Initiative gegen Google Wissenschaftler fordern europäischen Web-Index

Die europäische Suchmaschine Quaero war ein teures Desaster. Informations- und Medienwissenschaftler aus Deutschland fordern nun ein Alternativmodell: einen öffentlich finanzierten Web-Index.
EU-Flagge: Keine eigene Suchmaschine, sondern ein eigener Index?

EU-Flagge: Keine eigene Suchmaschine, sondern ein eigener Index?

Foto: Marijan Murat/ picture alliance / dpa

Wolfgang Sander-Beuermann, Vorsitzender eines Vereins namens Suma e.V. für freien Wissenszugang, drückt sich gern deutlich aus. Zu der Frage, welche Rolle europäische Institutionen und Unternehmen im weltweiten Netz spielen, hat er eine klare Position: "Europas Kolonialstatus" müsse endlich beendet werden.

Das sagte Sander-Beuermann vergangene Woche bei einer Tagung zur Rolle von Suchmaschinen im Allgemeinen und Google im Besonderen, ausgerichtet in den Räumen der Hamburger Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW). Sander-Beuermann und eine Reihe von Mitstreitern haben auch einen konkreten Vorschlag: Sie möchten keine europäische Suchmaschine, sondern einen öffentlich finanzierten Web-Index, gewissermaßen die Basis für neue Suchmaschinen oder andere Dienste.

Zu diesem Zweck bräuchte man große Rechenzentren und die entsprechende Software, die das Web immerzu nach neuen Seiten durchsucht, diese nach bestimmten Kriterien durchsucht und katalogisiert. So könnte nach und nach ein Index möglichst großer Teile der öffentlich zugänglichen Bereiche des WWW entstehen.

"Der Markt hat versagt"

So einen Index, wie er auch der Google-Suche zugrunde liegt, aufzubauen und zu pflegen, ist aber kostspielig und aufwendig. "Aufgrund des Datenvolumens und der gewachsenen Komplexität des Internet ist die Finanzierung eines solchen Index selbst großen Firmen und Organisationen, anders als in den Anfangsjahren des Internet, nicht mehr möglich", schreiben sieben Fachleute aus den Informations- und Medienwissenschaften in einem Papier mit der Überschrift "Europa braucht einen offenen Web-Index ". Die Abhängigkeit Europas von "einer einzigen Suchmaschine" sei nicht länger hinzunehmen, heißt es in dem Aufruf und: "Der Markt hat versagt."

Finanziert werden soll dieser Index von "der europäischen Staatengemeinschaft", sagt Dirk Lewandowski, Professor für Informationswissenschaft an der HAW und Suchmaschinenexperte. Zunächst einmal aber gehe es um die Frage "welcher politische Prozess überhaut dahin führen kann".

Menetekel Quaero

Einen Versuch, Google eine europäische Suchmaschine entgegenzusetzen, hat es schon gegeben. Das Projekt Quaero, eine internationale Kooperation von öffentlichen Einrichtungen und Unternehmen, scheiterte jedoch am Ende und gilt bis heute als Menetekel für staatlich gelenkte Initiativen im Netz.

Die Initiatoren des Aufrufes sind sich deshalb einig, dass eine europäische Suchmaschine sicher der falsche Weg wäre. Auf einen offenen Index dagegen könnten "konkurrierende Unternehmen, Institutionen und Akteure der Zivilgesellschaft zugreifen".

Die würden dann "auf der Basis des Index innovative Dienste aufbauen und um die besten Ideen für seine Nutzung eifern", so die Hoffnung der Autoren. Trotzdem, gibt Lewandowski zu, sei man "von konkreten Vorschlägen", etwa zur Finanzierung, Organisation und Regulierung eines solchen Index, "weit entfernt".

Das politische Klima ist günstig

Unterstützt wird die Idee derzeit nur von einigen Fachleuten, vor allem aus dem Umfeld von Hochschulen, öffentlichen Datenbankanbietern und Bibliotheken. Derzeit wird versucht, auf unterschiedlichen politischen Ebenen Interesse für die Idee zu wecken. Mit dem Bundeskanzleramt, EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) und der neuen Spitze der EU-Kommission habe es bereits Kontakte gegeben, sagt Lewandowski.

Sander-Beuermann stellt sich ein Projekt vor, "für das die EU einen eigenen Förderrahmen schafft". Auch wenn all das höchst ambitioniert klingt, einen Vorteil haben die Initiatoren: Das Klima in Brüssel und Straßburg für eine neue Möglichkeit, der Übermacht Googles etwas entgegenzusetzen, dürfte derzeit günstig sein wie nie zuvor. Schließlich hat das EU-Parlament vor einigen Monaten erst die Zerschlagung des Suchmaschinenkonzerns angeregt.

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