Terrorinszenierung im Internet Der Copy-and-Paste-Attentäter

Der Angreifer von Halle versuchte offenkundig, das Vorgehen des Christchurch-Attentäters nachzuahmen. Sein eigentlicher Plan scheiterte - doch die Digitalspuren des Anschlags könnten noch gefährlich werden.

Einschussloch ist in einem Fenster in Halle
Soeren Stache/ DPA

Einschussloch ist in einem Fenster in Halle

Von und


Schon während seines Gewaltakts scheint der Attentäter von Halle zu ahnen, wie die Öffentlichkeit auf ihn schauen wird - und womöglich sogar die Menschen, die er ursprünglich beeindrucken wollte. Auf ihn, den 27-jährigen weißen Deutschen, der mit selbst gebauten Waffen in eine Synagoge eindringen wollte, um einen Massenmord zu begehen - und letztlich anscheinend willkürlich zwei Menschen erschoss. "One time Loser, always Loser", sagt er einmal in seinem Livestream, und bevor er sein Handy aus dem Auto wirft, nennt er sich "complete Loser".

Weniger gefährlich macht das Stephan Balliet nicht - weil er trotz des Scheiterns seines eigentlichen Plans anderen als Vorbild dienen könnte.

Das Geschehen in Halle wirkt konfus, tatsächlich war der Angriff aber vorbereitet. Er folgt einer Art Drehbuch aus dem Netz. Zumindest anfangs orientiert sich der Täter am Attentäter von Christchurch, der im März zwei Moscheen attackierte, 51 Menschen tötete und dies per Facebook live ins Netz übertrug.

Bevor er zur Synagoge aufbricht, schaltet der Angreifer von Halle in seinem Auto Rapmusik an, es ist sein Sound zum Töten. Wie durchchoreografiert der Terrorakt ist, zeigt auch das vorab verfasste und online veröffentlichte Manifest. Die Tat hat alles, was Terror im Live-Zeitalter ausmacht - vor allem einen Livestream zur Tat, den der Attentäter auf Twitch startet, bevor er zum angedachten Tatort fährt. Die Inszenierung fürs Netz wird gleich mitgedacht, das Bildmaterial liefert der Täter per Helmkamera.

Das Video verschwindet nicht mehr

Bei einem Anschlag wie in Halle wird die Tat als Live-Erlebnis inszeniert, Videoportale und soziale Netzwerke werden als Terror-PR-Plattformen instrumentalisiert. Die Angreifer kalkulieren ein, dass sich Inhalte wie das Video zu dem Synagogen-Angriff schnell im Netz verbreiten. So schnell, dass sie irgendwann nicht mehr zu löschen sind. Sie selbst setzen sich mit dem Livevideo zudem unter Druck, ihre Pläne durchziehen, und das möglichst kameratauglich.

Dem Täter von Halle geht es in seinem Stream wohl nicht unbedingt darum, maximalen Schrecken zu verbreiten. Er könnte sonst noch ganz anderes sagen. Seine Botschaft, die er dem möglichen Livepublikum per Mikro überbringt, wirkt auf Gleichgesinnte zugeschnitten: auf junge, weiße, rechtsextreme Männer, die das Video sehen und unter ihren ganz eigenen Gesichtspunkten beurteilen. Es geht um Männer, die es zu ähnlichen Taten inspirieren könnte.

Die Anspielungen des Täters etwa auf die Gamerkultur, die Triggerworte, die er verwendet - sie sind gewissermaßen Erkennungszeichen, sie sollen andere für seine Sache aktivieren. Das Gleiche gilt fürs Manifest, das weniger wie eine Rechtfertigung des Täters wirkt, als wie Anschauungsmaterial für potenzielle Terroristen.

Lesetipp aus dem Archiv

Gewalttäter orientieren sich häufig aneinander, das haben schon die Schul-Amokläufe um die Jahrtausendwende herum gezeigt. Und auch beim Terror gibt es eine verstörende Art von Remix-Kultur. Der Terror gewinnt seinen Schrecken auch dadurch, dass unterschiedliche Taten etwa durch Manifeste oder Anspielungen in einen Zusammenhang gerückt werden.

Explizite Bezüge auf den Anschlag von Christchurch gab es bereits im April und im August bei den Gewalttaten von Poway und El Paso, wo Menschen in einer Synagoge beziehungsweise in einem Supermarkt getötet wurden. Für den Christchurch-Terroristen, dem auch der Angreifer von Halle offenkundig nacheiferte, war wiederum der norwegische Rechtsextremist und Massenmörder Anders Breivik ein Vorbild.

