Sascha Lobo

Flughafenchaos in Europa Das sind die Probleme des Altweltkapitalismus

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
An den Flughäfen bricht der Betrieb zusammen. Falsche Planung, Personalmangel, Coronanachwehen? Nein, dahinter steckt mehr.
Warteschlange am Amsterdamer Flughafen Schiphol: Das Chaos ist ein Symptom

Warteschlange am Amsterdamer Flughafen Schiphol: Das Chaos ist ein Symptom

Foto: Robin van Lonkhuijsen / ANP / IMAGO

Für Berliner ist es nicht besonders erhebend, über Flughafenthemen zu sprechen. Denn der BER ist schon zu lange und noch immer das Übersymbol des Verkehrsversagens. Aber es gibt inzwischen immerhin einen schlechten Trost: Viele Flughäfen Europas ver-BER-en in erstaunlichem Tempo.

Besonders schlimm ist es etwa in Amsterdam. In Schiphol, einem der wichtigsten Flughäfen des Kontinents, sieht man kurz nach der Landung Zehntausende Koffer herrenlos herumstehen. Einfach so, überall im Ankunftsbereich, ohne jede Sicherheitsvorkehrung. Sie stammen unter anderem von Leuten, die zwar schon eingecheckt, aber trotzdem ihre Flüge verpasst haben. Wegen der bis zu sieben Stunden Wartezeit für die Sicherheitskontrolle. Vor der Abflughalle in Schiphol ist ein über hundert Meter langes Zelt aufgebaut, in dem sich die Warteschlangen hin und her und hin und her bewegen, im Gebäude geht es weiter. Fragt man nach, ist der Grund Personalmangel . Klar, hat man gelesen, ist bekannt, soll auch noch schlimmer werden. Aber dahinter steckt mehr.

Das Chaos an Europas Flughäfen ist ein Symptom, es offenbart sich etwas Größeres als falsche Planung, schnöder Personalmangel und Coronanachwehen. Sichtbar werden hier die bisher notdürftig überdeckten oder ignorierten Verwerfungen des Altweltkapitalismus.

Als Altwelt- oder Europakapitalismus möchte ich das wirtschaftliche Erfolgsmodell des 20. Jahrhunderts bezeichnen, das in Nordeuropa wirksam war. Innerhalb der EU haben es vor allem Deutschland und Frankreich vorangetrieben, von den skandinavischen Ländern wurde es vielleicht sogar perfektioniert.

Es handelt sich um eine soziale Marktwirtschaft auf der Basis von liberaler Demokratie, die selbst in der konservativen und wirtschaftsliberalen Ausprägung oft sozial gerechter schien als die Formen des Kapitalismus in den meisten anderen Teilen der Welt, obwohl der Europakapitalismus effizienz- und sparorientiert agierte. In den USA und in Asien investierte man eher aggressiv, um neue Sphären des Erfolgs zu erreichen. In (Nord-)Europa sparte man eher, um den vorhandenen wirtschaftlichen Erfolg größer erscheinen zu lassen. Bis heute sind die Auswirkungen dieser unterschiedlichen Strategien spürbar, die sehr geringe Zahl der großen, weltweit erfolgreichen Digitalkonzerne aus Europa liegt auch darin begründet.

Der europäische Traum: Mittelschicht für alle

Dass in Europa aber eher soziale Gerechtigkeit herrschte als anderswo, lag an einer gewissen Wertschätzung der Arbeit im Altweltkapitalismus. Das heißt ausdrücklich nicht, dass die Bedingungen für angestellt Arbeitende aus Gold gewesen wären – aber über Jahrzehnte gab es entweder einigermaßen gut funktionierende Arbeitsmärkte oder einen erkennbaren Willen zu entsprechenden Reformen. Dass, aus EU-Sicht betrachtet, Südeuropa das Modell weniger gut umsetzen konnte und entsprechend bis heute teilweise große Probleme mit dem Arbeitsmarkt hat, hat viele Gründe. Es hätte aber als frühes Anzeichen einer gewissen Dysfunktionalität des Europakapitalismus gedeutet werden können.

Über Jahre sahen apulische Jugendliche viel zu oft ihre größten wirtschaftlichen Erfolgschancen darin, einen geringer qualifizierten Job in Berlin oder Amsterdam zu machen. Irgendwann begann nämlich ein wesentlicher, psychologischer Treiber des Europakapitalismus zu bröckeln: die Aufstiegsgeschichte für alle. Die weltweit wirksame Erzählung des »American Dreams«, vom Tellerwäscher zum Millionär, hatte eine europäische Entsprechung. Sie war nach oben und nach unten abgefedert und lautete etwa: Mit harter, ehrlicher Arbeit kann man zumindest ein angenehmes Leben führen. Der europäische Traum war neben Frieden: Mittelschicht für alle. Er ist in den letzten Jahrzehnten schleichend zerfasert. Vor allem als Versprechen für »alle«.

Nun folgt ein schneller Schwenk zum Buch »Der Mythos der Maschine« des Technikphilosophen und Soziologen Lewis Mumford. Das enthält zwar eine mittelgroße Menge von kulturpessimistischem Quark – aber auch einige wegweisende Erkenntnisse. Eine darunter ist eher implizit, dafür aber umso wuchtiger: Billige Arbeitskraft kann technischen Fortschritt verhindern. Wer ein Heer von Sklaven zur Verfügung hat, muss sich keine Gedanken über Automatisierung machen. Wenn Weber*innen fast nichts kosten, sinkt die Motivation, einen automatischen Webstuhl zu erfinden. Und so fort.

Im digitalen 21. Jahrhundert kann man diese Erkenntnis vielleicht auch umdrehen: Wo viele billige Arbeitskräfte benötigt werden, kann ein gewisser Innovationsmangel herrschen. Das ist natürlich kein zwingender Zusammenhang, aber ein Hinweis. Im Durchschnitt bedeutet Fortschritt nämlich auch, Arbeit zu automatisieren und damit skalierbarer zu machen. Und das geht oft leichter mit weniger Know-how-intensiven Tätigkeiten.

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Die zeitweise extreme wirtschaftliche Stärke vor allem von Deutschland überdeckte gemeinsam mit der Zunahme der Migration und der europäischen Freizügigkeit in der öffentlichen Wahrnehmung einen Makel des Europakapitalismus. Von Jahr zu Jahr wurden wir in Nordeuropa abhängiger von billigen bis sehr billigen Arbeitskräften. Wir saugten Osteuropa ebenso aus wie Teile von Südeuropa – während dazu noch die Demografie negative Auswirkungen hatte. Die Explosion des Arbeitskraftbedarfs in der Logistik ist ein gutes Beispiel dafür.

Es geht dabei nicht nur um Paketliefernde, sondern auch um Leute, die Lkw fahren, Menschen, die in Lagerhäusern arbeiten, entlang der gesamten Wertschöpfungskette der Logistik werden Personen gebraucht, die händisch arbeiten und die für ihren Job eher kein Studium brauchen. Was übrigens nicht heißt, dass sie keins haben.

Eine in ihrer Relevanz stark unterschätzte Größe ist die Zahl derjenigen, die für ihren Job faktisch überqualifiziert sind. In Deutschland war das vor der Pandemie etwa jede achte Person am Arbeitsmarkt. Dieser Wert ist im europäischen Vergleich sogar noch recht gut. Das basiert aber darauf, dass die formalen Anforderungen in Deutschland viel höher sind als in anderen Ländern. In anderen Worten: Hier legt man so viel Wert auf Abschlüsse, dass man in Deutschland bei gleichen Arbeitsaufgaben einfach schwieriger überqualifiziert ist. In Europa lag Anfang der Zehnerjahre der Anteil der Überqualifizierten im Schnitt bei 30 Prozent, in absoluten Zahlen: Fast 60 Millionen Menschen in Europa waren für ihre Tätigkeit überqualifiziert. Was ein weiteres Anzeichen der Probleme des Europakapitalismus war.

Dann kam die Coronapandemie und mit ihr die Coronakrise. In einigen Billiglohnbereichen fielen von heute auf morgen Millionen Jobs in Europa weg, überall dort, wo sich die Krise des massenhaften Zuhausebleibens auswirkte: private Security, die oft von Veranstaltungen oder eben von Flughafensicherheit lebte. Gastronomie. Hotellerie. Kulturwirtschaft. Und natürlich die Reisebranche. Am Beispiel der Lufthansa erkennt man, wie fatal das Mantra des wirtschaftlichen Erfolgs durch Sparen statt Investieren in die Zukunft dabei gewirkt hat.

Bis heute ist das digitale Angebot der Lufthansa eine Zumutung in fast jeder Dimension, gleichzeitig baute man in der Krise Personal ab. So viel, dass selbst CEO Carsten Spohr zugeben musste, dass Lufthansa es mit dem Sparen – sprich: Personalabbau – übertrieben habe. Aber unter anderem durch die Explosion der Lieferdienste mit ihrem enormen Bedarf an Arbeitskräften, die nicht gut ausgebildet sein müssen, geriet dieser Personalabbau zur Einbahnstraße.

Die europäischen Flughafendebakel von Frankfurt bis Amsterdam offenbaren eine Schwäche des Europakapitalismus: Er war mit teilweise drastischen Sparmaßnahmen auf Effizienz getrimmt, er hat buchstäblich noch den letzten Tropfen aus den bestehenden Geschäftsmodellen und wirtschaftlichen Abläufen herausgepresst. So konnten mit vergleichsweise wenig grundlegendem Wandel trotzdem unglaubliche Erfolge erzielt werden.

Der Europakapitalismus kann ein Erfolgsmodell bleiben

Aber dabei hat der Altweltkapitalismus auch die Tugend der Resilienz missachtet. Dazu gehörte auch die Annahme, dass die unglaublich vielen, billigen Arbeitskräfte stets verfügbar sein würden, unter Missachtung vieler Warnzeichen. Dabei war der große Bedarf an solchen Kräften eher ein Anzeichen fehlender Innovation, verbunden mit einem Niedergang der europäischen Wertschätzung der Arbeit.

Der Europakapitalismus hat nach wie vor das Zeug, ein Erfolgsmodell zu bleiben, wenn er seine zu große Sparbegeisterung ablegt. Und er muss viel, viel besser mit den Realitäten des 21. Jahrhunderts arbeiten, zwischen der innereuropäischen Ost-West-Nord-Süd-Gerechtigkeit, der Digitalisierung, der Demografie und der Entwicklung einer neuen, funktionierenden Aufstiegsgeschichte.

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