Sascha Lobo

Gesellschaft in der Coronakrise Wir Wutsnobs

Sascha Lobo
Eine Kolumne von Sascha Lobo
Die Maskenpflicht kann einen echt wütend machen - zum Beispiel, wenn sich andere Menschen nicht daran halten. Oder ihre Maske unter der Nase tragen. Wer sich darüber empört, ist womöglich ein Wutsnob.
Frau mit Maske über dem Mund: das Feindbild Nacktnase

Frau mit Maske über dem Mund: das Feindbild Nacktnase

Foto: Michael Weber IMAGEPOWER / imago images

Abiturientendeutschland hat ein neues Feindbild. Es ist der Mensch, dessen Nase über die Maske ragt. "Dabei heißt es doch MNS, also Mund-NASEN-Maske, meine Güte, Ausrufezeichen!"

Das Feindbild Nacktnase wird in viel verbreiteten, aber gruselig verächtlichen Comics  quasi zum personifizierten Untergang der westlichen Zivilisation hochstilisiert. Und die Abwertung reicht weit über Abiturientendeutschland hinaus, dort ist man bloß noch etwas stolzer auf seine Verachtung.

Ich glaube, dass dahinter ein gesellschaftliches Muster steht, das mehr Beachtung verdient, weil es mit Corona zwar allgegenwärtig, aber auch leicht zu übersehen ist: Wir sind zu Wutsnobs geworden, wahrscheinlich waren wir es schon immer, und Corona offenbart es bloß stärker als zuvor. 

Wutsnob? Anderntags ertappte ich jemanden genau dabei, leider war ich es selbst. In einer Einkaufspassage begegnen mir ein Mann und eine Frau. Der Mann trägt seine Maske falsch, die Nase schaut heraus. Die Frau trägt gar keine Maske. Auf wen bin ich wütend? Auf den Mann, den Knalldackel, der seine Maske falsch trägt. Nicht auf die Frau, die gar keine trägt. Das ist völlig widersinnig.

Wutsnobs möchten sich über Dritte erheben

Natürlich kann ich mir Wut erlauben auf Leute, die mit ihrem Verhalten Dritte gefährden. Aber ich muss wenigstens halbwegs konsequent sein, um nicht in die Bigotterie zu kippen. Die Wut auf den Maskenfalschträger neben der Maskenlosen ist eine falsche Wut, ich bin selbst einer Täuschung erlegen.

Der Mann hat es wenigstens versucht, immerhin. Vielleicht fehlen ihm Informationen, vielleicht ist die Maske unbemerkt verrutscht, vielleicht würde er leicht beschämt das Vlies hochziehen, wenn ich ihn freundlich darauf hinwiese. Aber statt das für mich wichtige Ziel der geringeren Gefährdung mit der höchsten Wahrscheinlichkeit zu erreichen, also meine Wut produktiv zu nutzen, habe ich mehr Wert auf meine Psychohygiene gelegt.

Schlimmer noch habe ich meine Wut auf denjenigen gerichtet, der mir greifbarer erschien. Auf denjenigen, den ich spontan als empfänglicher empfand, weil er ja mit seiner Maske ein gewisses Maß an Sensibilisierung für Corona-Fragen bewiesen hat. Bei der Frau hätte ich bei einer Intervention womöglich offene Gegenwehr erwarten müssen oder anstrengende Diskussionen über Bill Gates' 5G-Strategie führen müssen. Der Mann mit der falsch sitzenden Maske dagegen ist schon meinen halben Weg mitgegangen, dann kann ich ihn auch schön mit Vorwürfen überziehen, warum er nicht so unerhört klug, informiert und umsichtig ist wie zum Beispiel ich. 

Ich bin kurzzeitig selbst zum Wutsnob geworden. So nenne ich Leute, die ihre Wut auf das einfachste, das billigste, das für sie selbst angenehmste Ziel richten und sich wenig bis gar nicht um die Beseitigung der Gründe für die Wut kümmern. Dann wird auch egal, ob die Wut berechtigt war oder nicht. Wutsnobs wollen nur schnell ihre Wutköttel ablaichen, möchten sich über Dritte erheben und anschließend exakt nichts ändern. 

Kurz: Wutsnobs sind die Leute, die auf einen Sündenbock einteufeln. 

Ein eigener Name für diese sündenbockigen Leute war überfällig, denn in Zeiten von Corona quillt der Wutsnobismus aus allen Ritzen. Weil für die menschliche Psyche so schwer zu ertragen ist, dass manchmal niemand die Schuld trägt. Dass man manchmal auf den Zufall wütend sein müsste oder auf die Evolution oder auf sich selbst, weil man nicht sinnvoll mit der eigenen ungerichteten Empörung umgehen kann.

Nicht, dass etwa die Politik gar keine Verantwortung trüge. Aber nicht jede Wendung des Weltgeschehens lässt sich ungebremst und undifferenziert der ach so unfähigen Politik zuschreiben. Und verblendete Corona-Leugner, aggressive Maßnahmenboykotteure und boshafte Verschwörungsgläubige stellen durchaus eine Gefahr dar. Aber die Wut, die sich auch durch die große Belastung durch Corona bei allzu vielen angestaut hat, entlädt sich zu oft auf unfaire und kontraproduktive Weise.

