Grafing und die Propaganda Die wirklich wahre Wahrheit über Paul H.

Der mutmaßliche Messerstecher von Grafing war ein verwirrter Deutscher? Kann nicht sein, finden rechtspopulistische Blogger - und erfinden eine ganz andere Geschichte.

"Was soll man jetzt glauben?", schreibt einer bei Facebook und "Erstickt an euren Lügen, verdammte Presse…" ein anderer. Bei diesen beiden, so sieht es zumindest aus, hat Marco Delgardo offenbar sein Ziel erreicht: Die frei erfundene Behauptung, der mutmaßliche Messerstecher von Grafing habe "einen muslimischen Migrationshintergrund" und heiße in Wahrheit nicht Paul H., sondern "angeblich Rafik Y.", wird für plausibler gehalten als die Wahrheit.

Dabei deuten die bisherigen Erkenntnisse darauf hin, dass der Täter ein geistig verwirrter Deutscher ist - eben jener Paul H. Das bayerische Landeskriminalamt selbst sah sich schließlich genötigt, via Facebook auf die Verbreitung des Gerüchtes zu reagieren: Es gebe "keinen Zweifel an der berichteten Identität des Festgenommenen".

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Nachdem Delgardo die Fehlinformation unter Berufung auf seine "guten Kontakte in Polizeikreise" am Dienstag in die Welt gesetzt hatte, unter der Überschrift "Die Täter-Lüge über den angeblich Deutschen Paul H.", verbreitete sie sich in gewissen Kreisen rasant - schien sie doch die Theorien all jener zu bestätigen, die sich von Behörden und Presse hierzulande ständig belogen fühlen.

Jürgen Elsässer, Chefredakteur des rechtspopulistischen Magazins "Compact", verbreitete Delgardos Desinformation in seinem persönlichen Blog, in einem Artikel mit der Überschrift "Islamistischer Terror in Grafing bei München? Davon will die Lügenpresse nichts wissen." Der Artikel schaffte es am Mittwoch sogar in die "News-Charts" von 10.000Flies.de, sprich: Er zählte der Auswertung zufolge zu den 50 meistdiskutierten Artikel deutschsprachiger Medien in den sozialen Netzwerken.

"Das Problem ist eindeutig der Islam"

Auch das islamfeindliche Blog "Politically Incorrect" verbreitete die Behauptung, Paul H. sei nicht Paul H., mit dem Vermerk, dass man "zwar derzeit nicht sagen" könne, ob das wirklich wahr sei. Das sei eigentlich aber auch egal, denn "das Problem ist auch in diesem Fall ganz eindeutig der Islam".

Die Seite "Journalistenwatch", ein selbsternanntes "Autorenmagazin der Gegenöffentlichkeit", zitierte Delgardos Blogeintrag vollständig, samt der Schlussfolgerung: "Mir bleibt dazu nur zu sagen, dass sich die etablierten Verlage nicht wundern müssen, wenn man sie als Lügenpresse bezeichnet, wenn sie Tatsachen derart verdrehen!" Der entsprechende Eintrag wurde mittlerweile gelöscht.

Die Propagandamaschine der "Lügenpresse"-Rufer

Der Vorgang zeigt, wie die Propagandamaschine der "Lügenpresse"-Fraktion in Deutschland derzeit funktioniert. Mit verteilten Rollen und unklaren Quellen werden ins rechtspopulistische, antimuslimische Bild passende Behauptungen so lange wiederholt, bis sie für manche Internetnutzer zur gefühlten Wahrheit geworden sind - egal, wie weit sie von den Tatsachen entfernt sind. Viele werden die tatsächlichen Fakten nie erfahren, die Lüge wird ihnen als Wahrheit in Erinnerung bleiben und das diffuse Gefühl, ständig belogen zu werden, verstärken.

Die Fakten tun dabei ab einem bestimmten Punkt gar nichts mehr zur Sache. Richtigstellungen der Erfindungen werden als weiterer Beleg für gesteuerte Berichterstattung und Manipulationen gedeutet.

Fakten werden zu Propaganda umgedeutet, aus Propaganda werden Fakten.

Der schillernde Urheber des Gerüchtes

Der Urheber des Verschwörungsgerüchts in diesem Fall ist eine schillernde Figur: Marco Delgardo war einmal ein recht erfolgreicher Musikproduzent mit Schwerpunkt Eurodisco. Er verweist gern auf große Namen, mit denen er angeblich zusammengearbeitet hat. Mit der "Bild"-Zeitung verbindet ihn eine lange und wechselvolle Geschichte , mal als Stichwortgeber, mal als Gegenstand der Berichterstattung. Seit vielen Jahren ist er allerdings nicht mehr erfolgreich als Musiker in Erscheinung getreten, Projekte mit "Deutschlands frechstem Arbeitslosen" Arno Dübel und dem "Deutschland sucht den Superstar"-Gewinner Severino Seeger scheiterten. 2002 saß Delgardo auch schon einmal im Gefängnis, angeblich wegen Steuerhinterziehung.

Nun hetzt er in seinem Blog gegen Flüchtlinge, Politiker und die "Lügenpresse". So viel Aufmerksamkeit wie mit dem "Täterlüge"-Text aber hat Delgardo damit bislang nicht erzielt.

Ein echter Islamist namens Rafik Y. - tot seit 2015

Der angebliche "Rafik Y.", den Delgardo als den wahren Täter benennt, wird in anderen Blogs, die Delgardo zitieren, statt dem Y. mit dem Nachnamen "Youssef" ausgestattet.

Tatsächlich machte ein Rafik Yousef schon mehrmals Schlagzeilen: Er war ein irakischer Islamist, der acht Jahre im Gefängnis saß, weil er 2004 in Berlin einen Anschlag auf den damaligen Ministerpräsidenten des Iraks mit vorbereitet hatte. 2015 durchtrennte Yousef die elektronische Fußfessel, die er tragen musste, bedrohte danach Passanten mit einem Messer und verletzte eine Polizistin. Ein weiterer Beamter erschoss den Mann.

Mittlerweile hat Delgardo einen zweiten Artikel zum Fall Grafing veröffentlicht. Darin berichtet er von einem "Mika", angeblich ein guter Bekannter von Paul H. Der habe dessen Identität bestätigt. Delgardo dementiert also gewissermaßen seinen eigenen Artikel vom Vortag, ein Problem sieht er darin aber nicht, im Gegenteil.

"Auch wenn sich die Infos in diesem Update nun ein wenig verändert bzw. erweitert darstellen, so finde ich es aber immer noch richtig, den ersten Artikel geschrieben zu haben", schreibt er, während der erste Artikel, der nicht mehr überarbeitet wurde, noch immer die Runde macht. "Denn wie man sieht, führt kontroverse Berichterstattung und das Aufwerfen von Fragen am Ende wohl doch zur Wahrheit."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, im Blog "Journalistenwatch" sei aus der Delgardo-Fiktion Realität geworden. Tatsächlich hatte "Journalistenwatch" den Delgardo-Blogeintrag lediglich vollständig zitiert, einschließlich der Schlussfolgerung. Außerdem wurde eine weitere Textstelle angepasst.

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