Interview mit Twitter-Pöbler Horst Hutzel "Nachts bin ich Batman"

Mit dem Satire-Account @Horst_Hutzel witzelt sich ein anonymer Nutzer seit Jahren erfolgreich durch Twitter. Nun ist er gesperrt, seine Fans sind empört. Katherine Rydlink hat Hutzel gefragt, was ihm zum Verhängnis wurde.

Screenshot des Twitter-Profils von Horst Hutzel

Screenshot des Twitter-Profils von Horst Hutzel


Seit einigen Tagen ist es trostlos und fad geworden im Internet, finden zumindest die Fans von Horst Hutzel. Hutzel ist nicht mehr da, sein Account auf Twitter gesperrt, die Fans empört. Der Hashtag #freehutzel trendete über Tage, Hunderte Nutzer fordern von Twitter, ihren geliebten Horst wieder freizugeben. Ja, sogar von einem Angriff auf die Meinungsfreiheit war die Rede.

Was ist passiert?

Seit Oktober 2011 twittert ein Nutzer unter dem Pseudonym Horst Hutzel auf seinem Account @Horst_Hutzel lustige - und vulgäre - Sprüche mit meist weniger sinnvollem, dafür für viele hoch amüsantem Inhalt. Er mimt einen frustrierten, alleinstehenden Mann mittleren Alters, der sich für Bier und Brüste begeistert. Dabei nimmt er sich gerne selbst in seiner ironisch-plumpen Art auf die Schippe und zelebriert unverblümt seine Männlichkeit.

Seine Fans lassen sich auch dann nicht abschrecken, wenn der Satiriker sich wünscht, Hitler möge sich seine nervigen Mitmenschen in der Hölle vornehmen, oder wenn er über Frauen schreibt: "Ihr seid echt komisch, ihr Muschis!"

Screenshot Twitter-Account @Horst_Hutzel
Twitter

Screenshot Twitter-Account @Horst_Hutzel

Wer wirklich hinter Horst Hutzel steckt, ist nicht bekannt. Der Account mit rund 20.000 Followern ist Satire. Nun hat Twitter @Horst_Hutzel gesperrt. Im Netz kursieren Spekulationen, dass die Sperrung etwas mit Hutzels neuem Profilbild zu tun haben könnte.

Auf dem Schwarz-Weiß-Foto, das einen Mann mit Schnauzbart, Pilotenbrille und Zigarette im Mund zeigt, ist rechts unten der blaue Twitter-Haken zu sehen, den die Plattform normalerweise nur an verifizierte Accounts vergibt. Hutzel hat ihn sich einfach selbst in sein Foto gebastelt. Der echte Haken steht bei prominenten Persönlichkeiten auf Twitter allerdings neben dem Namen, die Fälschung ist also deutlich erkennbar.

Hat Hutzel, nach Jahren der ungebremsten Pöbelei, dennoch ausgerechnet mit dem falschen blauen Haken Twitters Schmerzgrenze überschritten?

Screenshot Twitter-Account @Horst_Hutzel
Twitter

Screenshot Twitter-Account @Horst_Hutzel

Hutzel - oder besser: der Account-Inhaber - findet das alles gar nicht witzig. Er hat am Montag, kurz nach der Sperrung, Einspruch bei Twitter eingereicht. Bis heute wartet er auf eine Antwort. Trotz der Solidaritätswelle im Netz blieb das Profil gesperrt. Einzelne Accounts würden nicht kommentiert, hieß es von Twitter auf eine Anfrage hin. Man schaue sich das Profil an.

Auf derbe Sprüche müssen die User indes dennoch nicht verzichten. Hutzel tauchte an anderer Stelle wieder auf bei Twitter: Als "Die Fertigmacher" twittert er vom Account @Hutzel_Anwaelte und mimt seine eigene Anwaltskanzlei. Mit gewohnt spitzer Zunge hält er seine Fans dort in Pöbel-Manier auf dem Laufenden.

SPIEGEL ONLINE hat über diesen neuen Account Kontakt zu Hutzel gesucht und gefragt, wie es jetzt weitergeht, nachdem ihm sein Hobby, seine Lebensgrundlage, entzogen wurde. Die Person hinter dem Pseudonym möchte weiter nicht in Erscheinung treten und blieb bei dem Decknamen.

Zum Beweis, dass er der echte Hutzel ist, schickte der Gesprächspartner Fotos, auf denen zu sehen ist, dass er auf dem nun gesperrten Original-Hutzel-Account eingeloggt ist. Die Fragen beantwortete Hutzel so, wie er es am besten kann: in 140 Zeichen, was der Obergrenze bei Twitter entspricht. Die Fragen beantwortet er außerdem auch nur auf digitalem Wege. Man kann ihm Fragen per E-Mail schicken, er schreibt zurück. Telefonieren will er nicht.


SPIEGEL ONLINE: Herr Hutzel, wie geht es Ihnen seit der Sperrung?

Hutzel: Mir wurden fünf Jahre Arbeit genommen, ohne dass ich weiß, warum. Ich stehe im Dunkeln. Und bin einfach nur genervt.

SPIEGEL ONLINE: Irgendeinen Grund muss es aber doch geben. Warum denken Sie, wurde Ihr Account gesperrt?

Hutzel: Ich vermute, dass es sich um einen Verstoß handelt, der mit dem Twitter-Verifizierungshaken zu tun hat. Oder Penisneid.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Tweets sind aber eben auch manchmal sehr vulgär und manche User empfinden sie als Beleidigung. Glauben Sie nicht, die Sperrung könnte etwas damit zu tun haben?

