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Max Hoppenstedt

CO2-Ausstoß des Internets So surfen Sie klimafreundlicher

Max Hoppenstedt
Ein Netzwelt-Newsletter von Max Hoppenstedt
Das Internet ist längst zum Energiefresser geworden. Auf individueller Ebene lässt sich das Problem nicht lösen. Senken können Sie Ihre Emissionen beim Surfen dennoch – mit diesen simplen Schritten.

Liebe Leserin, lieber Leser,

das Digitale hat für die meisten Menschen ein grünes Image, bei Treibhausgasen denken viele eher an Flugzeuge als an Smartphones. Doch damit Sie im Netz chatten, ein Video streamen oder auch diesen Newsletter lesen können, müssen Rechenzentren gekühlt werden, Daten über Funktürme und Unterseekabel verschickt und schließlich Ihr Smartphone, Ihr Laptop oder Ihr Tablet betrieben werden. Eine Stunde Videostreaming etwa verursacht im Schnitt einen so hohen CO₂-Ausstoß, wie rund 1,8 Kilometer mit einem durchschnittlichen Verbrenner zu fahren.

Natürlich macht die Digitalisierung vieles effizienter und spart so auch CO₂ ein, aber gleichzeitig hat das Netz auch einen erheblichen CO₂-Fußabdruck. Der Weltklimarat beschäftigt sich erstmals mit dem Problem und warnt in seinem aktuellen Bericht vor dem »steigenden Energiebedarf«: Zwischen sechs und zwölf Prozent des globalen Strombedarfs entfällt demnach auf die gesamte Infrastruktur des Netzes, das ist mindestens so viel wie der Verbrauch von ganz Indien. Die Treibhausgasemissionen des Internets liegen laut Erhebungen  bei zwischen 1,8 und 3,2 Prozent.

In Irland, einem wichtigen Knotenpunkt des Internets, warnen die Behörden sogar bereits vor Blackouts, sollten die Rechenzentren in dem Land weiter so ausgebaut werden. Die Energiebehörde für regenerative Energien sieht in dem Wachstum der Serverhallen bereits eine Gefahr für die Klimaziele des Landes. Hinzu kommt, dass in Irland noch immer der meiste Strom nicht aus Windenergie, sondern aus Gaskraftwerken stammt.

IT-Spezialist in einem Server-Room: Für den Betrieb des Internets wird viel Energie benötigt

IT-Spezialist in einem Server-Room: Für den Betrieb des Internets wird viel Energie benötigt

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Florian Küttler / picture alliance / Westend61

Nutzerinnen oder Nutzer können allerdings mit einigen einfachen Maßnahmen dazu beitragen, dass sie klimafreundlicher im Netz unterwegs sind, wenn sie streamen, chatten oder Nachrichten lesen:

  • Die wohl wichtigste Maßnahme auf individueller Ebene hat gar nicht direkt mit dem Internet oder den eigenen Gadgets zu tun: Holen Sie sich einen Ökostromvertrag für Ihr Zuhause, um damit Ihre Geräte vollständig mit erneuerbarer Energie zu betreiben.

  • Wenn Sie Daten statt über das Mobilfunknetz über Ihren Festnetzanschluss abrufen, schonen Sie nicht nur Ihr mobiles Datenvolumen, sondern sparen Strom und reduzieren somit in der Regel auch Ihre Emissionen. Laut einer Studie im Auftrag des Umweltbundesamts  verursacht auch eine Datenübertragung über das verhältnismäßig emissionsarme 5G mehr CO₂-Ausstoß als eine Übertragung per DSL-Anschluss. Am besten schneiden Übertragungen per Glasfaser ab.

  • Downloaden Sie Ihre Lieblingssongs, statt Sie immer wieder zu streamen: Wenn Sie Musik, die Sie immer wieder hören, auf Ihr Handy herunterladen (idealerweise zu Hause), dann vermeiden Sie, dass dieselben Daten immer wieder durch die Leitung geschickt werden.

