Studie zu Internetzugängen Regierungen diskriminieren auch digital

Politisch benachteiligte ethnische Gruppen haben oft einen schlechteren Zugang zum Internet. Eine Studie zur digitalen Diskriminierung gibt den Regierungen die Schuld.
Karte der aktiven Subnetzwerke 2012

Karte der aktiven Subnetzwerke 2012

Foto: Nils B. Weidmann/ Natural Earth

Politisch ausgeschlossene ethnische Gruppen sind weniger stark im Internet vertreten als die herrschenden Gruppen. Das liege nicht an geografischen oder ökonomischen Faktoren, sondern an entsprechenden Einflussnahmen der jeweiligen Regierungen. Zu dieser Einschätzung kommt eine aktuelle wissenschaftliche Studie, die im Fachblatt "Science" veröffentlicht wurde. 

Dass der Internetzugriff für die ganze Bevölkerung unterbunden wird, funktioniert eigentlich nur noch in Staaten wie Nordkorea. Aber in vielen Ländern haben Regierungen bekanntermaßen ein Problem damit, dass sich die Menschen aus unabhängigen Nachrichtenquellen informieren, dass sich oppositionelle Gruppen organisieren oder dass sie unter Umständen sogar verschlüsselt kommunizieren.

Die Basis für die Untersuchung zur digitalen Diskriminierung bildete die Ethnic-Power-Relations -Liste politisch relevanter Gruppen. Die Liste unterscheidet zwischen politisch teilhabenden und ausgeschlossenen Gruppen. Die einen haben Zugang zu politischer Macht auf nationaler Ebene, die anderen haben gar keine Macht oder nur auf regionaler Basis.

Wenn es in einem Land ethnische Minderheiten gibt, die von der politischen Teilhabe ganz oder teilweise ausgeschlossen sind, dann wäre es eine plausible Strategie für die Regierung, diesen Gruppen den Internetzugang zu erschweren. Aber wie ließe sich diese naheliegende Vermutung nachweisen?

Statistikbehörden geben keine Auskunft

Nils B. Weidmann

Nils B. Weidmann

Foto: Inka Reiter

Einfach bei den jeweiligen statistischen Behörden nachfragen, wie es um den Internetausbau im Land bestellt ist, sei keine Option, sagt der Hauptautor der Studie, Prof. Nils B. Weidmann  von der Universität Konstanz: "Das funktioniert nicht, weil das meistens gar nicht erhoben wird oder weil die Daten nicht existieren oder nicht freigegeben werden."

Die Erhebungen zur Internetdichte bei der International Telecommunications Union  (ITU) hingegen sind zwar öffentlich zugänglich, aber auf Länderebene zusammengefasst und nicht weiter geografisch aufgeschlüsselt. Bei der Betrachtung von ethnischen lokalen Gruppen helfen sie also auch nicht recht weiter.

Theoretisch könnte die Zahl der an lokale Internetprovider, Firmen oder Institutionen zugeteilten IP- Adressbereiche, die sogenannten Subnetze, Auskunft über die regionale Netzversorgung geben. Schließlich wird bei der Registrierung auch ein Ort in die Whois-Datenbanken eingetragen . Das Problem: Zugeteilt heißt noch lange nicht tatsächlich genutzt.

Schweizer Provider liefert Verkehrsdaten

Die Forscher brauchten also reale Internetverkehrsdaten, und die bekamen sie von einem großen Provider in der Schweiz: Er lieferte den Wissenschaftlern in jedem Jahr von 2004 bis 2012 eine jeweils über 16 Tage gesammelte Liste von IP-Adressen; eine Aufstellung also, welche Rechner irgendwo auf der Welt mit dem Schweizer Netz verbunden gewesen waren: "Man weiß dann also, welche Netzwerke und welche Subnetzwerke überhaupt aktiv sind und welche nicht aktiv sind", sagt Weidmann.

Die tatsächlich aktiven Subnetzwerke lassen sich per Whois geografisch lokalisieren und mit den Siedungsgebieten von ethnischen Gruppen abgleichen: "Das ist unser sehr grober Indikator für die Internetdichte dieser Gruppe. Mehr Netzwerke heißt, ein besserer Zugang besteht. Wenige Netzwerke heißt, dass es gar kein oder wenig Internet in dieser Region gibt."

Die reine Feststellung ist aber zunächst einmal praktisch ohne Aussagekraft: Wenn man in einem dichten Regenwald oder einer unzugänglichen Berggegend lebt, dann stehen die Aussichten auf einen Netzanschluss deutlich schlechter als in einer Großstadt. Und wer ein geringes Einkommen hat, kann sich einen Zugang nicht so einfach leisten wie ein Besserverdiener.

Karte der aktiven Subnetzwerke bis 2012

Foto: Animation: Philipp Hunziker, Nils B. Weidmann/ Background: Natural Earth

"Wir haben also versucht, diese existierenden Unterschiede statistisch aus dem Ergebnis herauszurechnen", fasst Weidmann den eigentlichen Kern der Studie zusammen. Dazu ermittelten die Forscher etwa die Straßendichte, den Elektrifizierungsgrad, die Entfernung zur Hauptstadt - immer jeweils für politisch benachteiligte ethnische Gruppen und für solche mit politischer Teilhabe.

Das Resultat war eindeutig, sagt Weidmann: Rechnet man in einem bestimmten Land alle sonstigen Lebensumstände auf einen Durchschnittswert um, dann kommen ausgeschlossene Gruppen nur auf 60 Prozent Internet-Zugangsdichte im Vergleich zu Gruppen an der Macht.

Regierungen kommt Schlüsselrolle zu

An diesem Verhältnis hat sich im Laufe der vergangenen Jahre nicht viel verändert - auch wenn der Internetausbau in absoluten Zahlen gesehen praktisch überall Fortschritte gemacht hat. Für die Studienautoren gibt es nur eine plausible Erklärung: Offenbar spielt die jeweilige Regierung eine Schlüsselrolle bei der Frage, wer ins Netz darf und wer nicht. Mal auf offensichtliche Weise - in Ländern mit nur einem, vielleicht sogar staatlich kontrollierten Provider etwa -, mal durch subtilere Methoden.

Selbstverständlich bedeute mehr Internetzugang nicht gleich automatisch mehr Frieden, Freiheit und Demokratie, sagt Weidmann. Schließlich setzten viele politisch diskriminierte Gruppen ihrerseits wieder auf Gewalt.

Auf jeden Fall aber müsse jede digitale Entwicklungshilfe, egal ob durch internationale Organisationen oder durch private Unternehmen wie Google oder Facebook versuchen, die vorhandene digitale Diskriminierung abzumildern und nicht etwa noch weiter zu verstärken: "Ich glaube, dass diese Technologie unterm Strich mehr Gutes als Schlechtes bringt. Aber, und das ist eine der Schlussfolgerungen der Studie: Man muss darauf achten, dass nicht wieder staatliche Interessen in die Verteilung dieser Versorgung einfließen."


Zusammengefasst: Einer Studie zufolge haben politisch benachteiligte ethnische Minderheiten seltener Zugang zum Internet. Den Autoren zufolge spielen die jeweiligen Regierungen eine Schlüsselrolle bei der Frage, wer ins Netz darf und wer nicht. Sie untersuchten dafür über einen längeren Zeitraum aktive Subnetzwerke. Die größte Herausforderung bestand darin, alternative Erklärungen wie ungleicher wirtschaftlicher Status unter den Gruppen auszuschließen.

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