Medien-Enthüllungen Facebooks Feinde in den eigenen Reihen

Geleakte Facebook-Dokumente machen weltweit Schlagzeilen. Die Berichterstattung dürfte das schlechte Image des Konzerns zementieren. Aber kann sie ihm gefährlich werden?
Facebook-Chef Mark Zuckerberg wünscht sich regulatorische Richtlinien – diese sollen helfen, dass sein Unternehmen eine »Balance zwischen Redefreiheit und dem Eingrenzen schädlicher Inhalte« findet

Facebook-Chef Mark Zuckerberg wünscht sich regulatorische Richtlinien – diese sollen helfen, dass sein Unternehmen eine »Balance zwischen Redefreiheit und dem Eingrenzen schädlicher Inhalte« findet

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Bloomberg / Bloomberg via Getty Images

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Facebook besitzt mit WhatsApp den meistgenutzten Messenger der Welt, mit Instagram eines der populärsten sozialen Netzwerke, dazu rund 100.000 Kilometer Internetkabel , und es beherrscht wichtige Teile des lukrativen digitalen Werbemarktes. In manchen Teilen der Welt ist der Dienst praktisch äquivalent mit dem Internet. Angesichts dieser enormen Marktmacht tauchen nach jeder neuen Enthüllung über Verfehlungen dieselben Fragen auf: Wird dieses Leak nun dem Konzern dauerhaft schaden? Bedeutet es gar das Ende der Erfolgsgeschichte?

Dieselben Fragen also, die nach dem Skandal um Cambridge Analytica im Raum standen, stellen sich auch jetzt wieder, nachdem am Montag zahlreiche internationale Medien über die sogenannten Facebook Files oder Facebook Papers berichteten. Die Dokumente zeigen demnach, dass Facebook dank interner Untersuchungen oft genau wusste, welchen Schaden und Probleme es in der echten Welt anrichten kann. Doch das Unternehmen stelle seine »astronomischen Profite vor das Wohl der Menschen«. So zumindest beschrieb die Whistleblowerin Frances Haugen, die die Zehntausenden Dokumente aus dem Inneren des Konzerns an die Medien geschleust hat, die Prioritäten des Konzerns in einer Anhörung vor dem US-Kongress.

Doch dass diese Enthüllungen den Börsenkurs oder den Gewinn auf eine längere Talfahrt schicken oder für einen Exodus der Nutzerinnen und Nutzer führen, steht für den Konzern eher nicht zu befürchten.

Dem Konzern könnte etwas anderes langfristig gefährlich werden

Das jedoch hat nicht damit zu tun, dass der Konzern durch die Berichte nicht schlecht aussehen würde, sondern damit, dass Facebooks Ruf ohnehin ramponiert ist. Dass Facebook zu wenig gegen Hass, Hetze und problematische Inhalte auf seiner Plattform unternehme, wie nun berichtet wird, passt zu dem, was dem Unternehmen ohnehin schon lange öffentlich vorgeworfen wird, ohne dass es dem Geschäft massiv geschadet hätte.

Die internen Dokumente, über die etwa in Deutschland die »Süddeutsche Zeitung« (»SZ«) berichtet , werfen aber einen interessanten Blick darauf, was der Erfolgsgeschichte des Konzerns langfristig wirklich gefährlich werden könnte: die Unzufriedenheit der eigenen Angestellten. So zeigen die Berichte, wie Mitarbeitende intern mit zunehmender Frustration über die Risiken und Gefahren von Facebook berichtet und diskutiert haben. Verbesserungsvorschläge wurden demnach wohl nur unzureichend berücksichtigt. In den Unterlagen fänden sich auch mehrere Abschiedsbriefe von ausscheidenden Mitarbeitern, die Facebook schwere Vorwürfe machten, heißt es in der »SZ«. Unklar ist nur, wie repräsentativ sie angesichts von 60.000 Angestellten wirklich sind.

Wie soll Facebook noch junge Talente gewinnen?

