Einfluss auf die Gesellschaft Radikal dank Facebook

Scheint es nur so, als ob derzeit immer mehr Menschen immer radikalere Positionen vertreten - oder ist es wirklich so? Aktuelle Studien legen nahe: Das Netz fördert gesellschaftliche Extreme.
Filterblase: Was man bei Facebook zu sehen bekommt, ist auf die eigenen Interessen abgestimmt

Filterblase: Was man bei Facebook zu sehen bekommt, ist auf die eigenen Interessen abgestimmt

Foto: REUTERS

Jemand postet bei Facebook ein zwei Jahre altes Video über ein schreckliches Familiendrama. Es geht um einen Täter, der seine Frau zuerst erstach und dann enthauptete. Versehen ist der Clip bei Facebook mit der Überschrift "Muslimischer Asylant schneidet Frau den Kopf ab und ruft Allahu akbar".

Weder von der Religion noch vom Aufenthaltsstatus des Mannes ist im Video die Rede, "Allahu akbar" kommt auch nicht darin vor, und es ist eben zwei Jahre alt. Die ersten Kommentatoren machen noch darauf aufmerksam, dass hier etwas nicht stimmt. Doch die frühen Kommentare klappt Facebook ja irgendwann zusammen, außerdem sind kritische Anmerkungen dieser Art selten die populärsten. Weiter hinten im Kommentarthread hat sich die Behauptung dann zur Wahrheit verfestigt: "Dieses Islamgesindel muss raus aus Deutschland", "Ihm einfach auch den Kopf abschneiden".

Für die neue Wut- und Hasskultur, die in Deutschland um sich zu greifen scheint, gibt es drei Erklärungen, und zwei davon haben mit dem Internet zu tun.

Die erste erscheint ziemlich unwahrscheinlich: All die Menschen, die sich plötzlich so ängstlich bis brutal über Flüchtlinge äußern, haben selbst schon schlimme Erfahrungen mit Migranten gemacht.

Die zweite geht ungefähr so: Es gab schon immer so viel rechtes Potenzial, ausländerfeindliches Ressentiment, so viel Aggression und Dummheit in der deutschen Bevölkerung - aber jetzt wird all das, Facebook sei Dank, erstmals für alle sichtbar.

Die dritte mögliche Erklärung ist komplizierter und weit beunruhigender. In Kurzform lautet sie so: Es erscheint nicht nur so, als ob derzeit immer mehr Menschen immer radikalere Positionen vertreten - es ist tatsächlich so. Das Netz radikalisiert manche Menschen.

Böse Blasen?

Diese Hypothese hat mit dem von dem amerikanischen Autor Eli Pariser erfundenen Begriff der Filterblase zu tun, und mit dem rasanten Wandel, dem der Medienkonsum derzeit unterliegt. Im Kern geht es um eine Frage, die Philosophen und Wissenschaftler schon seit Jahrzehnten umtreibt: Wie entsteht Öffentlichkeit? Wie gesellschaftlicher Konsens?

Facebook-Chef Zuckerberg: Böse Filterblasen?

Facebook-Chef Zuckerberg: Böse Filterblasen?

Foto: © Stephen Lam / Reuters/ REUTERS

Die Filterblase definiert Pariser selbst so: "Das persönliche Informationsuniversum, das Sie online bewohnen - einzigartig und nur für Sie aufgebaut von den personalisierten Filtern, die das Web jetzt antreiben."

Mit Filter ist hier zum Beispiel Googles personalisierte Suche gemeint, die Ergebnisse passend zu dem liefern soll, was die Suchmaschine über den jeweiligen Nutzer weiß. Oder Facebooks EdgeRank-Algorithmus, der die vielen Meldungen, die ein durchschnittliches Facebook-Newsfeed ständig auswirft, so sortieren soll, dass für den jeweiligen Nutzer besonders interessante Dinge oben landen. Man sieht dadurch also - theoretisch - immer mehr Dinge, die zu den eigenen Interessen und Ansichten passen - das zeigt sogar eine Studie, die Facebooks hauseigene Forscher veröffentlicht haben. Auch wenn sie selbst das Ergebnis umzudeuten versuchten.


