"Gehackt" von Michael George Der Anti-Snowden aus Bayern

Ein Verfassungsschützer packt aus, das verspricht "Gehackt", ein Buch über Angriffe aus dem Cyberspace. Der Autor warnt vor Überwachung und Internetspionage - und plädiert gleichzeitig für einen starken Staat und ein Ende der Anonymität im Netz. Trotz NSA-Affäre.

 Hacker-Buch von Michael George: Nachrichtendienstler mit Spitzel-Verständnis


Hacker-Buch von Michael George: Nachrichtendienstler mit Spitzel-Verständnis

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Nach Edward Snowden wendet sich nun auch ein Mitarbeiter eines deutschen Geheimdienstes an die Öffentlichkeit. Michael George arbeitet beim Bayerischen Landesamt für Verfassungschutz und hilft Behörden und Firmen bei der Cyber-Abwehr. George aber will nicht wie Snowden auspacken, auf Überwachung und Misstände hinweisen. Er hat ein Sachbuch über Hackerangriffe geschrieben. "Gehackt. Wie Angriffe aus dem Netz uns alle bedrohen", heißt es.

Der Mann will offenkundig nicht als Whistleblower in die Geschichte eingehen. So gibt es jede Menge Warnungen und Mahnungen, angereichert um ein paar Anekdoten darüber, wie ungenannte Firmen bei ihrer IT-Sicherheit schlampen. Die Hackerangriffe, von denen George schreibt, sind allerdings größtenteils öffentlich bekannt - Stuxnet, Conficker-Wurm, Sony-Hack. Stellenweise liest sich das Buch so aufregend wie ein Brief vom Finanzamt. Behördendeutsch, auf den ersten Blick alles sehr konkret, im Detail zum Verzweifeln vage.

Bedroht und gefährdet ist George zufolge irgendwie alles, vom Onlinebanking über die Stromversorgung bis hin zur Nürnberger U-Bahn. Seine Lösung: Ein starker Staat, der mit Gesetzen für IT-Sicherheit sorgt, und fähigere Mitarbeiter bei den Nachrichtendiensten. Derzeit herrsche im Internet "de facto Strafffreiheit". Vor allem die Anonymität mache den Ermittlern zu schaffen. Im benachbarten Ausland gebe es sogar Handykarten "ohne amtlichen Personalausweis".

Staatlicher Bruch der Anonymität

Sicherheitsbehörden hätten es bei solchen Strukturen schwer, schreibt George, und da fehlt eigentlich nur noch die Forderung nach der Vorratsdatenspeicherung. Die folgt prompt: Für eine effektive Strafverfolgung sollen Provider zum Speichern verpflichtet werden. Derzeit gebe es keine einheitliche Regelung dazu: "Ein Umstand, der dringend geändert werden muss."

Gleichzeitig preist er die Anonymität im Internet als Errungenschaft, empfiehlt den Besuch von Cryptopartys und den Einsatz des Anonymisierungsdienstes Tor, um im Netz unentdeckt zu bleiben. Zur Anonymität im Netz hat George ein gespaltenes Verhältnis, das in einer denkwürdigen Aussage mündet: "Wir brauchen staatlich garantierte Anonymität, die nur unter strengen Auflagen aufgedeckt werden kann."

So argumentiert auch NSA-Chef Keith Alexander. Wir sind die Guten, und deshalb können wir auch in die Intimsphäre von Menschen eingreifen. Überhaupt setzt George viel Verständnis für die Internetüberwachung voraus: Es sei "für Bürger grundsätzlich nachvollziehbar, wenn Daten nach terrorrelevanten Inhalten durchkämmt werden".

Aufregung um Geheimdienste

Das darf bezweifelt werden, zumindest, wenn das im derzeitigen Stil der NSA und ihrer verbündeten Dienste geschieht. Doch das Überwachungsprogramm Prism, mit dem Amerikaner und Briten das Netz durchkämmen, zeigt bei George auch nicht in erster Linie einen Geheimdienst außer Kontrolle. Nein, es soll uns auf "unsichere Computer" aufmerksam machen. Bei "aller Aufregung um die Geheimdienste" lasse sich außerdem sagen, dass Unternehmen wie Google genau so Daten sammeln.

Angesichts systematischer Überwachung durch den Staat fordert der Staatsbedienstete George uns alle auf, Facebook nicht zu viel zu verraten. Geheimdienste würden eben das Internet überwachen. Punkt. Da ist er dann ganz bei Innenminister Hans-Peter Friedrich, der in der NSA-Affäre empfahl, sich selbst um den Datenschutz zu kümmern.

"Gehackt" ist dann eine nette Zusammenfassung, wenn der beim Bundesnachrichtendienst ausgebildete George über das Ausspionieren von Firmen schreibt, über Social Engineering und das Belauschen von vertraulichen Gesprächen in der ersten Klasse des ICE von München nach Hamburg. Wenn er sich mit der NSA-Affäre befasst, ist George viel zu sehr beflissener Geheimdienstler: Die Überwachung hört nicht auf, wir sollen nur hoffen dürfen, dass sie unter rechtsstaatlichen Bedingungen geschieht.

Michael George: "Gehackt. Wie Angriffe aus dem Netz uns alle bedrohen", Rowohlt, 256 Seiten, 20 Euro.

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