Facebook, Fake News und die Medien Aufklärer verzweifelt gesucht

Deutsche Medien sollen für Facebook Falschmeldungen richtigstellen. Doch viele Redaktionen haben dem Konzern abgesagt. Nach SPIEGEL-Informationen soll jetzt "Focus Online" Lügen ermitteln.
Von der Polizei markierte Falschmeldung

Von der Polizei markierte Falschmeldung

Foto: imago

Vor einem Monat kündigte Facebook ein großes Projekt in Deutschland gegen die Verbreitung von Falschmeldungen auf dem Portal an. Als erster Partner wurde das kleine Recherchebüro Correctiv präsentiert, schnell sollten weitere Kooperationen mit Medien beschlossen werden.

Doch die Suche nach Partnern gestaltet sich für Facebook schwieriger als erwartet. Nach SPIEGEL-Informationen erntete der Konzern zuletzt viele Absagen deutscher Medien - und selbst die Testphase des Projekts hat immer noch nicht begonnen.

Facebook steht hierzulande unter politischem Druck, stärker gegen Lügengeschichten und illegale Inhalte vorzugehen - deshalb hat es sein Programm gegen Fake News nach den USA in Deutschland ins Leben gerufen, als zweites Land der Welt.

Im Zuge der aufgeregten Debatte um die virale Verbreitung gezielter Desinformation auf Facebook sollten die Nutzer die Möglichkeit erhalten, Beiträge als "Fake News" zu melden. Diese Beiträge sollen mittels einer Software direkt bei unabhängigen Fact Checkern in Redaktionen landen, die sie überprüfen und wenn nötig als Falschmeldungen markieren können (mehr dazu hier). Soweit der Plan.

In der Realität ist Correctiv bislang der einzige bekannte Medienpartner geblieben. Das größtenteils von Stiftungen finanzierte Recherchebüro mit weniger als 20 Redakteuren kann nach eigener Aussage die Arbeit aufnehmen. Doch Facebook will, dass strittige Beiträge von mindestens zwei unabhängigen Faktenprüfern begutachtet werden. Also braucht es weitere Medienpartner.

"Focus Online" steht bereit

Nach SPIEGEL-Informationen will zumindest "Focus Online" mitmachen. Das erfolgreiche Nachrichtenportal hat eine große Reichweite, steht allerdings wegen seiner Arbeitsmethoden selbst immer wieder in der Kritik.

So verklagte die "Bild"-Zeitung im Januar "Focus Online" wegen "systematischen" Inhaltediebstahls auf Schadenersatz. Der Fall liegt beim Landgericht Köln. Die auf Suchmaschinen optimierte Veröffentlichungsstrategie des Portals nannte der medienkritische "Bildblog" einst "Bullshit im Sekundentakt" .

Für "Focus Online" lauert in der Anti-Fake-Partnerschaft also eine Gelegenheit, das eigene Image zu polieren. Offiziell heißt es auf Anfrage des SPIEGEL, es sei noch keine "endgültige Entscheidung" gefallen. Aber: "Es gibt von Focus Online die grundsätzliche Bereitschaft einer Teilnahme." Auch bei "Zeit Online" zeigt man sich aufgeschlossen. Offiziell heißt es: "Wir prüfen das derzeit."

Ein Facebook-Sprecher will auf Anfrage keine Angaben zu einem Starttermin oder weiteren Partnern machen.

Viele Absagen

Auch wenn Facebook und Medien in anderen Bereichen gern kooperieren, beim Thema "Fake News" kommt man deutlich schwerer zusammen. Während das Netzwerk hierzulande Correctiv präsentiert, das bislang nicht durch aktuelle Berichterstattung aufgefallen ist, wie sie wohl im Umgang mit sich viral verbreitenden Falschmeldungen nötig wäre, konnte der Konzern in den USA zum Start des Anti-Fake-Programms namhafte Partner wie die Nachrichtenagentur AP oder ABC News vorzeigen.

In Deutschland hagelt es Absagen, vor allem der großen Redaktionen: Facebook sprach ARD und ZDF an, die Sender bauen nun zwar Fact-Checking-Einheiten auf, wollen aber Falschinformation nicht im Auftrag Facebooks enttarnen ("Wir sind nicht die Korrektureinheit für Facebook", so die ARD-Vorsitzende Karola Wille .) Auch die Springer-Medien "Bild" und "Welt" lehnten ab.

Auf SPIEGEL-Anfrage teilten jetzt auch n-tv.de, eine der fünf großen Nachrichtenseiten im deutschen Internet, sowie die Nachrichtenagentur dpa mit, dass sie nicht am Programm teilnehmen würden. Die dpa hat sich wie andere dem (von Google mitgegründeten) Netzwerk First Draft angeschlossen, das sich grundsätzlichen Strategien beim Vorgehen gegen Fake News verschrieben hat.

Kampf gegen Desinformation, ja, aber bitte nicht im Auftrage Facebooks, so lautet die herrschende Linie bei vielen großen Medien. (Auch SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE wurden von Facebook angesprochen, nehmen aber vorläufig nicht teil.)

Offene Fragen: Aufwand, Geld

Facebook steht in der Kritik, weil sich auf der Plattform wiederholt offensichtliche Lügengeschichten und Diffamierungen verbreiten. So war etwa die Endphase des US-Wahlkampfs geprägt durch solche Fake News, die sich mehrheitlich gegen die spätere Wahlverliererin Hillary Clinton richteten und erst durch Facebook Verbreitung erfuhren - ohne dass Gründer Mark Zuckerberg das Problem zunächst überhaupt anerkennen wollte.

In Deutschland hat die Bundesregierung Facebook mit Bußgeldern gedroht, wenn die Firma nicht entschieden gegen Verleumdungen und andere strafbare Inhalte auf der Plattform vorgeht. Hierzulande fürchtet die Politik bei den anstehenden Wahlkämpfen Desinformationskampagnen, die speziell für die Verbreitung in sozialen Netzwerken entworfen werden.

Selbst beim einzigen offiziell bekannten Anti-Fake-Partner Correctiv sind viele Fragen vor Programmstart ungeklärt. So ist völlig offen, wie viel Aufwand das Checken von Fake News bedeutet und ob Facebook dafür auch Geld zahlen wird. Correctiv-Geschäftsführer David Schraven betont jedenfalls, dass seine Redaktion die Dienstleistung auf Dauer nicht selbst finanzieren könne.

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