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25. August 2014, 16:29 Uhr

Internet

US-Forscher betrachten Chinas Netzzensur von innen

Hart zensiert wird erst, wenn reale Proteste drohen: So lautet das erstaunliche Ergebnis einer US-Studie über Internetkontrolle in China. Um nachvollziehen zu können, wie chinesische Webdienste filtern, gründeten die Forscher dort sogar ein eigenes Webforum.

Wie genau funktioniert die chinesische Internetzensur? Forscher der Havard University und der University of California San Diego geben nun einen Einblick in den chinesischen Zensuralltag: Ihren Erkenntnissen zufolge hat auch Regierungskritik online gute Chancen auf Veröffentlichung - solange sie keinen Aufruf zum Handeln beinhaltet. Chinas Regierung betrachte vor allem Aufstände und Proteste im eigenen Land als Gefahr. "Menschen in China können in Blog-Posts Gift und Galle über chinesische Spitzenpolitiker ausgießen, ohne Zensur fürchten zu müssen", schreiben die Forscher, "wenn sie jedoch laufende Proteste unterstützen oder dagegen opponieren - selbst, wenn es um eine Demonstration zugunsten einer populären politischen Initiative oder einer Führungspersönlichkeit geht - werden sie zensiert."

Was jedoch Nutzern drohen kann, die den Zensoren allzu oft durch unbotmäßige Äußerungen auffallen, wurde in der Studie nicht überprüft - schließlich ist Zensur nicht die einzige Form der Repression.

Internetbeiträge, die konkrete Aufrufe zum Handeln enthielten, würden mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit blockiert als gewöhnliche Kritik, schreiben die Forscher. Die Kontrolle werde dann entweder durch automatische Stichwortfilter oder händisch von Zensoren durchgeführt. Es sei sogar schwierig, regierungsfreundliche Demonstrationsaufrufe zu veröffentlichen, die dann dauerhaft im Netz blieben.

Um besser zu verstehen, wie chinesische Webdienste zensieren, hat das US-Team um den Politikwissenschaftler Gary King auch ein eigenes Onlineforum in China gestartet. Ziel war es, einen üblichen Betrieb zu simulieren. Nutzer von außen wurden jedoch nicht zugelassen. Die namentlich nicht genannte Social-Media-Seite blieb also ein Online-Testlabor für die Forscher, das jedoch nach chinesischem Reglement betrieben wurde.

Direkter Kontakt zu Support-Mitarbeitern

Technisch habe man auf eine in China populäre Forensoftware gesetzt, schreibt Gary King in einem Beitrag für das Magazin "Science", auf diesem Weg habe man selbstgepostete Beiträge automatisch überprüft, veröffentlicht und zensiert. In der Rolle des Netzwerkbetreibers lernten die Forscher, dass Zensoren im Alltag diverse Eingriffsmöglichkeiten haben, vom Löschen oder Verstecken einzelner Social-Media-Beiträge bis zum Blockieren bestimmter IP-Adressen.

Als gewöhnlicher Kunde hatte das Forscherteam nicht nur Zugriff auf die Software, sondern auch auf den zugehörigen Service wie Hilfe-Foren. "Wir hatten sogar die Möglichkeit, von Support-Mitarbeitern Empfehlungen zu bekommen, wie wir auf unserer Seite Zensur durchführen, die sich mit den Regierungsstandards deckt", heißt es im "Science"-Artikel.

Einige Erkenntnisse aus seiner Studie hatte King schon 2013 im Magazin "Technology Review" preisgegeben. In Gesprächen mit dem Kundenservice erfuhren die Forscher zum Beispiel, dass die Regierung meistens zufrieden sei, wenn eine Seite pro 50.000 Nutzer zwei bis drei Zensoren beschäftigt. Von dieser Zahl ausgehend schätzt Kings Team, dass in Firmen innerhalb Chinas rund 50.000 bis 75.000 Zensurbeauftragte das Netz überwachen.

Firmen haben gewisse Freiheiten

Auf welche Art Firmen ihre Dienste kontrollieren, sei den Unternehmen relativ freigestellt, meint King, solange nicht die falsche Art von Beiträgen erlaubt werde. Ziel von Internetfirmen sei es, effizient, aber möglichst kostengünstig zu zensieren. Mal würden Beiträge erst nach Veröffentlichung binnen 24 Stunden geprüft, mal gingen sie erst nach Freigabe durch einen Moderator online. Bei der Forensoftware, die die US-Forscher nutzten, sollen standardmäßig übrigens keine automatischen Zensurfunktionen aktiviert gewesen sein.

Vom Selbstversuch abgesehen, hatte Kings Team im Frühjahr 2013 bereits 1200 Nachrichten in 100 echten Netzwerken wie Sina Weibo und Tencent Weibo gepostet, um zu testen, welche Beiträge herausgefiltert werden. Ein Ergebnis dieser Analyse: Wer Begriffe wie "Terror", "Demonstration" und "Geht auf die Straße" verwendet, muss damit rechnen, dass sein Beitrag zumindest noch einmal geprüft wird.

Für die chinesische Führung stellten auch kritische Beiträge "handlungsleitende Information" dar, schreiben die Forscher - sie deuteten etwa darauf hin, "welche Beamten die Aufgabe, die Bevölkerung ruhig zu halten, nicht erfüllen und ersetzt werden sollten".

mbö/cis

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