SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

14. Juni 2017, 06:07 Uhr

Berlin

Politiker dürfen erstmals Facebooks Löschzentrum betreten

Von

Anderthalb Jahre lang haben Politiker vergeblich versucht, die Löscheinheit Facebooks in Berlin zu besuchen. Nach SPIEGEL-Informationen öffnet der Konzern jetzt plötzlich doch die Türen.

Facebook gewährt Politikern erstmals Zutritt zu seiner strikt abgeschirmten Löscheinheit in Berlin. Nach Informationen des SPIEGEL hat Facebook Termine mit der Grünen-Politikerin Renate Künast sowie mit Gerd Billen, dem Staatssekretär von Justizminister Heiko Maas (SPD), gemacht. Künast besucht das Löschteam am heutigen Mittwoch und wird dort mit Mitarbeitern sprechen.

Weil Facebook für seinen Umgang mit Nutzerbeschwerden und Hasskommentaren in der Kritik steht, haben Politiker - ebenso wie Journalisten - wiederholt versucht, sich vor Ort einen Eindruck jener Einrichtung zu verschaffen, in der die Löschentscheidungen getroffen werden. Künast und Billen haben dazu unabhängig voneinander anderthalb Jahre lang Anfragen an die Facebook-Vertreter in Deutschland gestellt.

Erst jetzt, kurz bevor der Bundestag über einen Gesetzentwurf aus dem Justizministerium entscheiden soll, der Netzwerken wie Facebook strenge Auflagen machen will, gewährt der Konzern Maas' Staatssekretär Billen Zutritt. Auch weiteren Abgeordneten wurde eine Einladung ausgesprochen, die Einheit zu besuchen, die der Dienstleister Arvato für den US-Konzern betreibt.

Facebook macht ein großes Geheimnis aus der Einrichtung. So ist etwa nicht bekannt, wie viele Mitarbeiter nach welchen Regeln dort Entscheidungen treffen.

Facebook steht unter Druck

Seit der SPIEGEL im Januar 2016 von der Existenz eines bis dahin geheim gehaltenen Löschzentrums in Berlin berichtet hatte, begehrten Politiker ebenso wie Journalisten Einlass - und blitzten immer wieder ab. Später hatte die "Süddeutsche Zeitung" von schlechten Arbeitsbedingungen im Center berichtet. Namentlich nicht genannte Mitarbeiter klagten, dass sie verstörende Inhalte im Akkord abarbeiten müssten, ohne die nötige psychologische Betreuung zu erhalten. Facebook wies die Vorwürfe zurück, baute zuletzt aber im Zuge von Betriebsprüfungen die psychologische Betreuung aus.

Auf SPIEGEL-Anfrage bestätigte Facebook die Termine. Es sei richtig, dass mit "einigen politischen Entscheidungsträgern, welche direkt mit dem Thema der Arbeit unserer Community-Operations-Teams befasst sind, einen Besuch bei unserem Partner Arvato in Berlin" geplant werde. "Ziel der Besuche ist es, mehr Transparenz zu ermöglichen sowie die wichtige und komplexe Arbeit unserer Community Operations zu erläutern", so ein Facebook-Sprecher.

Der Konzern steht in Deutschland unter starkem Druck - ihm drohen Auflagen und Bußgelder, wenn das Netzwerkdurchsetzungsgesetz von Justizminister Maas wie geplant noch im Juni vom Bundestag beschlossen wird. Das Vorhaben ist umstritten, zur Zeit verhandeln die Fraktionen von Union und SPD darüber. Das Gesetz würde Facebook auch zwingen, Angaben zu den Arbeitsbedingungen und zu den geltenden Regeln in der Arvato-Einrichtung zu machen.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung