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01. Juli 2015, 15:09 Uhr

S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine

Meinungsbildung à la Internet

Eine Kolumne von

Man sollte meinen, zu Themen wie der Griechenlandkrise könne man sich als Netznutzer eine fundierte Meinung bilden. Tatsächlich klappt es auch mit der Meinung - nur begründen kann man sie nicht immer. Aber das muss nicht falsch sein.

Ein Eingeständnis: Ich habe mir zum Reizthema Griechenland keine abschließende, inhaltliche Meinung gebildet. Und wo ich gerade dabei bin - zum Dauerreizthema Freihandelsabkommen TTIP auch nicht.

Gut, bei TTIP habe ich mich den Teilen genähert, die das Internet betreffen, und war in einzelnen Punkten irritiert. Mit der Vorsicht eines parkinsonkranken Bombenentschärfers gesprochen. Aber Internet ist ja nicht alles, nicht mal für mich, und Freihandel halte ich für keine prinzipiell schlechte Angelegenheit.

Mit dem Thema Griechenland ist es grob vergleichbar. Ich bin Fan dieses Landes und seiner Bewohner, bezeichne mich als linksliberaldemokratisch und plädiere für europäische Solidarität. Allerdings weiß ich zu wenig über die Gesamtsituation, um aus voller Überzeugung dieses oder jenes zu fordern.

Trotzdem sind meine Sympathien klar verteilt. Warum?

In beiden Fällen - TTIP und Griechenland - trägt mich nicht eine festgefügte Meinung, basierend auf Daten, fachlichen Einschätzungen und allgemeiner Sachkunde, sondern ein Gespür. Das ist als Mechanismus sicher nicht neu, aber neu ist, wie netzgetrieben das Gespür entsteht.

Ein Archiv auf Anabolika

Ich habe offenbar - von mir selbst anfangs unbemerkt - vor einigen Jahren begonnen, digitale, soziale Signale auf einigermaßen radikale Weise in meine Meinungsbildung einfließen zu lassen. Denn ich lehne TTIP ab - aber eben eher nicht wegen des Inhalts, sondern wegen des Entstehungsprozesses.

Allein die absichtsvoll nichtöffentlichen Verhandlungen reichen mir dafür aus. Dabei war es noch vor wenigen Jahren Standard, dass man solche politischen Dokumente nicht einsehen konnte. Obwohl ich die potenziellen Probleme hinter diesem Reflex sehe, halte ich ihn nicht für grundsätzlich falsch. Im Gegenteil, ich glaube, dass sich genau darin die digitale Öffentlichkeit von der Medienöffentlichkeit des 20. Jahrhunderts unterscheidet.

Es gibt eine Funktion des Netzes, der sozialen Medien, die man Echtzeit-Geschichtsschreibung nennen könnte, die tausendstimmige Dauerdokumentation im Moment des Geschehens. Direkt dort hinein greift die Nachschlagefunktion des Netzes, ein Archiv auf Anabolika. Wenn man beginnt, die Möglichkeiten dieses Hyperarchivs zu begreifen, steht man den Medien insgesamt anders gegenüber.

Eine durch das Netz getriebene Transparenzerwartung

Ich bin misstrauisch geworden gegenüber Versuchen, sich der digitalen Nachvollziehbarkeit zu entziehen. Es ist eine Transparenzerwartung entstanden, und wer sie bricht, braucht dafür einen sehr plausiblen Grund. Sonst Beule. Aus der Möglichkeit des Netzes zur schnellen und unaufwendig nachvollziehbaren Dokumentation ist in meinem Kopf die Verpflichtung dazu geworden.

Aber meine durch das Netz getriebene Transparenzerwartung ist nur der Anfang und nur ein Aspekt. Eine Vielzahl von anderen, mal mehr und mal weniger digital bedingten Signalen beeinflussen meine Haltung zu bestimmten Themen inzwischen oft stärker als der eigentliche Inhalt.

Ein Informationsmosaik aus den sozialen Netzen

Im Fall Griechenland kommt vieles zusammen. Ich empfinde einen großen Teil der deutschen Medienöffentlichkeit in diesem Fall als merkwürdig einmütig und seltsam nah an den Positionen von Angela Merkel und Wolfgang Schäuble.

Diese Empfindung mag subjektiv sein, aber sie trifft mich nicht allein. Am Fall Griechenland kann ich gut nachvollziehen, was Frank-Walter Steinmeier im Herbst 2014 meinte mit der "erstaunlichen Homogenität in deutschen Redaktionen". Dabei ist die widerwärtige Hetzkampagne des Boulevard, allen voran der "Bild"-Zeitung, nicht einmal eingerechnet.

Gleichzeitig habe ich mir über die sozialen Medien eine Art Kuratorennetzwerk geschaffen. Ich vertraue bestimmten Personen in meinem digitalen Umfeld zu bestimmten Themen. Zum Thema Griechenland sind das ein Dutzend Personen, die über Facebook und Twitter und ohne es selbst zu wissen, ein persönliches Informationsmosaik schaffen. Schlaglichter daraus:

Die drei für die Griechenlandkrise wichtigsten Deutschen, diejenigen, die für die deutsche Position stehen - sie haben sich für mich auf unterschiedliche Weise disqualifiziert, die Stimme der ökonomischen und politischen Vernunft, die wirtschaftsmoralische Instanz zu verkörpern, die sie aber medial inszenieren. Hinweise darauf tauchen auf, dass die deutsche Regierung die Unwahrheit gesagt hat.

So kommt über die Verstörung der schmalen Meinungsvielfalt deutscher Medien und die zerschellte Inszenierung der deutschen Regierung als vertrauenswürdige Vernunft meine Sympathie für Griechenland via Internet zustande. Ohne dass ich inhaltlich in der Lage wäre, richtig oder falsch erkennen oder gar begründen zu können.

Und diese scheinbar oberflächliche, nicht-inhaltliche Bewertung ist nicht einmal grundsätzlich verdammenswert. Es geht offenbar nicht nur mir so, sondern ebenso "der anderen Seite". Die vielen oft erbitterten, aber inhaltsarmen Schimpftiraden in sozialen und redaktionellen Medien auf Syriza ("linke Verbrecher", "zum Teufel jagen") deuten darauf hin. Gefühl statt Analyse.

Die digitale Öffentlichkeit scheint das Drumherum - und damit sich selbst - immer wichtiger zu nehmen, die tatsächlichen Inhalte treten in den Hintergrund. Obwohl das Netz beste Voraussetzungen für das Gegenteil böte. Meinungen entstehen an digitalen Maßstäben und Inszenierungen entlang und lösen sich vom Inhalt. Ich würde mich so gern darüber beschweren, tue es aber genau so.

Tl;dr

(Heute absichtlich kein tl;dr)

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