George-Floyd-Proteste Aktivisten stören rechte Kampagne mit Boyband-Videos

Anonymous-Hacker und Fans koreanischer Pop-Musik haben sich zu einer Allianz gegen Rassismus zusammengetan. Mit Massen von Boyband-Videos verdrängen sie rechte Propaganda aus sozialen Netzwerken.
Mit manipulierten Videos wie diesem fluten Aktivisten Netzwerke wie TikTok

Mit manipulierten Videos wie diesem fluten Aktivisten Netzwerke wie TikTok

Foto: Tiktok-Account siredpearlonista

Die Demontrationen gegen Rassismus und Polizeigewalt in den USA führen auch online zu Kampagnen und Protestaktionen. Eine Allianz aus linken Aktivisten und Fans koreanischer Pop-Musik hat versucht sich kreativ gegen rechte Beeinflussung zur Wehr zu setzen. Ihre Zutaten: Videos von Boyband-Stars mit Waschbrettbauch, Hashtag-Kampagnen und das regelmäßige Einblenden der Vendetta-Maske, dem Symbol der Netzbewegung Anonymous.

Am 3. Juni beispielsweise fluteten die Aktivisten TikTok, Instagram und Twitter mit Videos von K-Pop-Bands, die sie mit dem den Hashtag #WhiteLivesMatter gekennzeichnet hatten. Mit dem wollten rechte Aktivisten eigentlich auf eine angebliche Diskriminierung von Weißen hinweisen. Doch wegen des plötzlichen Überangebots an K-Pop-Videos mit eben diesem Hashtag, sah, wer nach diesem Hashtag suchte, nun fast ausnahmslos Videos tanzender koreanischer Teenie-Stars zu sehen.

Die unter anderem von Nutzern der Online-Plattform 4chan unterstützte rechte Kampagne lief so ins Leere. Weil die mit dem rechten Hashtag markierten K-Pop-Videos von vielen Nutzern geliked und geteilt wurden, wurden die Inhalte der ursprünglichen Kampagne kaum noch angezeigt.

Ostasien-Expertin Michelle Cho forscht an der Universität von Toronto zu koreanischer Pop-Kultur und K-Pop als Netzphänomen. "Nordamerikanische K-Pop-Fans sind extrem divers und häufig People of Colour", sagt Cho. Sie seien tendenziell politisch progressiv eingestellt und gegenüber den Anliegen der Queer- und Trans-Community aufgeschlossen.

Auch wenn viele Fan-Accounts sich nun möglicherweise erstmals politisch engagieren, würden die K-Pop-Szene und anti-rassistische Demonstrationen gut zusammenpassen. "So können sie auch dem Klischee etwas entgegensetzen, die K-Pop-Szene sei einfach nur oberflächlich", sagt Cho.

Meist posteten die K-Pop-Fans sogenannte Fancams, die in der Szene weit verbreitet sind. Dabei handelt es sich um selbst erstellte Videos oder Remix-Versionen von Videos, in denen Szenen des eigenen Lieblingsstars aus einer koreanischen K-Pop-Band zusammengestellt wurden.

K-Pop-Spam gegen Hinweisportal der Polizei

Doch K-Pop-Videos tauchten in den vergangenen Tagen nicht nur in sozialen Medien auf. Sie wurden offenbar auch genutzt, um eine App der Polizei von Dallas lahmzulegen, über die Bürger Videos von Straftaten einreichen sollten. Am Samstag hatte die Polizei der texanischen Großstadt darum gebeten hatte, damit Videos von illegalen Aktionen während der Unruhen hochzuladen.

Kurz darauf riefen K-Pop-Fans auf Twitter dazu auf , über die App massenhaft K-Pop-Videos hochzuladen. Die Polizei erklärte später, die App sei wegen technischer Schwierigkeiten offline gewesen. Die Aktionen der K-Pop-Fans erreichten auch deshalb eine große Reichweite, weil sie von einigen großen Kanälen der Netzbewegung Anonymous unterstützt wurden .

"Das ist das erste Mal, dass ich eine Überschneidung von K-Pop und Anonymous gesehen habe", sagt Michelle Cho zur Zusammenarbeit der Netzszenen. Einer der größten Twitter-Accounts der Anonymous-Bewegung erklärte die K-Pop-Fans kurzerhand zu Verbündeten, verbreitete die Hashtag-Kampagnen und rief dazu auf, das Hinweisportal der Polizei von Seattle mit Videos zu fluten. Im Gegenzug montierten K-Pop-Fans die Vendetta-Maske, das Erkennungssymbol von Anonymous, in ihre Videos.

Die Netzbewegung Anonymous, um die es in den letzten Jahren ruhiger geworden ist, machte in den vergangenen Tagen mit weiteren öffentlichkeitswirksamen Aktionen auf sich aufmerksam. So könnte sie laut Medienberichten dafür verantwortlich sein, dass die Website der Polizei von Minneapolis kurzzeitig nicht erreichbar war .

Die Anthropologin Gabriella Coleman, die ein Buch über Anonymous geschrieben hat, erklärte, dass laut ihren Informationen zumindest einige alte Anonymous-Aktivisten auch jetzt wieder mitmischen. Ob tatsächlich eine Rückkehr von Anonymous zu beobachten sei, könne man aktuell aber noch nicht einschätzen, sagte Coleman dem SPIEGEL. Gemeinsam mit der großen und gut vernetzten Szene der K-Pop-Fans durchgeführte Anonymous-Protestaktionen könnte aber enorme Reichweiten haben.

Angriffe auf Aktivisten

Auch wenn die gemeinsamen Aktionen von K-Pop-Anhängern und Anonymous einige Aufmerksamkeit auf sich zogen, machen sie doch nur einen Bruchteil der politisch motivierten Cyberangriffe nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd aus. Nach Zahlen des Infrastruktur-Anbieters Cloudflare richtet sich der größte Anteil der aktuellen Cyberattacken in den USA nicht gegen Polizeidienststellen oder Behörden, sondern gegen Organisation, die Rassismus bekämpfen.

In einem aktuellen Blogbeitrag  berichtete Cloudflare-Chef Matthew Prince, dass US-Regierungs-Webseiten viermal seltener von solchen Angriffen betroffen gewesen seien als Menschenrechtsorganisationen und Aktivistengruppen. Seit dem gewaltsamen Tod von George Floyd seien solche Angriffe um ein Vielfaches gestiegen.

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