Ideale Vorlagen für eigene Taten

Während potenzielle Nachahmer früher meist nur Zugang zu medial vermittelten Ausschnitten von Anschlägen hatten, stehen ihnen heute Videoaufzeichnungen aus erster Hand zur Verfügung. Es sind ideale Vorlagen für eigene Taten - und sei es nur als Anhaltspunkt, um Fehler von Vorgängern zu vermeiden, etwa beim Einsatz selbstgebauter Waffen.

Man könnte einen Täter wie Balliet auch Copy-and-Paste-Attentäter nennen, schon wegen seines von anderen inspirierten, formelhaften Vorgehens. Statt eigene Gedanken zu formulieren, zitiert er Verschwörungstheorien und Memes, seine Botschaften wirken wie aus dem Internet zusammengeklaubt. Copy-and-Paste-Attentäter kopieren und wollen selbst kopiert werden.

Der Begriff passt aber auch in Anlehnung an die Netznischen, in denen sich Täter wie er radikalisieren, wie etwa das Diskussionsforum 4chan oder dessen noch heftigere und momentan aus dem Netz genommene Variante 8chan. Dort kann man sich nie sicher sein, ob eine Theorie, ein Spruch, ein Bild neu oder nur kopiert ist - und falls ja, von wem. Hass, Hetze und Irrsinn gehen dort fließend in schlechte Witze oder ironisch gemeinte Zitate über. Die Grenze zwischen Spiel und Ernst, sie verwischt zwischen Trollen und wirklich gefährlichen Nutzern.

Ein kruder Mix aus Geisteshaltungen

Den Täter von Halle trieb offenbar ein schlecht durchdachter, kruder Mix aus Verschwörungstheorien und Hass auf Juden, Ausländer, Feministinnen an - Geisteshaltungen, die in den chan-Foren verbreitet sind und dort toleriert werden.

In seinem Manifest schreibt der Angreifer, dass er ursprünglich eine Moschee oder ein Antifa-Kulturzentrum angreifen wollte. In der Synagoge hoffte er aber, eine große Zahl von Juden zu treffen, die er als strategisch wertvollere Ziele betrachtet. Seiner wirren Sicht zufolge sind es die Juden, die die Welt kontrollieren.

Zu Beginn seines Livestreams macht er einen offenbar auswendig gelernten Aufsager, der auch als Foren-Signatur eines antisemitischen Verschwörungstheoretikers durchginge. "Hi, ich heiße Anon", sagt der Täter außerdem - dies ist eine Referenz auf die chan-Foren, wo alle Nutzer unter dem Pseudonym "Anonymous" posten und sich gegenseitig "Anons" nennen.

Ob der Täter von Halle Komplizen hatte, ist bislang unklar. Von dem, wie er sich inszeniert, wirkt er aber eher wie ein einzelner Täter als ein "Einzeltäter". Er selbst sieht sich als Teil einer Community, zu der er selbst während der Tat noch den Kontakt sucht und um deren Anerkennung er buhlt.

An ein internationales Publikum gedacht

Wie das Video zeigt, scheint es ihm bald auch egal zu sein, wen er tötet: Als es ihm misslingt, in die Synagoge einzudringen, ermordet er eine Frau, die zufällig vorbeiläuft - weitere Passanten rettet nur, dass die Waffe des Täters eine Ladehemmung hat. Später dringt er in ein beliebiges Dönerrestaurant ein, das er aus dem Auto entdeckt.

Wie andere Attentäter zielt der Angreifer von Halle auf ein globales Publikum: Sein Manifest ist auf Englisch verfasst, auch im Video spricht er viel Englisch. "Sorry Guys", entschuldigt er sich einmal bei den unsichtbaren Zuschauern - offenbar, weil er weniger Menschen getötet hat als geplant.

Nach Angaben von Twitch haben seinen Livestream nur fünf Nutzer wirklich live über die Plattform verfolgt, beim Anschlag in Christchurch waren es auf Facebook rund 200 Zuschauer gewesen. Ob fünf oder mehrere Hundert Augenzeugen die Tat in Echtzeit sehen, ist für die Wirkung aber nebensächlich: Aus Tätersicht ist entscheidend, dass sich das Video später massenhaft verbreitet - durch wen auch immer.

Die Angreifer wissen, dass sie auf die Internetnutzer als willige Terrorgehilfen setzen können: Jeder einzelne Post, jeder Video-Screenshot vergrößert die Aufmerksamkeit für die Attacke und auch den möglichen Ruhm, mit dem der Täter zum Vorbild für andere werden will.

Wenn jeder weiße Mann nur einen Juden töte, "gewinnen wir", heißt es im Manifest des Täters von Halle. Dem Dokument hat er unter dem Stichwort tl;dr ("too long; didn't read") eine knappe Zusammenfassung für Anschläge beigefügt - eine internetgerechte Kurzanleitung für lesefaule Nachahmer.



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.