  • Nicht immer in HD streamen: Wenn Sie Videos in SD statt in HD, also in einer geringeren, aber oft noch ausreichenden Auflösung schauen, können Sie laut einer Untersuchung  im Schnitt 86 Prozent CO₂ einsparen.

  • Einfach mal ohne Bild in die Videokonferenz: Wenn Sie sich nur per Audio zum nächsten Videocall zuschalten, können Sie dabei laut derselben Erhebung rund 96 Prozent CO₂ einsparen.

  • Nutzen Sie langlebige, effiziente und möglichst einfach zu reparierende Hardware: Die Emissionen bei der Herstellung von Gadgets und Endgeräten sind ein in der Gesamtklimabilanz oft unterschätzter Faktor. Wenn Sie langlebigere Geräte nutzen, können Sie ihre digitale CO₂-Bilanz deutlich verbessern. Die Sache mit der Reparatur wird einem von den Techkonzernen noch immer nicht ganz so einfach gemacht, aber es gibt Mittel und Wege, wie mein Kollege Matthias Kremp vor vier Monaten zu berichten wusste.

Facebook und TikTok haben eine unterschiedliche Klimabilanz

Auch, welche Dienste Sie im Netz benutzen, spielt eine Rolle. Laut einer Untersuchung des Analyseunternehmens Greenspector  aus dem Jahr 2021 verursacht etwa das Scrollen im TikTok-Feed dreimal so viele CO₂-äquivalente Emissionen wie der Facebook-Feed. Durch die Timeline zu scrollen verursacht dabei im Übrigen in der Regel mehr Emissionen, als selbst etwas zu posten, wie die Analysten am Beispiel Instagram errechneten .

TikTok ist der einzige große Social-Media-Konzern, der keinen Klimatransparenzbericht veröffentlicht. Andere Konzerne machen in solchen Berichten umfassende Angaben darüber, wie viel Grünstrom sie nutzen und wie sie Emissionen einsparen. Aus TikTok-Kreisen heißt es dazu, dass das vor zehn Jahren gegründete Unternehmen noch nicht so lange im Geschäft sei wie andere soziale Netzwerke.

Warum sich das Problem nicht auf individueller Ebene lösen lässt

Immer wieder ist in aktuellen Debatten zum Klimaschutz zu hören, dass jede und jeder einen Beitrag leisten könnte. Weniger Fleisch essen, mehr Fahrrad fahren, Sie kennen das. Natürlich ist das richtig und auch hilfreich, um die Klimakrise zu bekämpfen. Doch gleichzeitig wird damit verschleiert, dass die entscheidenden Hebel für die im großen Stil notwendige Veränderung in den Händen von Politik und Wirtschaft liegen.

In kaum einem Bereich lässt sich das so anschaulich zeigen wie im Falle des Internets. Für die Klimabilanz des Internets ändert sich auf einen Schlag viel mehr, wenn ein Rechenzentrum vollständig mit Ökostrom betrieben wird, dabei noch Energie spart und vielleicht sogar mit seiner Abwärme ein paar anliegende Wohnhäuser wärmt, als wenn Sie drei Essensfotos weniger auf Instagram posten.

Ein Blick auf die großen Silicon-Valley-Konzerne zeigt dabei anschaulich eine der großen Schwierigkeiten, denn die meisten großen Techkonzerne haben sich ambitionierten Klimaschutzzielen verschrieben:

  • Apple etwa möchte all seine Computer und Smartphones bis 2030 komplett CO₂-neutral herstellen

  • Amazon will bis 2040 CO₂-neutral sein und bezeichnet sich bereits seit zwei Jahren als größten Einkäufer erneuerbarer Energien

  • Microsoft wiederum will ab 2030 sogar mehr Kohlenstoffdioxid einsparen als ausstoßen, und bis 2050 möchte der US-Konzern alle CO₂-Emissionen seit seiner Gründung 1975 wieder wettgemacht haben.

