Neue Einheit Briten gründen riesige Cyber-Armee

Für rund 600 Millionen Euro will die britische Regierung eine neue Einheit zur Kriegsführung in Datennetzen aufbauen. Hunderte neue Mitarbeiter sollen rekrutiert werden. Verteidigungsminister Hammond spricht vom größten Umbruch seit Einführung des Panzers.
Skyline von London: Briten schaffen neue Cyber-Militäreinheit

Skyline von London: Briten schaffen neue Cyber-Militäreinheit

Foto: STEFAN WERMUTH/ REUTERS

Berlin - Die Nachricht steht ganz oben auf der Webseite des Verteidigungsministeriums  in London: Die britische Regierung will ab sofort Hunderte Computerexperten zum Aufbau einer Sondereinheit gegen Cyberangriffe einstellen. Schon im Oktober soll die Rekrutierung für die sogenannte Joint Cyber Reserve starten. Die neue Einheit werde das Militär zu "Gegenangriffen im Cyberspace" befähigen, sagte Premierminister David Cameron am Sonntag.

Im Blick hat die Regierung nicht zuletzt Spezialisten aus der Privatwirtschaft. Sie sollen rekrutiert werden, um wichtige Computernetze und sensible Daten zu schützen. Mit der Einheit reagiert die Armee auf die zunehmende Bedrohung durch Angriffe aus dem Internet. Nach Angaben der "Daily Mail"  will die Regierung für die Cyberkrieger in den kommenden Jahren bis zu 500 Millionen britische Pfund in die Hand nehmen, das sind knapp 600 Millionen Euro.

Verteidigungsminister Philip Hammond erklärte gegenüber der Zeitung, die bevorstehende Umstrukturierung des Militärs sei nur mit der Ablösung der Kavallerie durch den Panzer im Ersten Weltkrieg vergleichbar. Der Ausbau der Fähigkeiten im Cyberbereich werde mit Kürzungen in anderen Teilen einhergehen. Das Gespräch fand in einer großen Bunkeranlage ("Pindar") unter dem Verteidigungsministerium statt. Bisher hatte sich der Minister dort nie interviewen oder gar fotografieren lassen.

Warnung durch Parlamentsausschuss

Im Januar hatte der britische Parlamentsausschuss zur Kontrolle der Verteidigungsfähigkeit Alarm geschlagen. Wegen der Abhängigkeit der Streitkräfte von Informationstechnologien könnten sie durch einen Cyberangriff "fatal geschwächt" werden. Ganze Kampfeinheiten, Flugzeuge oder Kriegsschiffe könnten außer Gefecht gesetzt werden, wenn die Kommunikationslinienverbindungen und Informationssysteme sabotiert würden, warnten die Abgeordneten in einem Bericht.

Hammond sprach nun von einer "aufregenden Gelegenheit" für Zivilisten, als "Cyber-Reservisten" die nationale Sicherheit zu verteidigen. Es gehe insbesondere um Fachleute, die sonst keine Karriere bei den Streitkräften anstreben würden.

Der britische Geheimdienst GCHQ soll für die Einsätze im Netz eng mit den Militärs zusammenarbeiten. Die Behörde betreibt bereits jetzt ein Cyber Security Operations Centre - und arbeitet bei der Überwachung des Netzes eng mit den US-Kollegen von der NSA zusammen. Das hatten die Dokumente des NSA-Aussteigers Edward Snowden belegt. So hatten GCHQ-Mitarbeiter mit NSA-Technik unter anderem die belgische Telefongesellschaft gehackt, bei der auch Institutionen wie die EU-Kommission, der Rat der Mitgliedstaaten und das Europaparlament Großkunden sind.

Die US-Armee hatte bereits im Januar angekündigt, ihre Netzstreitmacht massiv auszuweiten. Die Zahl der Spezialisten für Cyber-Kriegsführung soll demnach von jetzt 900 auf 4900 mehr als verfünffacht werden. Auch hier arbeiten Militärs und Geheimdienst extrem eng zusammen. Eine besonders gefährliche Bedrohung sehen US-Militärs unter anderem in russischen und chinesischen Netzangriffen.

So sollen chinesische Hacker US-Waffensysteme ausgespäht haben - sehr zum Missfallen der Obama-Regierung, versteht sich. "Cyber-Sicherheit hat höchste Priorität für diese Regierung", erklärte Präsidentensprecher Jay Carney anschließend. Peking weist die Vorwürfe zurück. Die US-Regierung hat auch bereits mindestens einmal eine Waffe aus dem Cyber-Arsenal eingesetzt: den Wurm Stuxnet gegen Irans Nuklearanlagen.

chs/AFP