Hutzel: Vielleicht haben die bei Twitter aber auch herausgefunden, dass ich in der 6. Klasse ziemlich oft meinen Turnbeutel absichtlich vergessen hatte. Mal im Ernst, ich formuliere meine Tweets seit fünf Jahren so. Ich kann mir das also nicht vorstellen. Wer sich angegriffen fühlt, schreibt im Normalfall eine beleidigende Reply, bevor er dann auf User blocken drückt.

SPIEGEL ONLINE: Twitter war Ihr Leben - hat die Sperrung Schäden an Ihrem Ego oder an Ihrem Humor hinterlassen?

Hutzel: Bis jetzt ist es nur Unverständnis. Was für Schäden? Haben Sie mich gerade behindert genannt?

SPIEGEL ONLINE: Natürlich nicht, entschuldigen Sie. Aber was machen Sie denn jetzt den ganzen Tag, wenn Sie nicht mehr twittern können?

Hutzel: Tagsüber bin ich ein Durchschnittstyp, der im Büro sitzt und auf dem Computerbildschirm eine grüne Wiese angafft. Nachts bin ich Batman. Aber das dürfen Sie niemandem verraten!

SPIEGEL ONLINE: Nicht nur Ihr eigenes Leben wird trister, auch der Twitter-Community fehlt jetzt der alltägliche Schmunzler.

Hutzel: Kennen Sie das, wenn Sie jemanden sehen und sofort denken, äh...der schon wieder? Genau deshalb braucht mich die Twitter-Community.

SPIEGEL ONLINE: Hunderte User haben sich zu Ihnen bekannt und die Freigabe Ihres Profils gefordert. Wie fühlt sich die #freehutzel-Solidaritätswelle an?

Hutzel: Sehr überwältigend! Ich habe wirklich nicht damit gerechnet, dass sich die ganzen "Ficker" auf Twitter so für mich einsetzen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind eben für viele ein Held. Wer ist eigentlich Ihr Twitter-Held?

Hutzel: Alle User, die meinen Schwachsinn schon seit Jahren ertragen und wertschätzen.

SPIEGEL ONLINE: Auch Frauen?

Hutzel: Ich liebe Frauen über alles! Immerhin haben die Brüste und somit grundsätzlich recht.

SPIEGEL ONLINE: Und wie ist das mit dem Hochstapler Gert Postel, der scheint ja ein großer Fan von Ihnen zu sein?

Hutzel: Er meint, er wäre der klügste Mensch auf Erden. Für mich ist er nur ein kranker Mann, der mehr oder weniger gekonnt die Schwächen instabiler Menschen ausnutzt.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es denn jetzt weiter?

Hutzel: Während ich auf Antwort von Twitter warte, werde ich mir vielleicht mal einen Apfel schälen.


Screenshot Twitter-Account @Horst_Hutzel
Twitter

Screenshot Twitter-Account @Horst_Hutzel

Anmerkung der Redaktion: Der Account @Horst_Hutzel wurde am 7. Mai - einen Tag nach Veröffentlichung dieses Artikels - wieder frei gegeben. Als Begründung für die Sperrung nannte Twitter dem Inhaber des Accounts den gefälschten blauen Haken auf dem Profilbild.

Mitarbeit: Dennis Deuermeier und Axel Bojanowski



insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
bert_baller 06.05.2016
1.
Nicht alles, was platt und dumm ist, ist auch erhaltenswerte Satire. da müssen viele erst einmal wieder lernen zu differenzieren.
Ringmodulation 06.05.2016
2. Einzelne Accounts würden nicht kommentiert
Bin zwar kein Twitter-Nutzer, aber das kenne ich auch von Google: Zuschriften einzelner Nutzer werden durchgehend ignoriert, so schwerwiegend deren Probleme auch sein mögen. Mal davon abgesehen, dass der blaue Haken selbst eine Form der Kommentierung einzelner Accounts ist: Was ist davon rechtlich zu halten? Gibt es keine Pflicht, vertragsrelevante Fragen von Kunden zu beantworten? Alle Post in den Müll, außer, sie kommt vom Anwalt? Ist das neuerdings ok?
Ringmodulation 06.05.2016
3. Spiegel Online entschuldigt sich dafür, jemanden behindert genannt zu haben?
Also nach den Maßstäben politischer Korrektheit, die die Redakteure im Ressort Politik gewöhnlich anlegen, hätte nicht Spiegel Online sich bei Horst Hutzel entschuldigen dürfen, sondern vielmehr alle, die sich im Leben in irgendeiner Weise behindert fühlen, um Verzeihung für diesen Teil der Veröffentlichung bitten müssen. Ansonsten recht unterhaltsam, das Interview.
Expiratin 06.05.2016
4. Kopfschütteln
Das kann doch alles gar nicht wahr sein. Eine Redakteurin und zwei Redakteure für ein albernes Mail-Interview mit einem Unbekannten? Keine zweite Stimme, keine Rückfrage bei Twitter, nur ein paar Screenshots? Au Backe.
pb-sonntag 06.05.2016
5. Lieber Hutzel,
mir geht es hier im Spiegel-Forum genau wie Ihnen: hier werden meine Beiträge zensiert und ich weiß auch nicht warum. Mancheiner kann mit meinen satirischen Beiträgen (gerade auch über Bayern München) nicht umgehen und vermuten dahinter Böses. Ich könnte aber wetten, dass dieser Beitrag von der Spiegel-Zensur-Abteilung zensiert wird. So ist das eben, wenn man zwar die Leute auffordert mit zu diskutieren, aber dann Diskussion abwirft durch Beschneidung und Löschung. Da nimmt sich der Spiegel und Twitter nicht aus.
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