Facebooks verzerrte Selbstwahrnehmung

Der amerikanische Medienwissenschaftler Philip Napoli hat für algorithmisch sortierte Medieninhalte den Begriff automated media geprägt. Napoli sagt, es sei "vielleicht bezeichnend, dass algorithmisch angetriebene Organisationen wie Google und Facebook sich vielfach dagegen verwahrt haben, als Medienunternehmen bezeichnet zu werden". Das täten sie wohl vermutlich vor allem, "um sich gegen die Art politischer Intervention abzuschirmen, die in Bezug auf traditionelle Medienunternehmen gängig ist".

Gemeint ist hier Regulierung, wie sie in Deutschland etwa für TV-Sender gilt, die von den Landesmedienanstalten kontrolliert werden. Oder vom Presserecht - in Deutschland auf Länderebene geregelt. Von Selbstkontrolleinrichtungen wie dem Presserat. Für Medienunternehmen gilt selbstverständlich die Pressefreiheit, das heißt aber nicht, dass sie ohne jede Konsequenz Unwahrheiten oder gar Hassbotschaften verbreiten dürfen. Verstöße gegen journalistische Standards können beanstandet, unter Umständen gerügt oder gar juristisch geahndet werden.

Wie die Konzerne argumentieren, zeigen beispielhaft zwei Zitate von Andy Mitchell, bei Facebook für Nachrichten und Medienpartnerschaften zuständig. Bei einer Konferenz sagte Mitchell im Frühjahr 2015: "Facebook sollte für niemanden die primäre Nachrichtenquelle oder Nachrichtenerfahrung sein." Und: "Wir kontrollieren das Newsfeed nicht, Sie kontrollieren das Newsfeed."

Eine Studie des renommierten Pew Research Center, die Mitchell sicher kennt, ergab 2015 etwas ganz anderes: 49 Prozent aller US-Bürger unter 35 betrachten Facebook als wichtigste oder eine wichtige Nachrichtenquelle. Und selbst bei den über 35-Jährigen sind es noch 34 Prozent.


Die Filterblase existiert also, wobei der Begriff Blase eigentlich nicht wirklich trifft. Blasen sind ja eher undurchlässig, in Filterblasen aber dringt von außen ständig Neues ein, es muss nur zum eigenen Weltbild passen. Forscher verwenden deshalb auch den Begriff Echokammer, um die Kommunikationsräume zu beschreiben, die so entstehen: Dort hallt jeweils das besonders laut wieder, was den Einstellungen des Nutzers entspricht. Und das funktioniert mit Gerüchten, Welterklärungsmodellen und Verschwörungstheorien offenbar besonders gut.

"Gerüchte, Misstrauen und Paranoia"

Eine Forschergruppe um die italienische Mathematikerin Michaela Del Vicario hat die Ausbreitung von Gerüchten, insbesondere Verschwörungstheorien, in sozialen Netzwerken untersucht (PDF) . Die Wissenschaftler kommen über die Auswertung von Facebook-Daten zu dem Schluss, Nutzer hätten die Tendenz, sich dort in Interessensgemeinschaften zu sammeln, sodass sie vor allem entsprechende Inhalte zu sehen bekommen. Das führe zu "Bestätigungsverzerrung, Spaltung und Polarisierung". Mit Bestätigungsverzerrung ist ein psychologisches Phänomen gemeint, das eigentlich aus der Gedächtnisforschung stammt: Menschen füllen Wissenslücken bevorzugt mit dem aus, was sie ohnehin schon glauben. Das führe "zur Verbreitung von verzerrten Narrativen, angefacht von unbestätigten Gerüchten, Misstrauen und Paranoia".

Rechte Propagandisten im Netz machen sich diese Mechanismen derzeit augenscheinlich sehr effektiv und auch gezielt zunutze. Da wird gelogen, was das Zeug hält, von frei erfundenen Geschichten über Flüchtlinge, die mit vollgepackten Taschen einfach an der Supermarktkasse vorbeimarschieren, bis hin zu fiktiven Vergewaltigungsfällen (siehe Kasten unten). Egal, ob Polizei, lokale Medien und andere sich bemühen, die erfundenen Schauergeschichten richtigzustellen, die Gerüchte überleben immer länger als die Wahrheit. Schlimmer noch: Jedes Dementi gilt manchen als neuer Beleg dafür, dass hier nicht nur etwas verheimlicht, sondern auch noch gezielt gelogen wird.

