"Halal Challenge" auf Facebook Der dezentrale Mob

Auf Facebook rufen Rechte dazu auf, Schweinefleisch im Supermarkt neben Halal-Produkte für Muslime zu legen. Angeblich geht es um Tierschutz, in Wahrheit um Hass.

"Hallal Challenge"-Gruppe bei Facebook

"Hallal Challenge"-Gruppe bei Facebook

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Natürlich könnte man einfach darüber lachen, so wie es viele Muslime in Deutschland gerade tun. Über die Hirnrissigkeit dieser Aktion, die Lächerlichkeit der Aggression, die Mischung aus pubertärer Bosheit und als Kühnheit getarnter Feigheit. Das sollte man sogar. Doch dabei sollte es womöglich nicht bleiben. Die sogenannte "Halal Challenge" ist leider ein Symptom, ein Warnsignal.

Darum geht es: Bei Facebook wird auf einer Seite dieses Namens dazu aufgerufen, Schweinefleischprodukte in Halal-Fleischtheken in Supermärkten oder Metzgereien zu legen - also zu Fleischprodukten, die muslimischen Schlachtvorschriften entsprechend hergestellt worden sind - und das im Bild oder Video zu dokumentieren. Mehr zu den rechtsradikalen Urhebern hier.

Selbstverständlich hat das Ganze einen antimuslimischen Hintergrund, begründet wird es aber mit der "Tierquälerei", die eine Halal-Schlachtung darstelle. Nun werden in der Gruppe, die am Freitagmittag schon über 4200 Fans angesammelt hatte, alberne Fotos von Wurstpaketen im falschen Regal gepostet und verwackelte Handyvideos, in denen vermeintlich mutige Streiter gegen die Islamisierung des Abendlands verstohlen eine Packung Speck in der Kühltheke ein Fach weiter räumen. Oder Fotos von geschächteten Schafen zwischen Fleischpakete klemmen. Gelegentlich klebt auch mal eine einsame Scheibe Bierschinken auf einer Packung mit Hähnchenschlegeln.

Freunde der AfD, Neonazis, Merkel-Hasser

Dass die teilnehmenden Kämpfer für ein islamfreies Abendland dabei auch über die Vorgänge bei der Herstellung von Bierschinken nachdenken, ist unwahrscheinlich. Das Leid der Tiere scheint nebensächlich - auch wenn der eine oder andere Facebook-Nutzer mittlerweile mit Links zu drastischen YouTube-Videos über Schweine-Massentierhaltung aufzuklären versucht. Doch das stößt bei den Freunden des abendländischen Specks auf wenig Interesse.

Die wahre Motivation der Gruppe offenbaren jene Kommentatoren, die die Aktion feiern. Freunde der AfD sind - ausweislich ihrer Facebook-Profile - dabei, ebenso wie waschechte Neonazis und natürlich viele Merkel-Hasser. Mittlerweile sind in den Kommentaren allerdings jene in der Mehrheit, die die Aktion hirnrissig, albern oder beides zusammen finden. Und manche Kommentatoren stellen die Frage, ob man das denn auch mit koscheren Produkten machen wolle, wenn es hier wirklich um Schlachtmethoden gehe. Eine "Koscher Challenge" gibt es bislang noch nicht. Obwohl das manchem "Halal Challenge"-Fan aus dem offenkundig rechtsextremen Spektrum wohl gefallen würde.

Niederschwelliger Einstig, unbegrenztes Eskalationspotenzial

Nun könnte man all das als irrelevanten Unfug abtun, als fehlgeleitete Aktion ein paar irrer Fanatiker. Tatsächlich aber markiert diese aggressive "Herausforderung" einen sehr beunruhigenden Trend. Die sich gegenseitig ihres vermeintlich berechtigten Hasses Vergewissernden im sozialen Netz trauen sich zusehends mehr - wenn auch noch nicht sehr viel. Illegal ist das Verlegen von Waren nicht, solange die Verpackung nicht geöffnet wird. Aber auch dazu rufen einige Teilnehmer der Gruppe auf.

Bei Facebook zu hetzen, reicht manchen eben nicht mehr, der Hass muss jetzt hinaus in die reale Welt. Aus dem dezentralen digitalen Mob wird eine dezentrale Rechtsguerilla gemacht, mit niederschwelligem Einstieg aber nahezu unbegrenztem Eskalationspotenzial.

Der digitale Mob ist dabei, den nächsten Schritt zu vollziehen, den auf die Straße, in den öffentlichen Raum, in der offenkundigen Absicht, Anhängern bestimmter Religionen das Leben in Deutschland möglichst unangenehm zu machen. Eine demokratische Gesellschaft sollte das nicht hinnehmen. Es hat, darauf weisen die Kollegen bei bento hin, jeder Ladenbesitzer das Recht, in solchen Fällen jederzeit ein Hausverbot auszusprechen.

Übrigens: Facebook hat auf die Meldung der Seite mit dem Hinweis reagiert, die "Halal Challenge" verstoße nicht gegen die Gemeinschaftsrichtlinien.

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