Debatte um Facebook-Beiträge Wollen Sie diese Geschichte wirklich teilen?

Faktenchecks und Warnungen: Facebook will Falschmeldungen mit menschlicher und technischer Hilfe eindämmen. Indes gibt es Ärger wegen der Arbeitsbedingungen bei einem Berliner Dienstleister.

Lange musste sich Facebook vorwerfen lassen, zu wenig gegen Falschmeldungen zu tun, die sich in seinem Netzwerk verbreiten. Jetzt handelt das Unternehmen - mit einem Mix aus Maßnahmen. So sollen einerseits Nutzer Fake News schneller melden können, heißt es in einem Blogpost des Konzerns . Anderseits soll der News-Feed-Algorithmus angepasst werden, damit Meldungen, die möglicherweise nicht einlösen, was sie versprechen, weniger prominent auftauchen als bislang.

Bemerkenswerter ist aber eine dritte Neuerung: Facebook wird künftig mit externen Faktencheck-Spezialisten zusammenarbeiten. In die Wege geleitet wurde zunächst eine Kooperation mit ABC News und der Nachrichtenagentur Associated Press (AP) sowie mit den amerikanischen Anti-Fake-Websites "Snopes", FactCheck.org und "Politifact". Weitere Partner könnten aber noch hinzukommen.

Von mehr als einem Partner als gefälscht identifizierte Berichte würden als "umstritten" gekennzeichnet und rutschten im Nachrichtenangebot nach unten, heißt es von Facebook. Wer die gekennzeichneten Beiträge teilen will, muss noch einmal explizit per Klick signalisieren, dass er dies trotz der Bedenken der Fact-Checker tun will:

Neue Facebook-Funktion

Neue Facebook-Funktion

Foto: AP/ Facebook

Als "umstritten" markierte Beiträge sollen sich künftig auch nicht mehr gegen Geld als Anzeigen oder "Promoted Post" weiter verbreiten lassen.

Bisher hat sich Facebook bei der Überprüfung von Beiträgen im Wesentlichen auf Hinweise der eigenen Nutzer verlassen. Die gemeldeten Artikel wurden von Facebook-Angestellten oder Angestellten von Dienstleistern daraufhin überprüft, ob sie den sogenannten Gemeinschaftsstandards des Netzwerks entsprechen.

In den USA werden Facebooks Ankündigungen bereits intensiv diskutiert: So sorgen sich etwa Konservative, dass die Fakten-Checker nicht neutral genug seien . Im US-Wahlkampf hatten sich vor allem Fake News zugunsten des künftigen Präsidenten Donald Trump erfolgreich bei Facebook weiterverbreitet. Dazu gehörte zum Beispiel die erfundene Nachricht, dass Papst Franziskus ihm seine Unterstützung ausgesprochen habe. Auch in Deutschland gibt es gerade eine Debatte zum Thema.

Berichte über die Arvato-Mitarbeiter

Aktuell machen hierzulande aber auch die Arbeitsbedingungen beim Facebook-Dienstleister Arvato Schlagzeilen. Dessen Mitarbeiter sind im Auftrag von Facebook dafür zuständig, einen Teil der von Nutzern gemeldeten Beiträge zu prüfen: Was muss auf Basis interner Löschregeln  gelöscht werden, was darf online bleiben?

Das Magazin der "Süddeutschen Zeitung"  war mit derzeitigen und ehemaligen Arvato-Mitarbeitern in Kontakt und beschreibt auf dieser Grundlage deren Arbeitsalltag, in dem sie immer wieder auch mit Sadismus und Kinderpornografie konfrontiert werden. "Ich weiß, dass jemand diesen Job machen muss", wird ein Mitarbeiter in dem Artikel zitiert. "Aber es sollten Leute sein, die dafür trainiert werden, denen geholfen wird und die man nicht einfach vor die Hunde gehen lässt, wie uns."

Über ihre Jobs dürfen die Arvato-Mitarbeiter eigentlich nicht reden. "Niemand darf erfahren, für welchen Auftraggeber hier gearbeitet wird", heißt es in der Langversion des Artikels . "Den Namen Facebook dürfen sie nicht in ihre Lebensläufe oder Linkedin-Profile schreiben. Nicht einmal ihren Familien sollen sie sagen, was sie tun."

Mitarbeiter aus vielen Ländern

Einem Mitarbeiter zufolge, den das "SZ Magazin" zitiert, sollen in Berlin rund 600 Menschen mit dem Löschen von Facebook-Beiträgen beschäftigt sein. Die Mitarbeiter stammen den Schilderungen zufolge aus Ländern wie Deutschland, der Türkei, Schweden, Italien, Puerto Rico und Syrien. Mitarbeiter auf der untersten Hierarchie-Stufe, die sich mit beanstandeten Profilen beschäftigen, sollen ein Monatsgehalt von rund 1500 Euro brutto bekommen.

Von Arvato bekam SPIEGEL ONLINE Freitagnachmittag die Stellungnahme, dass das Unternehmen "die Belange und das Wohlergehen seiner Mitarbeiter" in seinen Tochterfirmen ernstnehme: "Dazu zählen eine umfassende Gesundheitsfürsorge sowie Betreuungsangebote durch Betriebsärzte, Psychologen und den Betriebssozialdienst."

Man habe hohe Standards und vielfältige Maßnahmen implementiert: "Diese entwickeln wir kontinuierlich und im offenen Dialog mit den Mitarbeitern und ihren Vertretern weiter." Insgesamt sei die Fluktuation in dem geschilderten Bereich gering.

Das sagt Facebook

Von einer Facebook-Sprecherin heißt es: "Wir weisen den Vorwurf, wir würden uns nicht genug um die Mitarbeiter unseres Partners in Deutschland kümmern, entschieden zurück." Dem Unternehmen sei bewusst, dass ihre Arbeit oft sehr schwierig sein kann. Daher durchlaufe jeder Arvato-Mitarbeiter einen mehrstufigen Auswahlprozess: "Anschließend erhält jeder Mitarbeiter ein verpflichtendes sechswöchiges Training sowie ein vierwöchiges Mentoringprogramm."

Sobald er beginne, Facebook-Inhalte zu prüfen, werde jedem Mitarbeiter psychologische Betreuung angeboten. "Dies geschieht auf Wunsch der Mitarbeiter und kann zu jeder Zeit in Anspruch genommen werden."

Vor der Veröffentlichung des "SZ Magazin"-Artikels hatte ein Arvato-Insider bereits im Blog "Mobile Geeks" Einblick in seine Situation gegeben . In dem Text hieß es Ende November zum Beispiel, es gebe von Facebook die Vorgabe, dass täglich 1850 Tickets - also Meldungen - pro Person abgearbeitet werden sollen. Tatsächlich würden die Angestellten aber eher auf 800 Tickets pro Tag kommen.

Update, 15 Uhr: In den Artikel wurde eine Stellungnahme von Facebook eingebaut.

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mit Material von AP/Reuters/dpa