Der Verzicht auf Billigfleisch fällt leicht, wenn man sich Bio leisten kann

Häufiger und schneller werden diejenigen Leute zu Wutsnobs, die das machtvolle Instrument der Wut noch nicht als solches entdeckt haben. Die kein Instrumentarium dafür besitzen, die eigene Erregung und Empörung richtig zu deuten und zu kanalisieren. Diejenigen also, die auch mit dem Knie gegen die Kellertüre stoßen und das freche Ding dann wegtreten und beschimpfen, die Externalisierung der eigenen Ungeschicktheit. 

Die schale, schnelle Wut auf den Nasenmann - noch bevor man überhaupt nachgefragt hat - hat enorm viele Geschwister. Wutsnobismus findet sich überall dort, wo Alltagskonflikte nur an der Oberfläche betrachtet werden. Wo Erklärungen, Hintergründe, gesellschaftliche Strukturen ausgeblendet werden. Man hasst dann das Auto in der Fußgängerzone an, ohne sich zu scheren, ob eine gehbehinderte Person zu ihrem Parkplatz fährt. Man giftet dann die etwas unaufmerksame Mutter mit Kinderwagen auf dem Gehweg an, ohne sich darum zu kümmern, warum genau sie für eine Millisekunde mehr als Nullkommadreifünf Quadratmeter blockiert hat.

Oder eben den Nasenmaskenmann, über den man sich besonders leicht erheben kann, wenn man ganz, ganz, ganz genau über Corona Bescheid weiß und sich alle Podcastmarken ins Drosten-Heftchen eingeklebt hat. Ohne jedoch eigene Konsequenzen zu ziehen, die mal etwas unangenehmer sein könnten. Wie die Leute, die ihren eigenen Verzicht lobpreisen, obwohl er nicht das geringste Opfer für sie bedeutet. Persönlich fällt es mir zum Beispiel enorm leicht, künftig auf jede Form von Privatjet zu verzichten. Oder auf Billigfleisch, weil ich mir ja das teure Biofleisch leisten kann. 

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Sascha Lobo

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Wutsnobismus verschlechtert die Welt

Wutsnobismus beinhaltet oft auch klassistische Elemente, also die Herablassung gegenüber vermeintlich niedrigeren sozialen Schichten, gegenüber wirtschaftlich weniger Erfolgreichen oder weniger Gebildeten. Mein Gott, und was, wenn da einfach jemand nicht so genau Bescheid weiß, weil sie oder er nicht Vollzeit die aktuelle Maskenetikette auf Twitter verfolgt?

Da ist viel Selbsterhöhung in der Annahme, dass etwas so Neues wie der korrekte gesellschaftliche Umgang mit einer Pandemie nach wenigen Wochen selbstverständlich ist. Man stellt sich selbst recht schnell jeden gewünschten Empörungsberechtigungsschein aus. Bis März fand man Masken selbst irgendwie übertrieben, ab April kämpft man persönlich mit Furor gegen jede sichtbare Nase im Supermarkt, aber eben nicht, um zu überzeugen - was angesichts der Gefährdung diskutabel wäre -  sondern, um eigene Versäumnisse vergessen zu machen. 

Wutsnobismus ist das Primat des eigenen Gefühls über den Rest der Welt, meine Wut ist wichtiger als dein Was-auch-immer. Das Empörungsejakulat muss raus, die Wirkung spielt keine Rolle mehr. Wutsnobismus eignet sich hervorragend, um die Welt nicht zu verändern, weil Wutsnobs stets davon ausgehen, dass alles ist, wie es auf den allerersten Blick scheint. Wutsnobismus verschlechtert die Welt, weil die Wutenergie zu oft auf die Symptome allein gerichtet wird und zugleich durch ungerechtes und ungerechtfertigtes Getöse Gegenwehr generiert wird.

Podcast Cover
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Es ist ein im Kern reaktionäres Gefühl

Wut hat keinen guten Ruf in Zeiten, in denen alle von der Notwendigkeit von Zusammenhalt sprechen, irgendeinen nicht näher bestimmten gesellschaftlichen "Kitt" beschwören und oft damit meinen, dass zu wenig Leute ihre eigene Meinung teilen. Aber Wut kann politisch und gesellschaftlich sehr wirksam sein, Wut kann die Welt verändern - wenn sie produktiv eingesetzt wird. Und wenn sie diejenigen trifft, die eine Mitverantwortung an den wutträchtigen Zuständen tragen.

Wut lässt sich psychologisch als eine Art Akku betrachten, und wenn der immer wieder an Nichtigkeiten entladen wird, dann beraubt man sich selbst der Energie, die für eine substanzielle Veränderung gebraucht wird.

Oft mag genau das auch das Ziel des Wutsnobismus sein, weshalb es sich um ein im Kern reaktionäres Gefühl handelt. Erhältlich wie meist auch als linksreaktionäres Weltgefühl in der Geschmacksrichtung "Früher war alles besser - auch das Schlechte". Bloß den Druck nicht so hoch werden lassen, als dass man tatsächlich etwas verändern müsste, den Status quo einfach immer weiter für unveränderbar gegeben halten, weiter die gestrigen Kämpfe ausfechten, die eigenen Privilegien ausblenden und noch so kleine Verfehlungen Dritter mit größter Diskurshitze lautstark durchrösten.

Der amerikanische Dichter E. E. Cummings sagte : "Es gibt eine bestimmte Scheiße, die ich nicht fressen werde". Ein glorioser Satz, der aber unbedingt sparsam angewandt werden muss. Über Masken ragende Nasen gehören jedenfalls nicht dazu.

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