Handyspiele Letzte Hoffnung "Witzisch"-Abo

Das Geschäft mit Klingeltönen liegt danieder, jetzt hoffen Anbieter wie Jamba auf Handy-Spiele mit Joke-Faktor. Doch die Qualität ist überschaubar - und die meisten Kunden setzen eher auf Apples App-Store.

Handyspiele: "Röntgenbilder" werden angepriesen
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Handyspiele: "Röntgenbilder" werden angepriesen

Von Miriam Sulaiman


"Lügen Detektor - Finde die Wahrheit heraus!", "Schau durch die Kleidung anderer Leute, sieh Deine Freunde einmal ganz anders - und zwar nackt!" oder "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser! Wer schon immer einmal wissen wollte, was seine Freunde oder Partner gerade so treiben, der kann es jetzt ganz genau herausfinden" - so klingen derzeit die Reklameversprechen der Spieleanbieter in der Handybranche. Was früher die Klingeltöne Crazy Frog oder Schnuffel waren, sind heute die Handyspiele Lügendetektor-Test, Nacktscanner oder Partner Tracker.

Die Produkte haben sich verändert, das Geschäftsmodell ist das alte. Thomas Bradler von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen kennt das generelle Problem, das die meist jugendlichen Kunden damit haben: "Ob bei Klingeltönen oder Handyspielen, die Leute geraten schnell in ein Abonnement hinein." Auch wenn jemand nur ein Element kaufen wolle, werde er meist automatisch auf diese Schiene geleitet.

Vor allem als der Klingelton-Boom begann, war dies ein Problem, erinnert sich auch Martin Madej vom Verbraucherzentrale Bundesverband: "Das Problem bei den Handyspielen ist nun, ob dem Kunden tatsächlich klar ist, dass es sich um Fakes handelt." Er glaubt zwar, dass Jugendliche mehr Medienkompetenz haben, als man ihnen zuspreche. Trotzdem fielen speziell bei den ersten Versuchen noch viele auf die Versprechen herein.

Und versprochen wird viel in der Werbung auf den Musiksendern und im Internet. Gehalten wird davon nichts.

Wie auch? Kein Handy kann Lügen erkennen, unter die Kleidung schauen oder bildlich darstellen, was jemand gerade tut und wo. Erst recht kann ein Mobiltelefon keinen Röntgenapparat ersetzen. Doch einige Käufer nehmen die Versprechungen doch für bare Münze. In diversen Foren fragen Nutzer etwa: "Habt ihr bereits Erfahrungen damit gemacht?".

Absurde Verpackung

Mittendrin in diesem Markt steckt ein alter Bekannter: Jamba. Juliane Walther, Pressesprecherin der Fox Mobile Group, zu der Jamba seit 2008 gehört, sagt: "Wie der Name es sagt, sind die Fun-Applikationen Produkte mit einem rein unterhaltendem Wert. Bei einigen Produkten ist es sehr offensichtlich, dass sie gar nicht funktionieren können. Ein Nacktscanner erfordert eine teure technische Komplexität, die ein Handy gar nicht bereitstellen kann, was allen Nutzern verständlich ist."

Und bezüglich des Partner Trackers, der Personen mittels Handy-Ortung aufspüre, weist Walther darauf hin, dass bei solchen Produkten, von denen es tatsächlich funktionierende Varianten gebe, stets auf den Spaßcharakter verwiesen werde. Tatsächlich gibt es durchaus solche Ortungsdienste fürs Handy - sie funktionieren aber nur, wenn der Geortete zugestimmt und eine entsprechende Software auf seinem Gerät installiert hat.

Die Verpackung für die "Spaß"-Anwendungen wird unterdessen immer absurder. Kein Wunder, ist doch der Boom mit den Klingeltönen vorbei: Laut dem Marktforschungsunternehmen GfK haben die Deutschen im Jahr 2009 elf Millionen Klingeltöne heruntergeladen, im Jahr 2005 waren es noch 42,2 Millionen. Der Umsatz in Deutschland brach damit in diesem Zeitraum von 99 Millionen Euro auf 27 Millionen Euro ein.

Sieben Millionen Spiele

Das hat auch Jamba hart getroffen. Das Unternehmen wurde im Jahr 2000, inmitten des Internetbooms von den Brüdern Alexander, Oliver und Marc Samwer gegründet. Vier Jahre später verkauften die Samwers ihre Firma an das US-Unternehmen Verisign. Bald darauf begann der vermeintlich unerschöpfliche Markt einzubrechen. Im Jahr 2006 soll Jambas Umsatz bereits von rund 500 Millionen auf 300 Millionen Dollar gesunken sein. Im selben Jahr übernahm Medienmogul Rupert Morduch 51 Prozent, 2008 dann das ganze Paket.

