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Patrick Beuth

Staatstrojaner »FinFisher ist geschlossen und bleibt es auch. Ihr habt euer Ziel erreicht«

Patrick Beuth
Ein Netzwelt-Newsletter von Patrick Beuth
Einst galt die Überwachungsfirma als »Feind des Internets«. Nun ist FinFisher, Hersteller eines Staatstrojaners auch für das BKA, insolvent.

Liebe Leserin, lieber Leser,

im Jahr 2011 berichtete der SPIEGEL erstmals über die Überwachungssoftware FinSpy. Die war damals in Ägypten aufgetaucht, und damit fing der Ärger für den Hersteller an. Im Raum stand damals die Frage, ob die Software aus Deutschland in den Händen des Diktators Husni Mubarak gelandet war. In den zehn folgenden Jahren blieb das der eine zentrale Erzählstrang rund um FinSpy beziehungsweise das Überwachungspaket FinFisher und die gleichnamige Herstellerfirma. Der andere Erzählstrang ist der Einsatz von FinFisher als Staatstrojaner des Bundeskriminalamts (BKA).

Rund 30 Mal war FinFisher mittlerweile Thema bei uns. Heute könnte das letzte Mal sein. Denn wie Netzpolitik.org berichtet , ist die Firma insolvent, der Geschäftsbetrieb wurde eingestellt, alle Mitarbeiter entlassen. Das habe der Insolvenzverwalter bestätigt. Ein ehemaliger leitender Angestellter habe zudem gesagt: »FinFisher ist geschlossen und bleibt es auch. Ihr habt euer Ziel erreicht.«

»Euer Ziel«, weil Netzpolitk.org nicht nur fast 200 Artikel über die Firma und ihre Produkte veröffentlicht hat. Die Redaktion ist auch selbst zum handelnden Akteur geworden, indem sie sich 2019 an einer Strafanzeige gegen FinFisher  beteiligte. Ebenfalls dabei waren die Reporter ohne Grenzen, die Gesellschaft für Freiheitsrechte und das European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR). Der Vorwurf lautete, die Firma mit Sitz in München könnte ihre Überwachungssoftware FinFisher/FinSpy in die Türkei verkauft haben, ohne dafür eine entsprechende Lizenz von der Bundesregierung bekommen zu haben. Das wäre ein Verstoß gegen das Außenwirtschaftsgesetz gewesen.

Screenshot aus einer FinFisher/FinSpy-Präsentation, erstmals veröffentlicht im Jahr 2011

Screenshot aus einer FinFisher/FinSpy-Präsentation, erstmals veröffentlicht im Jahr 2011

Die entsprechende FinFisher-Version konnte Android-Smartphones kompromittieren und unter anderem auf deren Adressbücher, Anwendungen, das Mikrofon, Fotos und Videos zugreifen. Damit sollten offenbar Oppositionelle in der Türkei überwacht werden, die sich dem »Marsch der Gerechtigkeit« angeschlossen hatten, wie NDR, WDR und die »Süddeutsche Zeitung« im Mai 2018 berichteten . Die Firma wies die Anschuldigungen zurück, doch die Staatsanwaltschaft München nahm die Ermittlungen auf und ließ Geschäftsräume von FinFisher sowie mehrere Privatwohnungen durchsuchen.

Dass es so weit kommen konnte, ist nicht allein der Strafanzeige zu verdanken. Eine große Community aus Bürgerrechtsorganisationen, Hackern und Forschungseinrichtungen setzt sich seit vielen Jahren dafür ein, Licht in die dunklen Geschäfte von Firmen wie FinFisher oder auch der NSO Group zu bringen. Zu nennen wären etwa der Chaos Computer Club  und das kanadische Citizen Lab .

»International vernetzte Hacker, die sich seit Jahren in den Waden der Hersteller solcher Software festbeißen, haben die technische Grundlage für erfolgreiche Klagen und Ermittlungen geliefert«, sagt einer der Beteiligten. Die gehen auch nach der Insolvenz weiter und »führen hoffentlich zeitnah zur Anklage und Verurteilung der verantwortlichen Geschäftsführer«, wie Miriam Saage-Maaß, Legal Director beim ECCHR, mitteilte.

Linus Neumann, einer der Sprecher des CCC, sagt : »Wir alle hoffen, dass das Ende von FinFisher nur der Anfang ist und auch die Konkurrenz endlich juristische und finanzielle Konsequenzen zu spüren bekommt«.

Laut Netzpolitik.org ist allerdings auch unklar, ob das BKA den FinFisher-Trojaner weiterhin einsetzen kann. Vielleicht war es also doch noch nicht unser letzter Artikel zum Thema.

In eigener Sache: Neuer Erscheinungstag

Ab der kommenden Woche wird der »Startmenü«-Newsletter nicht mehr am Montag, sondern immer am Mittwoch verschickt. Außerdem gibt es eine neue Rubrik: Zusätzlich zu unseren Fremdlinks, also unseren Tipps und Fundstücken aus den Weiten des Internets, wollen wir Ihnen immer auch eine Auswahl der wichtigsten aktuellen Netzwelt-Artikel auf SPIEGEL.de vorstellen. Damit fangen wir in dieser Ausgabe an.

Unsere aktuellen Netzwelt-Lesetipps für SPIEGEL.de

Fremdlinks: drei Tipps aus anderen Medien

  • »Wordle creator describes game's rise, says NYT sale was 'a way to walk away'«  (Englisch, sieben Leseminuten)
    Josh Wardle hat mit dem Onlinespiel »Wordle« einen Hit gelandet. Doch just als sein Spiel richtig durchstartete, verkaufte er es an die »New York Times«. Was ihn dazu – neben viel Geld – motivierte, erzählte Wardle nun auf einer Gameskonferenz.

  • TikTok nutzt in Deutschland Wortfilter  (fünf Leseminuten)
    Es geht um Wörter wie »schwul«, »queer«, »LGBTQ« oder auch »Nationalsozialismus«: Ein Team von NDR, WDR und »Tagesschau« hat per Selbstversuch Begriffe herausgefunden, die dafür sorgen, dass TikTok-Kommentare nicht erscheinen oder nicht an alle anderen Nutzer ausgespielt werden.

  • Die geheime Macht der Quotenbox  (Video, 26 Minuten)
    Viele jüngere Menschen schauen gar kein klassisches Fernsehen mehr. Trotzdem haben Quoten großen Einfluss darauf, welche Inhalte produziert werden (und welche vielleicht nicht). Hier erklärt Mai Thi Nguyen-Kim, auf welch fragwürdige Art die so wichtigen Zahlen erhoben werden.

Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche!

Patrick Beuth

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