Gerüchte über Flüchtlinge Das Einmaleins der Desinformation

Deutschland, Gerüchteland: Flüchtlinge, hört und liest man ständig, überfallen wehrlose Bürger, vergewaltigen Minderjährige, stehlen schamlos. Prüft man die Meldungen, entpuppen sich viele als erfunden - es handelt sich um Propaganda.
Kampagne gegen "Lügenpresse": Wenn Journalisten widersprechen, sind sie lügende Schergen eines "Schweigekartells"

Kampagne gegen "Lügenpresse": Wenn Journalisten widersprechen, sind sie lügende Schergen eines "Schweigekartells"

Foto: Daniel Naupold/ picture alliance / dpa

In Sachen Flüchtlinge, Pegida und anverwandte Themen tobt im Netz eine Propagandaschlacht. Viel deutet darauf hin, dass viele Behauptungen, die sich am Ende als falsch erweisen, mit einer klaren Strategie gestreut werden.

So berichtete am 1. September 2015 das "DortmundEcho", eine Regionalnachrichtenseite der rechtextremen Partei "Die Rechte", von der angeblichen Vergewaltigung einer 17-jährigen vor einem Asylheim. "Mindestens fünf Männer sollen das Mädchen demnach bedrängt, geschlagen und zum Oralverkehr gezwungen haben", berichtete die Seite - und "weder hat das Polizeipräsidium (...) eine Pressemitteilung zum Vorfall veröffentlicht (...), noch berichten die herkömmlichen Lokalmedien".

Wie denn auch? Das Verbrechen hat nie stattgefunden, die Meldung hatte keinen Wahrheitsgehalt.

Schon am Spätnachmittag des 1. September nahm das "DortmundEcho" die Nachricht selbst wieder zurück: Die Polizei habe mitgeteilt, dass der geschilderte Vorfall "nicht aktenkundig" sei. Es folgen Konjunktive, eine Vertrauenserklärung für die Polizei und das Versprechen, auch "die Redaktion" bleibe "weiter an der Sache dran" und hoffe, "zwischen dem Dschungel von Gerüchten und (vermeintlich bestätigten) Meldungen gesicherte Informationen zu erhalten".

Damit haben sich die anonymen Macher erfolgreich vom selbst gestreuten Gerücht distanziert. Zugleich streuen sie Zweifel. Die Desinformierer mutieren zu Aufklärern.

So soll das sein, denn natürlich hat die Mär von der angeblichen Vergewaltigung zu diesem Zeitpunkt längst ein Eigenleben entwickelt. Sie ist jetzt im Web und in der Welt. Sie wird wandern und sich vermehren.

Im Idealfall verbindet sie sich sogar mit der Erinnerung an echte Nachrichten und gewinnt so an "Wahrheit": Vier Monate zuvor wurde auf einem Rockfestival in Lünen tatsächlich eine 17-jährige vergewaltigt. Es wird Leute geben, die sagen werden: "17 Jahre jung das Opfer? In Lünen? Ja, davon habe ich gehört."

Das macht die Falschmeldung zu mehr als nur einer Ente. Sie ist ein perfides Instrument der Meinungsmache. So verwandelt sich ein Gerücht in eine vermeintliche Wahrheit, wenn es mit Fetzen von Tatsachen verrührt und oft genug wiederholt wird. Irgendwas wird am Ende hängen bleiben. An diesen Asylanten, diesen Flüchtlingen, diesen Ausländern.

Gerücht und Lüge: Das ist ein Unterschied

Es wirkt - und es sieht so aus, als habe es Methode. Denn solche erfundenen Vergewaltigungen gibt es seit Monaten bundesweit. Wenn es dann - wie in der Silvesternacht 2015 in Köln - wirklich zu sexuellen Übergriffen kommt, erhöht das die Bereitschaft, auch die erfundenen Fälle für wahr zu halten. So gut wie jede Lokalzeitung im Land musste schon dagegenhalten, wenn über Flüchtlinge in ihrer Region solche Gerüchte verbreitet wurden. Doch Dementis von Polizei und Medien verpuffen, oder werden gleich als von oben verordnete Lügen umgedeutet, während Gerüchte nachwirken.

Gerüchte haben Menschen zu allen Zeiten verbreitet, und oft glaubt der Verbreiter selbst, dass das Behauptete wahr sei. Der Leumund und die Überzeugung des Weiterverbreiters werten dabei das Gerücht auf, verleihen ihm mehr Plausibilität. Wenn es unsere Bekanntenkreise erreicht, es also scheinbar aus unserem eigenen Umfeld bestätigt wird, hat der ursprüngliche Verbreiter sein Ziel erreicht.

Denn natürlich hat jede dieser Falschnachrichten einen Erfinder. Er verbindet damit eine Absicht: Desinformation ist die gezielte und bewusste Verbreitung einer Lüge, und meist hofft der Verbreiter darauf, dass sie dadurch zum Gerücht wird. Als Gerücht gewinnt die Lüge ein Eigenleben. Einmal in der Welt, ist sie kaum noch einzufangen.

Dieses Streuen von Lügen, verfälschten Informationen und haltlosen Behauptungen gehört von jeher zum Werkzeug von Demagogen und Volksverhetzern. Um wirklich Wucht zu entfalten, brauchten sie einst willige Medien, um Massen zu erreichen. Heute haben sie Facebook, Blogs und eigene "freie, unabhängige Nachrichtenseiten", die nur sehr selten dafür geradestehen müssen, wenn sie Desinformation verbreiten.

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