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Freiheit statt Angst: Anti-Überwachungs-Demo in Berlin

Foto: Jörg Carstensen/ dpa

"Freiheit statt Angst" Tausende demonstrieren in Berlin gegen Überwachung

Edward Snowden war am Samstag in Berlin zu Gast - zumindest auf vielen T-Shirts und Plakaten. Mehrere Tausend demonstrierten gegen die Überwachung durch Geheimdienste, darunter auch 30 "Normale Leute".

Für die klassischen Touristen vor dem Brandenburger Tor ist von einer Demonstration am Samstag zunächst nichts zu sehen. Auf dem Pariser Platz, vor dem Adlon und mit Blick auf die Sehenswürdigkeit, ist zwar eine Tribüne aufgebaut, aber darauf sitzen Zuschauer einer Sportveranstaltung - von Überwachung durch Geheimdienste ist hier keine Rede. Nur schlichte Din-A-4-Zettel an einigen Laternenpfählen weisen darauf hin, dass die Demo "Freiheit statt Angst" auf der anderen Seite des Brandenburger Tors stattfindet, versteckt vor den Touristenströmen. Wer Bescheid weiß, findet den Weg.

Diese Demo ist quasi ein Szenetreffen, Netzaktivisten und Hacker, Politiker und Datenschützer kennen jedes Jahr den Termin, Passanten fragen allerdings eher schon mal: "Freiheit statt was?"

Und so treffen sich am Samstag hinter dem Berliner Wahrzeichen, auf der Straße des 17. Juni, auch diesmal viele Bekannte. Menschen mit Edward-Snowden-Porträts oder dem Logo des Chaos Computer Clubs auf ihren T-Shirts, mit Aluhüten auf den Köpfen oder Guy-Fawkes-Masken vor den Gesichtern.

Zwar ist es ein sehr buntes Bündnis, das sich hier jährlich gegen Überwachung zusammenschließt: Amnesty International, Digitalcourage, die Grünen, die Linken, die Piraten, die FDP, die Naturfreunde Berlin, das Whistleblower-Netzwerk und der Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen sind nur einige auf der langen Liste . Dennoch wirkt die Protesttruppe für Außenstehende wie eine eingeschworene Gemeinschaft.

Eine kleine Gruppe möchte das ändern. Sie nennt sich "Akkurater Widerstand" und fällt allein dadurch auf, dass ihre Mitglieder statt in schwarzen T-Shirts in Anzug und Krawatte zur Demo erschienen sind. Die Männer und Frauen tragen ein Transparent, auf dem "Normale Leute gegen radikale Überwachung" steht, manche aus dem Grüppchen sind sogar eigens aus Hamburg angereist. Initiator der Aktion ist der 46-jährige Michael Bukowski. Er hat über Twitter die rund 30-köpfige Truppe zusammengetrommelt, die sich auf der Demo mal anders zeigen wollte als alle anderen. "Ich sehe hier viele Aluhüte, und das ist auch okay. Wir möchten aber andere Bilder zeigen. Mit einem Aluhut erreicht man Oma Krause nicht", sagt der Autor und Redakteur.

"Normale Leute gegen radikale Überwachung"

Aluhut gilt in der Netzszene als scherzhafte Bezeichnung für einen Verschwörungstheoretiker, jemanden, der auch glauben würde, eine Folie auf dem Kopf schütze vor Strahlen und sonstigen gefährlichen Einflüssen. In Anspielung darauf sind auf Demos - gerade solchen gegen Überwachung - jede Menge Aluhüte zu sehen, auch wenn von den Passanten nur die wenigsten diese Anspielung verstehen dürften. Eine eingeschworene Gemeinschaft eben.

"Ich kriege das ja in meiner eigenen Familie mit. Oma und Opa können damit nichts anfangen", sagt Bukowski. Deshalb haben er und seine Mitstreiter beschlossen, sich "etwas Ordentliches" anzuziehen, damit die Leute abends in der "Tagesschau" sehen, dass sich auch die Mitte der Gesellschaft gegen Überwachung einsetzt.

So ganz stimmt das allerdings nicht. Trotz solcher Kunstaktionen blieb es im Vergleich zu den vergangenen Jahren eine überschaubare Gruppe, die am Samstag durchs Regierungsviertel zog. Ungefähr 5000 Demonstranten waren dabei, die Veranstalter sprechen von 6500. Die Mitte der Gesellschaft hatte offenbar etwas anderes vor.

2013 sah das noch ganz anders aus: Damals, kurz nach den ersten Snowden-Enthüllungen und kurz vor der Bundestagswahl, schlossen sich mehr als 15.000 Menschen dem Protestzug an. Die bisher größte dieser Demonstrationen fand vor vier Jahren statt, als Ursula von der Leyen Netzsperren gegen Kinderpornografie errichten wollte. Rund 25.000 Menschen protestierten damals gegen Überwachung.

"Die Radikalen sitzen vor den Bildschirmen der NSA"

In diesem Jahr wurde schon zuvor gemunkelt, dass es schwierig werden dürfte, noch einmal so viele Menschen gegen die Späherei auf die Straße zu bekommen. Aber auch diesmal blieb es eine stabile kleine Gruppe, die sich unermüdlich für ein Thema einsetzt, das in Wahrheit alle betrifft.

Organisator padeluun jedenfalls ist zufrieden mit der Beteiligung in diesem Jahr: "Es sind mehr als doppelt so viele gekommen, wie ich befürchtet hatte. Das ist gigantisch, ich bin glücklich." Dabei gibt es die Demo schon viel länger, als Edward Snowden der Welt bekannt ist; zum achten Mal zog sie jetzt durch die Stadt.

"Denjenigen, die müde sind, weil sie zum Beispiel schon seit 2006 dabei sind, möchte ich sagen: Gerade jetzt muss man durchhalten", sagt padeluun. Die Menschen im Anzug vom "Akkuraten Widerstand" wollen sich an diesen Rat halten: "Diesmal sind wir vielleicht nur 30 Leute, aber im nächsten Jahr kommen wir mit 500", kündigt Bukowski an. "Denn nicht wir sind die Radikalen, sondern wir sind die Normalen. Die Radikalen sitzen vor den Bildschirmen der NSA."