Umgang mit gefährlichen Gruppen Enthüllungsplattform veröffentlicht geheime Facebook-Liste

Welche Personen und Gruppen weltweit hält Facebook für gefährlich? Das Portal »The Intercept« hat eine interne Liste mit 4000 Einträgen ins Netz gestellt, die auch Deutschland betreffen.
Facebook: Erneut kommen Interna an die Öffentlichkeit

Facebook: Erneut kommen Interna an die Öffentlichkeit

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Dado Ruvic / REUTERS

Facebook inszeniert sich gern als positiven Ort, als länder- und kulturübergreifende Plattform, die Menschen zusammenbringt. Natürlich ist das größte soziale Netzwerk der Welt aber auch für Personen und Gruppen interessant, denen es eher um Spaltung geht als ums Brückenbauen: für islamistische Terrorgruppen etwa oder Neonazis.

Damit solche Gruppen ihre Propaganda nicht ungestört über seinen Dienst verbreiten können, existiert bei Facebook eine Liste gefährlicher Einzelpersonen und Organisationen. Wer genau darauf steht, war bisher unbekannt. Üblicherweise wurden nur Einzelfälle publik, in denen Facebook für bestimmte Gruppen seine Regeln geändert hat, teils auf öffentlichen Druck hin.

Das ist nun anders. Das Enthüllungsportal »The Intercept« hat am Dienstagabend eine undatierte Version der Liste ins Netz gestellt , die aus rund 4000 Einträgen zu gesperrten Gruppen und Personen besteht. Facebook ordnet jenen Einträgen demnach Begriffe wie »Terror«, »Gewalt« oder »Hass« zu. Die Gruppen und Personen werden »The Intercept« zufolge auch noch in Kategorien von 1 bis 3 eingestuft. Je nach Kategorisierung einer Gruppe droht so im Extremfall jedem Posting dritter Personen, das eine der gesperrten Gruppen oder Personen in ein positives Licht stellt, die Löschung.

Facebook hielt die Liste bislang geheim

»The Intercept« rechtfertigt seine Veröffentlichung der Liste mit einer »öffentlichen Besorgnis über die Voreingenommenheit von Facebooks Moderation«. Mit der Liste könnten die Leserinnen und Leser des Portals nun eigene Schlüsse über die Qualität jener Moderation ziehen.

In der Vergangenheit hatte auch schon Facebooks weitgehend unabhängiges Kontrollgremium, das sogenannte Oversight Board, ein Publikmachen der Liste für sinnvoll erachtet . Facebook selbst hatte solche Forderungen unter anderem mit Verweis auf die Sicherheit seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter abgelehnt.

In einem aktuellen Statement für »The Intercept« betont das Unternehmen, es wolle »keine Terroristen, Hassgruppen oder kriminelle Organisationen« auf seiner Plattform: »Deshalb verbieten wir sie und entfernen Inhalte, die sie preisen, repräsentieren oder unterstützen.«

Bands, Kinder, Krankenhäuser

Wie Facebooks Gefahrenübersicht im Detail aussieht, ist nun erstmals bekannt geworden. Auf Twitter kommentiert »The Intercept«-Autor Sam Biddle, auf der Liste seien »Hunderte von Bands, Kindern, Krankenhäusern, Fernsehsendern und Politikern, die von den Vereinigten Staaten und ihren Verbündeten als ›gefährlich‹ angesehen werden«. Laut Kritikern seien auf ihr auch unverhältnismäßig viele muslimische, südasiatische und nahöstliche Namen vertreten.

Jillian York von der Bürgerrechtsorganisation Eletronic Frontier Foundation (EFF) kommt zu der Einschätzung, Facebooks Regeln seien ein Problem für Menschen, die in Gegenden leben, »in denen sogenannte terroristische Gruppen eine Rolle in der Regierung spielen«: Die Menschen vor Ort müssten ihrer Meinung nach die Möglichkeit haben, diese Gruppen nuanciert zu diskutieren.

Sam Biddle hebt noch hervor, dass sich mit der Liste manches Moderationsphänomen erklären lasse. So gab es in diesem Frühjahr etwa Berichte darüber, dass Instagram scheinbar willkürlich Postings gesperrt hatte, in denen es um die Jerusalemer al-Aksa-Moschee ging. Die Instagram-Mutterfirma Facebook erklärte dies später damit, dass der Name der Moschee versehentlich mit Terrorgruppen assoziiert worden sein . Die ins Netz gestellte Liste zeigt nun, dass Facebook in der Tat gleich mehrere Gruppen mit »al-Aksa« im Namen als gefährlich einstuft.

Auch zu Deutschland gibt es Einträge

Aus dem deutschsprachigen Raum finden sich auf Facebooks Liste unter anderem Einträge zu Rechtsrockbands sowie zu rechtsextremen Kleinstparteien und Gruppierungen, darunter »III. Weg«, »Die Rechte« und die »Identitäre Bewegung«. In der Kategorie »Hass« ist bei den Einzelpersonen, in deren Kontext Postings gesondert behandelt werden, beispielsweise der kürzlich verstorbene Dortmunder Neonazi Siegfried »SS-Siggi« Borchardt gelistet. Genauso gibt es aber Einträge zu weit über Deutschland hinaus bekannten Nazis wie Adolf Hitler und Joseph Goebbels.

Die US-Wissenschaftlerin Joan Donovan, die sich mit Online-Extremismus beschäftigt, wirft auf Twitter die Frage auf , ob sich manche Gruppen nach Veröffentlichung der Liste wohl umbenennen könnten, um Facebooks Sperren und Sonderregeln zu entgehen. So könnte sich tatsächlich auch am Verhalten von Terrorgruppen zeigen, wie relevant Facebooks soziales Netzwerk im Jahr 2021 ist.

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