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Netzpräsident: Gauck-Fans im Internet

"Go for Gauck" Netzgemeinde schwärmt für "mein_praesident"

Sie können nicht nur meckern: Im Internet wirbt eine Kampagne für Joachim Gauck als Bundespräsident. Bisher fiel die Netzgemeinde durch Protest und Widerstand auf, diesmal soll es anders werden. Doch bis zur Massenbewegung fehlen noch etliche Klicks.

Jetzt werden wieder Web-Seiten geschaltet, virtuelle Gruppen gegründet und für Aufmerksamkeit getrommelt. Aber diesmal ist es kein Protest, kein Widerstand - diesmal ist die Netzgemeinde für etwas: Joachim Gauck soll Bundespräsident werden. Das heißt natürlich gleichzeitig, dass Angela Merkels Wunschkandidat, der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff, es nicht werden soll.

Die Netzgemeinde, je nach Thema und Tageslaune eine Gruppe zwischen einigen tausend und rund hunderttausend politisch interessierten Internetnutzern, macht mobil. Meistens heißt das: Die Nerds stören sich an etwas, wehren sich gegen politische Projekte wie die Vorratsdatenspeicherung oder das Internetsperrgesetz. Zuletzt ging ein Aufschrei durch soziale Netzwerke und Blogs, als Ursula von der Leyen kurzzeitig als Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten gehandelt wurde.

Nicht die Ablehnung von Wulff steht im Vordergrund der jetzigen Kampagne, sondern die Unterstützung für Joachim Gauck. Immerhin ein Kandidat von SPD und Grünen, also aus dem sonst argwöhnisch beobachteten politischen Establishment. Die Aufstellung des ehemaligen DDR-Bürgerrechtsaktivisten und Stasi-Jägers wird im Netz geradezu gefeiert - nicht nur von Merkel-Gegnern, die eine weitere Schlappe für die Kanzlerin herbeisehnen.

"Überparteilich, redegewandt, klug"

Ein "überparteilich auftretender, redegewandter und kluger Kandidat" sei Gauck, lobt zum Beispiel der vielgelesene Blogger Felix Schwenzel  und ruft seine Leser zum Wahlkampf auf. "Dafür ist das neue dagegen", schreibt der Werber Nico Lumma in seinem Blog. Er hat eine Unterschriftenliste ins Netz gestellt, "Wir für Gauck" , auf der bereits mehr als 1300 Namen eingetragen wurden. Eine weitere Liste  richtet sich direkt an die Mitglieder der Bundesversammlung, die doch bitte "gegen Parteipolitik und Fraktionszwang, für den Bürgerrechtler und Bürgerkandidaten Joachim Gauck" stimmen solle. Mehr als 3000 Unterschriften sind dort bereits eingegangen.

Nachdem die Parole in den vergangenen Tagen noch "Not My President" hieß, der wütenden Ablehnung von "Zensursula" von der Leyen, heißt eine Twitter-Kampagne jetzt "mein_praesident" . Auch ein T-Shirt-Motiv mit dem Schriftzug "Go for Gauck"  gibt es schon. Der Facebook-Gruppe "Joachim Gauck als Bundespräsident"  sind binnen kurzer Zeit rund 11.000 Mitglieder beigetreten, immerhin 0,12 Prozent der Facebook-Nutzer in Deutschland. Gegründet wurde die Gruppe von Christoph Giesa, einem FDP-Mitglied.

"Bis jetzt ist das ein Achtungserfolg für die Netzgemeinde", sagt Gruppengründer Giesa zu SPIEGEL ONLINE. Sollte die Gruppe weiter so stark anwachsen wie bisher, könnte sie in einer Woche schon 100.000 Mitglieder haben. Noch dazu habe jedes Facebook-Mitglied rund 250 Freunde - dann könne man weitersehen. Er denkt zum Beispiel an eine Großdemonstration in Berlin. "Web 2.0 ist noch nicht die Sprache der Politiker", sagt Giesa. "Internet ist immer nur ein schmaler Ausschnitt. Wenn wir etwas bewirken wollen, müssen wir einen Schritt weitergehen."

Die Netzgemeinde kann Kampagne

Dass FDP-Politiker öffentlich den Gegenkandidaten Gauck gelobt haben, befeuert die Gauck-Fans im Netz zusätzlich. Sie wollen die Zeit bis zum 30. Juni nutzen, um möglichst viel Stimmung zu machen. Den Delegierten der Bundesversammlung soll klar sein, dass große Teile der Bevölkerung hinter Gauck stehen. Damit wird die Stimmungsmache auch zum Lackmustest für die Netzgemeinde: Wie viele Unterstützer lassen sich mobilisieren - und schafft es die Initiative, über das Netz hinaus wahrgenommen zu werden? Schließlich ist der Einfluss auf die Wahl des Bundespräsidenten höchst begrenzt, gewählt wird er von den Delegierten der Parteien.

Dass die Netzgemeinde kampagnenfähig ist, muss indes nicht mehr bewiesen werden. Das hat der Protest gegen das Internetsperrgesetz gezeigt: Mehr als 130.000 Menschen unterzeichneten vergangenes Jahr eine Online-Petition. Zu einer Demonstration in Berlin für mehr Datenschutz kamen im September rund 20.000 Menschen. Wenn Thema und Vorbereitungszeit stimmen, können die Netzaktivisten ihre Position öffentlichkeitswirksam vertreten. Doch diesmal ist die Zeit denkbar knapp.

Und noch etwas hat vergangener Netz-Protest gezeigt: Trotz 130.000 Unterschriften dagegen, stimmten die Bundestagsabgeordneten für das so heftig bekämpfte Internetsperrgesetz.

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