Deutsche im Silicon Valley Studieren in Freiburg, forschen für Google

Geht es um Grundlagenforschung und Entwicklung, sind deutsche Ingenieure und Informatiker im Silicon Valley heiß begehrt - vor allem bei Google. Droht den Deutschen ein neuer Braindrain?
Arbeiten im Silicon Valley: Technische Studiengänge an den deutschen Universitäten genießen einen ausgezeichneten Ruf

Arbeiten im Silicon Valley: Technische Studiengänge an den deutschen Universitäten genießen einen ausgezeichneten Ruf

Foto: AP/ dpa

An dieser Stelle berichtet SPIEGEL-Korrespondent Thomas Schulz in einer wöchentlichen Kolumne aus dem Silicon Valley und blickt hinter die Kulissen der digitalen Revolution, die rund um die Welt Gesellschaft und Wirtschaft verändert.

Ein Computer-Betriebssystem für Autos etwa oder Technik zum 3D-Scanning - Google hat diese Woche auf seiner jährlichen Entwicklerkonferenz viele große Pläne vorgestellt. Für mit die meiste Begeisterung unter den Tausenden anwesenden Programmierern, Entwicklern und Nerds aller Art sorgte aber eine kleine Pappschachtel: Eine Virtual-Reality-Brille als Bausatz.

Alles was es dazu noch braucht, sind ein Smartphone und die passende App. Schon kann man sich durch virtuelle Welten bewegen. Zum Vergleich: Facebook hat vor einigen Monaten mehr als zwei Milliarden Dollar für Oculus VR gezahlt, eine Firma, die Virtual-Reality-Brillen entwickelt.

Google dagegen hat seine Heimwerker-Variante namens Project Cardboard nun samt technischen Details der globalen Nerd-Gemeinde öffentlich zugänglich gemacht. Ein sehr cleveres Konzept, das fanden auch Hunderte Computerexperten und Techniker rund um die Welt. Sie begannen direkt, an der Weiterentwicklung zu basteln.

Die Cardboard-Ingenieure waren die Stars der Google-Konferenz, angeführt werden sie von einem Deutschen. Christian Plagemann leitet ein Forschungslabor bei Google, das die "Computing-Modelle der Zukunft" entwickeln soll. "Wir suchen nach Wegen, mit technischen Geräten intuitiver umzugehen, sodass der Mensch nicht nur ein Knopfdrücker ist", sagt Plagemann.

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Thomas Schulz ist USA-Korrespondent des SPIEGEL, zunächst vier Jahre in New York, jetzt in San Francisco. Fulbright-Stipendiat, Forschungssemester in Harvard. Erlebte Aufstieg und Fall der New Economy bei einem Frankfurter Internet-Start-up. Seit 2001 beim SPIEGEL. Ausgezeichnet mit dem Henri-Nannen-Preis, Holtzbrinck-Preis für Wirtschaftspublizistik, Reporter des Jahres.

Im Kern geht es darum, von Tastatur, Maus und Touchscreen wegzukommen, hin zu "natürlicherer Bedienung".

Virtuelle Realität ist dabei eines der Felder, mit denen Plagemann und sein Team experimentieren. Auch hinter dem so einfach wirkenden Project Cardboard steckt viel Grundlagenforschung und Technologie. "Virtuelle Realität ist ein uraltes Computerthema, aber zuletzt sind wir in der Bewegungssensorik viel weitergekommen", sagt der Informatiker.

Mischung aus Freizügigkeit und guter Bezahlung

Plagemann ist bei Weitem nicht der einzige Deutsche, der bei Google an prominenter Stelle forscht und Hightech-Projekte vorantreibt. Nur einige Beispiele: Franz Och entwickelte die weltweit von Hunderten Millionen Menschen genutzte Übersetzungssoftware Google Translate. Er stammt aus einem kleinen Dorf in Bayern. Hartmut Neven promovierte in Bochum über Neuroinformatik, nun ist er Director of Engineering bei Google und leitet die Quantenforschung des Konzerns. Sebastian Thrun, aus Solingen stammend, gründete das geheime Entwicklungslabor Google X und entwickelte das selbstfahrende Auto und Google Glass.

Bei vielen bekannten Internet- und IT-Konzernen im Silicon Valley sieht es ähnlich aus: Die Amerikaner managen, die Inder programmieren, die deutschen Ingenieure werkeln im Hintergrund. Es ist vor allem der ausgezeichnete Ruf der technischen Studiengänge an den deutschen Universitäten, der viele Türen öffnet. Abgänger von der Technischen Hochschule Aachen sind mitunter gefragter als Harvard-Absolventen.

Plagemann hat an der Universität Freiburg promoviert. Anschließend forschte er am Labor für künstliche Intelligenz der Stanford University und gründete ein Start-up im Bereich maschinelles Sehen. Der Informatiker wechselte schließlich aus dem Universitätsbetrieb zu Google, weil er dort die Möglichkeit sah, gleichzeitig an Grundlagen zu forschen und Produkte zu entwickeln.

Bei Google gibt es keine starre Forschungsstruktur, sondern mehrere sich ergänzende Modelle: Große Abteilungen wie "Advanced Technologies and Projects", die mit "riesigem Budget in kurzer Zeit große Veränderungen" produzieren sollen. Akademische Gruppen, die sehr theoretisch arbeiten. Und kleinere Labors wie Plagemanns 15-Mann-Team, die "mehr wie ein Start-up" arbeiten.

Diese Kombination aus Freizügigkeit und guter Bezahlung lockt immer mehr deutsche Spitzenkräfte nach Kalifornien.

Rückkehrer bringen Expertise und frische Ideen mit

Nach der Jahrtausendwende war schon einmal die Abwanderung der besten deutschen Akademiker an amerikanische Universitäten das Schreckgespenst der Wissenschaft. Droht nun also ein neuer Braindrain, diesmal auf Seiten der Wirtschaft? Die Gefahr ist nicht zu unterschätzen: Wenn es die besten deutschen Informatiker und Ingenieure eher ins Silicon Valley als nach Schwaben zieht, wird der wachsende Vorsprung der Amerikaner in der Digitalwirtschaft irgendwann unaufholbar sein.

In der Wissenschaft begann die Entwicklung, sich in den vergangenen Jahren umzudrehen: aus dem Braindrain, dem Abfluss, wurde zunehmend ein Braingain, ein Zufluss. Denn die Rückkehrer bringen Expertise und frische Ideen mit.

Vielleicht wird es eine ähnliche Umkehr auch in der Wirtschaft geben. Die deutsche Start-up-Szene wird immer attraktiver, auch für langjährige Valley-Auswanderer. So wechselte zum Beispiel gerade ein Top-Manager von Yahoo zu einem deutschen Start-up: Markus Spiering, bislang Produktchef von Flickr, zog die kleine Berliner Fototechnologie-Firma EyeEm dem etablierten Internetgiganten vor.

Sicher ist: Die deutsche Internetbranche würde erheblich davon profitieren, wenn langjährige deutsche Google-Ingenieure und Apple-Forscher mit ihrem Insiderwissen zurückkehren würden.

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