet, EU-feindlich oder rassistisch, teilte Avaaz mit. So habe eine Facebook-Seite, die Italiens rechtsradikalen Innenminister Matteo Salvini unterstützt, mit großem Erfolg ein Video verbreitet, das angeblich Migranten bei der Zerstörung eines Polizeiautos zeigt. Der Film, der fast zehn Millionen Mal angesehen wurde, entstand jedoch an einem Filmset - wie eigentlich auch leicht erkennbar ist, da am linken Rand des Videos Mitglieder der Filmcrew bei der Arbeit zu sehen sind. Dennoch werde das Video immer noch verbreitet, kritisiert Avaaz.

AfD-Politiker verbreiteten frei erfundene Zitate auf Facebook

Ebenfalls aus einem Film stammt das Foto einer angeblich von einem ausländischen Taxifahrer vergewaltigten Frau, das auf polnischen Facebook-Seiten weite Verbreitung gefunden hat. Noch drastischer ist das Foto eines frisch enthaupteten, in einer Blutlache liegenden Körpers, das vor allem auf britischen Facebook-Seiten kursierte. Der Titel des Posts: "Eine Milliarde Muslime wollen das Scharia-Gesetz."

In Deutschland fand Avaaz AfD-Politiker, die frei erfundene Zitate von Politikern anderer Parteien verbreiteten oder offenbar mehrere persönliche Profile betrieben, was ein Verstoß gegen Facebooks Gemeinschaftsstandards ist.

Doch einige andere Beispiele, die im Avaaz-Bericht beschrieben sind, stellen nicht zwingend einen Verstoß gegen Facebooks Richtlinien dar. Das Unternehmen hat nach Angaben der Sprecherin auch keinen Hinweis auf "coordinated inauthentic behavior" gefunden, also eine gezielte Vernetzung mehrerer Nutzer unter falscher Identität. Das war bisher jener Ansatz, über den das Unternehmen Desinformations-Netzwerke lahmlegte, unabhängig von den verbreiteten Inhalten.

Dementsprechend bewerten Avaaz und Facebook die Funde in der Summe unterschiedlich. Die Größe und Raffinesse der aufgedeckten Netzwerke mache sie zu "Massenvernichtungswaffen für die Demokratie" in Europa, sagte Christoph Schott, Kampagnen-Direktor von Avaaz. "Das Beunruhigendste ist, dass wir nur an der Oberfläche gekratzt haben." Es könnte noch "viel, viel mehr" derartiges Material geben. "Unsere Sorge ist, dass wir den Effekt bei den Europawahlen diese Woche sehen werden."

Facebook hingegen stellt keinen solchen Bezug zur Europawahl her. Es erkennt in den gemeldeten Gruppen, Seiten und Accounts keine Netzwerke, die typischerweise von staatlichen Akteuren aufgebaut werden, um durch gezielte Desinformation oder Aufwiegelung eine Wahl oder ganze Gesellschaften zu beeinflussen. Die Stilllegungen seien daher routinemäßige Aktionen, wie sie bei Verstößen gegen verschiedene Teile der Gemeinschaftsstandards zu jeder Zeit erfolgten, nicht nur im Wahlkampf.

EU-Justizkommissarin Vera Jourová hatte unmittelbar vor Erscheinen des Reports gesagt, "von einem großen Desinformations-Angriff" sei ihr nichts bekannt. "Das heißt nicht, dass es ihn nicht gibt", schränkte Jourová gegenüber der Deutschen Presse-Agentur jedoch ein. Vielleicht sei ein solcher Angriff bislang auch einfach nicht entdeckt worden. "Die Bedrohung ist schon längst nicht mehr dieselbe wie bei den US-Wahlen von 2016", meint auch ein im EU-Diplomat. Desinformationskampagnen und die Beeinflussung des politischen Prozesses "werden immer subtiler, ausgefeilter und schwieriger aufzuspüren". "Es ist nicht leicht, ein umfassendes Bild zu bekommen."

Forscher des Oxford Internet Institute wiederum hatten am Dienstag eine Studie veröffentlicht, nach der Desinformationsversuche mit eindeutigem Bezug zur Europawahl vor allem auf Twitter bisher zu vernachlässigen seien. Auf Facebook würden einzelne reißerische Beiträge vor allem aus dem rechtspopulistischen Umfeld zwar mehr Interaktionen auslösen als die Beiträge seriöser Medien, in der Summe aber deutlich unter deren Reichweite bleiben.

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