Wenn die Ölbohrung dank Cloud Computing effizienter wird

Dennoch können die Produkte dieser Unternehmen indirekt negative Klimafolgen haben. Diese sogenannten Rebound-Effekte sind laut dem Weltklimarat die größte Unbekannte und das größte Problem bei den Klimafolgen der Digitalisierung. Amazon etwa musste gerade eingestehen, durch den coronabedingten Boom des Onlineshoppings im Jahr 2021 18 Prozent mehr klimaschädliche Gase ausgestoßen zu haben als im Vorjahr.

Microsoft wiederum sah sich 2019 mit Kritik aus den eigenen Reihen konfrontiert , weil das Unternehmen mit seiner künstlichen Intelligenz und Cloud-Technologie den Ölmulti Exxon Mobile dabei unterstützt , bis 2025 bis zu 50.000 Barrel Öl mehr pro Tag als bisher aus einem Ölfeld im Süden von Texas zu holen. Die eigentlich saubere digitale Technik hilft dabei, effizienter Bohrlöcher zu planen und fossile Energie auszubeuten, die sonst womöglich im Boden geblieben wäre.

Tilman Santarius, der an der TU Berlin das Fachgebiet Nachhaltige Digitalisierung leitet, kritisiert im Gespräch mit meinem Kollegen Marcel Rosenbach, dass die Flatrates vieler Anbieter und die bequeme unbegrenzte Verfügbarkeit von Inhalten bei Streamingdiensten für immer mehr Konsum sorgten – dies wiege die Effizienzgewinne durch die Digitalisierung mehr als auf. »Bisher wächst der Ressourcenverbrauch trotz aller Versprechungen und Zusagen der Techkonzerne immer weiter«, sagt er.

Für die aktuelle Ausgabe des SPIEGEL haben Marcel, Patrick Beuth und ich umfassend dazu recherchiert, wie es um die Klimabilanz des Internets steht . Erstmals möchte nun auch die Bundesregierung das Thema angehen, etwa mit Effizienzvorgaben für Rechenzentren und klimafreundlichen Kühlmitteln.

Wissenschaftler Santarius findet den Versuch der Regulierung grundsätzlich richtig, aber er weiß, dass er nicht ausreichen wird. »Energiekosten sind ein großer Faktor für Rechenzentren«, sagt er. »Wenn diese nun deutlich effizienter werden, dann wird ihr Betrieb günstiger, und das wird die Nachfrage nach immer größeren Datenmengen noch anfachen. Ein Teufelskreis, den man nur durch absolute Verbrauchsstandards und größtmögliche Datensparsamkeit durchbrechen kann.«

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Fremdlinks: Drei Tipps aus anderen Medien

  • »The Disastrous Record of Celebrity Crypto Endorsements«  (Englisch, vier Leseminuten)
    Kryptounternehmen nutzten besonders gern prominente Fürsprecher, um für ihre Pseudowährungen, Anlageplattformen oder sonstigen Dienste zu werben. Bloomberg hat zusammengetragen, wie es um die Empfehlungen der Testimonials steht: Die Kryptokunstwerke, die Ex-Schwergewichts-Weltmeister Mike Tyson bewarb, haben ein Jahr nach der Veröffentlichung 95 Prozent an Wert verloren, die »Tokens« des Milliardärs Mark Cuban sogar 99 Prozent.

  • »Chronotrains«  (Englisch, Karte)
    Wer mit dem 9-Euro-Ticket das Bahnfahren wiederentdeckt hat, kann diese Karte als Anregung nutzen: Mit jedem Klick darauf wird gezeigt, wohin man mit der Bahn in fünf Stunden Fahrtzeit gelangen kann. Warum nicht mal eben nach Paris für ein Wochenende oder an die belgische Küste?

  • GPSJam  (Englisch, Karte)
    Eine Karte ganz anderer Art hat John Wiseman programmiert: Er nutzt die Funksignale von Verkehrsflugzeugen, um auffällige Verschlechterungen des Satellitenortungssystems GPS festzustellen. Grund für diese Störungen können militärische Störsysteme sein, die eine exakte Zielanpeilung verhindern sollen.

Kommen Sie gut durch die Woche!

Max Hoppenstedt

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