Kann ein solcher Konzern langfristig ein attraktiver Arbeitgeber sein, der die besten Ingenieure und Tech-Expertinnen anlockt, die ihm eine Vormachtstellung im Netz sichern? Früher konnte Facebook damit werben, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, indem es Menschen verbindet. Dass Wachstum und mehr Vernetzung automatisch die Menschheit voranbringen, kann heute wohl kaum ein neuer Mitarbeiter uneingeschränkt unterschreiben. Dass Facebook längst nicht mehr die coolsten und angesagtesten Produkte der Social-Media-Produkte des Silicon Valleys entwickelt, könnte bei der Suche nach Talenten erschwerend hinzukommen.

Problematisch für Facebook dürfte noch eine weitere Erkenntnis aus den internen Dokumenten sein. Das Unternehmen erscheint geradezu verzweifelt in seinen Bemühungen, wieder jüngere Zielgruppen zu gewinnen. So schlugen Facebook-Mitarbeiter laut den Berichten zweifelhafte Methoden vor, um Kinder als Zielgruppe zu gewinnen. Das klingt nicht gerade nach einem selbstbewussten, florierenden Unternehmen, schrieb der Technologie-Reporter Kevin Roose von der »New York Times«  dazu. Sein Fazit: »Facebook ist schwächer, als wir glauben.« Die Dokumente, so schreibt er, zeichneten das Bild eines Konzerns, dessen beste Tage schon hinter ihm lägen.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg sieht das in seiner ersten Reaktion freilich anders. So sagte er in einer Videoschalte mit Investoren, dass die Facebook-Community im vergangenen Quartal weiterhin gewachsen sei. Inzwischen nutzten 3,6 Milliarden Menschen die Dienste des Unternehmens, sagte Zuckerberg am Montagabend.

Auf eine interne Kursänderung deuten Zuckerbergs aktuelle Aussagen nicht hin. Zur »aktuellen Debatte« über sein Unternehmen, hieß es, dass er sich regulatorische Richtlinien wünsche, die seinem Unternehmen helfen, eine »Balance zwischen Redefreiheit und dem Eingrenzen schädlicher Inhalte« zu finden. Außerdem habe man in diesem Jahr fünf Milliarden Dollar in den Bereich Sicherheit investiert. Man tue hier mehr als alle anderen Firmen. Statements und Positionen, mit denen Facebook bereits in der Vergangenheit reagiert hatte.

Die aktuellen Medienberichte tat Zuckerberg allerdings als »Kampagne« ab. Kommunikationschef Nick Clegg deutete laut einem CNN-Reporter  in einem Memo an die Angestellten an, dass sich die traditionellen Medien doch nur zu den alten Zeiten zurücksehnten, in denen sie selbst bestimmen konnten, was ihr Publikum zu sehen bekommt. Demut oder Einsicht scheinen derzeit wenig gefragt.

Beim Entkräften der einzelnen Vorwürfe geht allerdings Facebook halbherzig vor. Weder zeigt sich das Unternehmen bereit, die internen Forschungsergebnisse umfassend zu veröffentlichen, noch bietet es einen besseren Zugang für unabhängige Forschung an. So kann es weiter behaupten, dass die Facebook Files aus dem Zusammenhang gerissen wurden, ein unvollständiges Bild zeichnen, mitunter veraltetet seien oder längst entsprechende Gegenmaßnahmen ausgelöst hätten. Überprüfbar ist das nicht, aber eben auch nicht widerlegbar.

Das Leak und die Regulierer

Und dann wäre da noch die Politik. Trotz aller Kritik an Facebook ist es eine wirkungsvolle und sinnvolle Regulierung bisher kaum gelungen. Whistleblowerin Frances Haugen übt hier jedoch Druck aus: Sie hat bei der US-Börsenaufsicht Beschwerde eingereicht und dem US-Kongress einige der von ihr gesammelten Unterlagen übergeben.

Politikerinnen und Politiker in den USA und auch in der EU, wo mit dem Digital Services Act ein großer Regulierungsversuch von sozialen Netzwerken geplant ist, haben die Enthüllungen interessiert zur Kenntnis genommen. Bis in Brüssel oder Washington jedoch die geplanten Gesetzesverschärfungen in Kraft treten, wird es noch lange dauern. Der tatsächliche Einfluss der aktuellen Enthüllungen dürfte also erst in einigen Jahren erkennbar werden.

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