Nach dem Klingeltongeschäft versuchten Jamba und viele Konkurrenten zunächst auf den Boom mit Musikdownloads zu setzen. Der Umsatz damit stieg auch an, aber gerade einmal auf 7,1 Millionen Euro im Jahr 2009. Weder den Handy-Inhaltevermarktern, noch den Mobilfunkunternehmen gelang es, sich viel mehr als eine winzige Nische in diesem neuen Markt zu sichern: Das große Geld mit digitaler Musik machen heute andere, allen voran Apples iTunes Store.

Somit versuchen die Klingeltonriesen von einst ihr Glück nun im Handyspielmarkt. Auch der aber entwickelte sich zuletzt deutlich anders als erhofft: Die GfK wies für das Jahr 2008 sieben Millionen gekaufte Spiele aus. 2009 ging der Verkauf auf knapp 6,5 Millionen leicht zurück. Sogenannte Apps, Zusatzprogramme für die attraktiven Smartphones der iPhone-, Android- und andere Baureihen, wurden bei den GfK-Auswertungen allerdings noch gar nicht mitgezählt.

Gerade der Trend zu Apps aber dürfte einen erheblichen Teil des Marktes für Handyspiele abgraben. Für die Handyspiel-Vertreiber wie Jamba oder ZED sind das schlechte Nachrichten: Da diese Applikationen direkt heruntergeladen werden, wird der Zwischenhändler überflüssig - an Stelle der Shop-Plattformen treten zentrale Download-Shops, die von Handyherstellern oder Mobilfunkunternehmen betrieben werden. Apple, der Vorreiter des App-Trends, bietet bereits rund 185.000 solche Programme an.

Der Boom ist also nicht nur ungebrochen, er ist stärker denn je - nur sind es nicht mehr die ehemaligen Klingelton-Vermarkter, die den Rahm abschöpfen. Der Nationalen Gamer-Umfrage 2009 zufolge wurden im vergangenen Jahr allein in Deutschland rund 140 Millionen Euro Umsatz mit Handyspielen erzielt. Eine Markteinschätzungsstudie des Verbandes der deutschen Internetwirtschaft eco ergab Anfang 2009 sogar, dass sich die Umsätze bis zum Jahr 2012 verdoppeln könnten - und diese lägen für ganz Europa schon jetzt bei rund 2,4 Milliarden Euro. Das US-Marktforschungsunternehmen Gartner geht davon aus, dass im Jahr 2010 mit Mobilapplikationen 6,2 Milliarden Dollar umgesetzt werden.

Keine weiteren Entlassungen geplant

Bei der Fox Mobile Group zeigt man sich auf Anfrage gelassen. Pressesprecherin Walther betont: "Wie bereits der Name sagt, bedient der iPhone App Store lediglich das iPhone. Die Stärke unseres Angebots wiederum besteht darin, dass unser Produktportfolio für ein breites Spektrum an Mobiltelefonen zugänglich ist." Die Produkte seien in 15 Ländern für mehr als 2800 Telefone verfügbar. Richtig sei aber auch, räumt sie ein, dass die Gruppe im Herbst 2009 den weltweiten Mitarbeiterstamm reduziert hat. "Das war ein notwendiger Schritt, um die Ressourcen des Unternehmens den gegebenen und anstehenden Aufgaben und Möglichkeiten anzupassen, so dass Fox Mobile Group weiterhin effizient arbeiten kann." Weitere Entlassungen seien "derzeit nicht geplant".

Schlecht für Fox ist die von der Sprecherin zitierte Stärke, die in Wahrheit eine Schwäche ist: Während die App Stores zunehmend clevere Inhalte und Programme unter die spendierfreudige Smartphone-Kundschaft bringen, finden sich Jamba und Co. zunehmend in der Nische: Sie produzieren Angebote für Handys, die aufgrund ihrer schwächeren technischen Ausstattung nicht für Apps geeignet sind. Viele Möglichkeiten gibt es da nicht. Was noch zieht, ist das, was schrill und zotig ist. Eben Nacktscanner und vermeintliche Freundefinder aus der "Boah, ey, witzisch!"-Nische.

Übrigens gibt es auch einige Forenschreiber, die erklären, dass sie wissen, dass die Fun-Applikationen nicht funktionieren. Weil sie es lustig fänden, sind sie aber trotzdem auf der Suche nach dem Programm - aber nach einer kostenlosen Variante, versteht sich.



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