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07. September 2013, 18:57 Uhr

NSA-Protest in Berlin

Freiheit unterm Alu-Hut

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Mehr als 15.000 Menschen haben in Berlin gegen die Überwachung durch Geheimdienste, Behörden und Firmen protestiert. Sie forderten mehr Datenschutz und einen politischen Wechsel. Für die Piratenpartei war es der größte und wichtigste Auftritt vor der Wahl.

Am Alexanderplatz drängen sich die Demonstranten, sie halten Videokameras in die Höhe, einige tragen Alu-Hüte: "Freiheit statt Angst", steht auf Plakaten. Mehr als 15.000 Menschen sind am Samstagnachmittag durch Berlin gezogen, um gegen Überwachung zu protestieren. Viele davon sind Anhänger der Piratenpartei.

Der Internetaktivist Jake Appelbaum rief zur Nutzung von Verschlüsselung auf. "Die Leute, die mit der Aufsicht der Geheimdienste betraut sind, haben uns alle im Stich gelassen. Wir können ihnen nicht trauen", sagte Appelbaum. Es war die erste richtig große Demonstration seit der NSA-Affäre, die sich gegen die Ausspähung von Daten durch Staaten und Unternehmen richtete.

Seit drei Monaten werden immer neue Details über die massive Internetüberwachung bekannt, vor allem die NSA und ihr britisches Pendant GCHQ werfen ihre digitalen Schleppnetze aus. Bisher tut die Bundesregierung geradezu so, als ginge sie das alles nichts an. "Klärt endlich auf und legt die Schnüffler an die Kette", sagte Christopher Bautz von Campact, und rief zum Verrat von Staatsgeheimnissen auf: "Wir brauchen nicht einen Edward Snowden wir brauchen viele Edward Snowdens."

Anonymous und Alu-Hüte

Der ehemalige NSA-Mitarbeiter, der mittlerweile Asyl in Russland gefunden hat, gilt vielen hier als Held. Auch die US-Soldatin, die Daten an WikiLeaks übergeben hat und dafür verurteilt wurde, wird gefeiert: "Free Chelsea Manning." In den vergangenen Jahren fielen die "Freiheit statt Angst"-Demonstrationen verhalten aus. Die Geheimdienstaffäre hat wieder für Zulauf gesorgt - und die bevorstehende Bundestagswahl. Anfangs spricht die Polizei von 4800 Demonstranten, die Veranstalter zählen später 20.000 Teilnehmer.

"Meine Freiheit ist unanzapfbar", heißt es bei den Grünen, die von einem Wagen aus Brause ausschenken. Auch die Justizministerin ist dabei, zumindest auf Plakaten. Rund 50 FDP-Anhänger laufen ganz am Ende der Demonstration mit, wirken etwas verloren. Sie tragen weiße T-Shirts, haben einen eigenen Wagen mit Musik, von dem aus ein Remix von Daftpunks "Get Lucky" läuft. Sie halten Bilder einer überraschend jung aussehenden Sabine Leutheusser-Schnarrenberger hoch. Dass Deutschland sich der EU-Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung widersetzt, ist immerhin ihr Verdienst.

Gleich davor laufen Piraten mit kleinen Schildern, auf denen "Ahaha... Nein" steht. Danach ist alles orange, Luftballons, Flaggen, Frisuren: Tausende sind gekommen, zum Teil von weit her angereist. Für die klamme Piratenpartei ist es ein wichtiger Termin, so kurz vor der Wahl. Bernd Schlömer, Chef der Piratenpartei, freut sich: "Gefühlt ist das auch unsere Demonstration", sagt er. "Wir sind nach Berlin gekommen, um ein starkes Zeichen gegen Überwachung zu setzen."

Piraten, Grüne, Jusos, Linke, FDP stellen die eine Hälfte des langen Demonstrationszugs, in der vorderen sind Geeks zu sehen, Hacker und Internetaktivisten. Einige haben Guy-Fawkes-Masken dabei, Erkennungszeichen des Web-Kollektivs Anonymous. Ihr Smartphone haben viele lieber zu Hause gelassen - man wisse ja nicht, ob Behörden mit Hilfe von Funkzellenabfragen Überwachungsgegner registrieren wollten. Einige tragen selbstgebastelte Hüte aus Aluminium - aus Spaß.

Belustigte Samstagshopper

"Alu-Hut" ist ein Web-Schimpfwort für Verschwörungstheoretiker. Doch was vor den Enthüllungen von Edward Snowden bereits geraunt wurde - der massenhafte Datenzugriff durch Geheimdienste, die Kooperation von Behörden - ist nun durch zahlreiche Dokumente belegt, die aus dem Inneren der Geheimdienste stammen. So lustig sind die Alu-Hüte also doch nicht.

Organisiert wird die "Freiheit statt Angst"-Demonstration von diversen Gruppen wie Digital Courage, Digitale Gesellschaft oder dem Arbeitskreis gegen Vorratsdatenspeicherung. Die bisher größte dieser Demonstrationen fand vor vier Jahren statt, als Ursula von der Leyen Netzsperren gegen Kinderpornografie errichten wollte. Rund 25.000 Menschen protestierten damals gegen Überwachung - ganz daran kommt die Demonstration in diesem Jahr wohl nicht heran. Die Veranstalter melden trotzdem einen Erfolg.

Die Samstagshopper am Alex schauen allerdings eher belustigt auf die Menge, einige bekommen Flyer zugesteckt. "Yes we scan!", steht unter einem verfremdeten Bild des Innenministers, "Der Staat in Deinem Profil". Das mit der Internetüberwachung sei ja auch eine üble Sache, ja, ja, schon von gehört. Mitlaufen wollen sie zwar nicht, aber sich später mal den Flyer durchlesen.

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