Aus Echokammern werden Echobunker

Mitglieder der oben zitierten Forschergruppe haben in einer weiteren Studie  tatsächlich gezeigt, dass Verschwörungstheoretiker auf scheinbar paradoxe Weise reagieren, wenn sie mit Informationen konfrontiert werden, die ihre Ansichten in Frage stellen könnten: Entweder, sie ignorieren Fakten, die der Verschwörungstheorie widersprechen - oder sie wenden sich noch stärker der Echokammer Gleichgesinnter zu.

Kondensstreifen am Himmel: In Wahrheit giftige Chemtrails?

Kondensstreifen am Himmel: In Wahrheit giftige Chemtrails?

Foto: Patrick Seeger/ picture-alliance/ dpa

Das bestätigt die Alltagserfahrung all jener, die einmal versucht haben, einen Chemtrails-Gläubigen von der Idee abzubringen, die Bevölkerung werde mit aus Flugzeugen versprühten Chemikalien vergiftet. Es gilt aber gleichermaßen für all jene, die jetzt plötzlich glauben, dass die deutschen Medien von der Bundeskanzlerin gelenkt werden, die wiederum von den USA ferngesteuert wird, die ihrerseits mit der "Migrationswaffe" Mitteleuropa destabilisieren wollen.

Jedes Gegenargument wird zu einem gefühlten Angriff, der die Solidarität mit den Mitverschwörungstheoretikern weiter steigert. Aus Echokammern werden Echobunker.

Nicht nur Rechte werden bei Facebook radikalisiert

Auf diese Weise kann sich auch jemand, der angesichts der großen Flüchtlingszahlen vielleicht zunächst einfach nur verunsichert war, nach und nach zum radikalen Ausländerhasser entwickeln: Wer nur noch Meldungen über vermeintliche Untaten von Asylbewerbern, erboste Einlassungen über angeblich schon wieder in der Tagesschau verbreitete Lügen und die aus Washington verordnete Kanzlerinnenwillkür zu sehen bekommt, der glaubt all das womöglich schließlich.

Dazu kommt: Weil die sozialen Medien die traditionellen Gatekeeper des Journalismus zum Teil entmachtet haben, stehen bei Facebook und Google nun fragwürdige Rechtspostillen und Verschwörungsblogs scheinbar gleichberechtigt neben Quellen, die sich an journalistische Standards halten. Was jemand aus diesem Potpourri zu sehen bekommt, entscheidet der Algorithmus.

Dieser Mechanismus funktioniert natürlich nicht nur in Bezug auf Fremdenangst und rechte Verschwörungstheorien. Viele der jungen Männer und Frauen aus dem Westen, die nach Syrien gehen, um sich dem IS anzuschließen, wurden nicht zuletzt über soziale Medien radikalisiert.

Jürgen Habermas, der wohl wichtigste lebende Gesellschaftstheoretiker Deutschlands, hat diese Entwicklung übrigens vorausgesehen.

In einem 2008 erschienenen  Essay schrieb Habermas, das Publikum zerfalle "im virtuellen Raum in eine riesige Anzahl von zersplitterten, durch Spezialinteressen zusammengehaltenen Zufallsgruppen. Auf diese Weise scheinen die bestehenden nationalen Öffentlichkeiten eher unterminiert zu werden."


Zusammengefasst: Es gibt deutliche Hinweise, dass die Sortieralgorithmen der sozialen Medien zur Meinungsbildung beitragen. Wer bei Facebook und anderswo nur noch radikale Ansichten und Behauptungen zu sehen bekommt, wird womöglich selbst zunehmend radikal. Die sozialen Medien verändern damit vermutlich bereits jetzt die Gesellschaft.

Die häufigsten Desinformationen rechter Demagogen


SPIEGEL TV-Film über Chemtrails: Öko-Skeptiker wittern Geheimaktion am Himmel

SPIEGEL TV
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.