Sascha Lobo

S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Fünf wichtige digitale Entwicklungen 2015

Die Vorratsdatenspeicherung ist da, der Fremdenhass tobt im Netz, Google und Nasa bauen an einem Quantencomputer: Rückblick auf ein Jahr der großen Sprünge - in unterschiedliche Richtungen.

Weihnachten, Besinnlichkeit, ich fühle mich zum Rückblick gezwungen. Mir erschien das Jahr 2015 wie betrunken  vom "Postillon" ausgedacht: Krisen, Kriege, Kakophonie der Katastrophen.

Anderswo erklären Leute, 2015 sei das beste Jahr der Menschheit  insgesamt gewesen, und haben drei Pfund Daten im Gepäck, die diese Interpretation plausibel machen. Es fällt sehr schwer, sich von persönlichen Positionen und Perspektiven zu lösen, erst recht in einer Empfindungswelt geprägt vom Dauerfeuer sozialer und redaktioneller Medien. Also: Flucht nach vorn, ein Sprung in die Subjektivität - hier folgen nicht die schlechtesten oder besten Entwicklungen der digitalen Gesellschaft im ausklingenden Jahr 2015. Sondern fünf der wichtigsten.

Netzneonationalismus

Im Netz schaukeln sich Stimmungen auf, die in Gewalt münden. Gegenüber dem Vorjahr haben sich Gewalttaten gegen Flüchtlingsunterkünfte  vervierfacht, die Gewalt gegen Flüchtlinge oder Flüchtlingshelfer ist ebenfalls dramatisch gestiegen. Ein - noch nicht ausreichend erforschter - Faktor dabei ist die Meinungsmache über das Internet. Wie und bei wem wird aus einem Hassposting ein Brandanschlag? Treibstoff des Netzhasses ist ein menschenfeindlicher Neonationalismus, der taumelt zwischen "Deutsche zuerst" und "Deutschland erwache". Von vorgeblichen und netzorganisierten "Bürgerwehren" bis zur Verbreitung von Anleitungen zur "Gegenwehr" gegen Flüchtlingsheime reicht die herbeifantasierte Selbstverteidigung, die nichts ist als eine Entschuldigung für Gewalt. Eine Gewalt, die bei Flüchtlingen nur ihren Anfang nimmt, die sich auf freiwillige Helfer ausdehnt und sich schließlich gegen alle Andersdenkende richtet. Die Gegenwart der digitalen Gesellschaft in Deutschland ist traurigerweise auch eine Geschichte der Radikalisierung.

Mobiles Internet

Einer der klügsten Internetanalysten, Benedict Evans, hat vorgeschlagen, nicht mehr vom mobilen Internet zu sprechen. Sondern vom Internet und vom stationären Internet . Mobiles Netz ist also der neue Standard, und wer Zahlen braucht, um solchen Thesen zu folgen, findet sie in einer höchst erstaunlichen, errechnet von der Monitoring-Firma ComScore : In den Vereinigten Staaten verbringt die Bevölkerung 38% der Zeit mit dem stationären Internet und 62% der Zeit mit dem mobilen Internet. Die "Mobile Revolution" wird in ihrer Wirkung selbst von Experten noch gar nicht voll verstanden, weil sie noch am Anfang ist. Das Smartphone - das einer britischen Untersuchung zufolge  im Schnitt 221-mal am Tag aus der Tasche gezogen wird - ist ja in seiner heutigen Form erst acht Jahre alt. Und natürlich hinkt Deutschland dabei hinterher, nicht nur technisch und in den Köpfen, sondern auch infrastrukturell und vom Markt her, hier kosten mobile Daten bis zu 5000 Prozent mehr als etwa in Finnland. Deshalb werden Smartphones hier als Luxus betrachtet, obwohl sie längst digitale Infrastruktur des Lebens sind.

Softwareschummelei

Im Februar forderte ich nassforsch, die deutschen Autohersteller müssten Softwarekonzerne werden. Im September wurde VW zum Softwarekonzern, nur anders als erwartet. Der Betrug durch Software sollte die kommende Umstellung von Verbrennungsmotoren auf Elektromotoren verzögern - weil Elektroautos vernetzte Softwareprodukte sind und deshalb anderen Marktgesetzen folgen. Wo wiederum die heutigen Autokonzerne ihren Know-how-Vorsprung schwieriger ausspielen können. Mit der Verschiebung von immer mehr wirtschaftlichen, industriellen und gesellschaftlichen Prozessen in die Welt der vernetzten Software sind wir aber auch in eine Sphäre der Unüberprüfbarkeit geraten. Wodurch der vernachlässigte Wert des digitalen Vertrauens noch an Relevanz gewinnt. VWs Softwarebetrug ist das Symbol dafür, den Wandel durch Vernetzung Volley zu nehmen und ihm nicht verkrampft auszuweichen.

Überwachungskomplex

Ungarn. Polen. Vielleicht Frankreich. Der Rechtspopulismus breitet sich in der EU nicht nur aus, er wirkt in die Tiefe. In Ungarn und Polen lässt sich beobachten, wie ein Rechtsstaat in einen Rechts-Staat umgebaut wird, inklusive Kontrolle von Medien und Verfassungsgerichtsbarkeit . Europäische Grundwerte werden einer nationalistischen, illiberalen, autoritären Erzählung geopfert. Außer allen anderen fatalen Wirkungen sollten diese Beispiele zeigen, wie schnell ein Staat umkippen kann. Und das wiederum ist das stärkste Argument dafür, keine Überwachungsgesetze zu erlassen, die allzu leicht missbraucht werden können. Das politische Regierungsdeutschland hat trotzdem die Vorratsdatenspeicherung beschlossen, ignoriert vorsätzlich die unfassbaren, aber unterskandalisierten Gesetzesbrüche der deutschen Geheimdienste und hat jeden Wunsch der Aufklärung der von Snowden enthüllten Radikalüberwachung aufgegeben. Dass dazu noch die SPD ernsthaft die Vorratsdatenspeicherung als "netzpolitischen Erfolg " verkauft, gehört zu den besten Gags des Jahres und entspricht etwa der Behauptung, dass es Syrien gelungen ist, das Problem der Überbevölkerung zu lösen.

Quantencomputer

Weitgehend unbemerkt von der weniger technologieaffinen Öffentlichkeit hat Google Anfang Dezember 2015 den Beginn eines - na ja - Quantensprungs der digitalen Welt bekannt  gegeben. Die gemeinsam mit der NASA aufgebaute Forschungsgruppe hat die Vorstufe eines funktionierenden Quantencomputer aufgebaut und getestet. Die wesentliche Erkenntnis: Schon heute ist die quantenbasierte Rechentechnologie  100 Millionen Mal schneller als herkömmliche Computer. Natürlich steht diese übernächste Evolutionsstufe der Technologie noch ganz, ganz am Anfang. Aber schon jetzt lässt sich die tatsächliche Tragweite kaum überschätzen. Denn Geschwindigkeit von Rechenoperationen ist viel entscheidender für die gesamte digitale Sphäre, als man glaubt. Ein simples Beispiel: Die heutigen Formen von Verschlüsselung - und damit jede Form von digitaler Sicherheit - basieren darauf, dass es schlicht zu lange dauert, die Verschlüsselung zu entziffern. Aber auch die Künstliche Intelligenz, heute noch eine Art Mogelbezeichnung für lernende Hochleistungsalgorithmen und neue Sensorenlandschaften, bekommt völlig neuen Schub, ebenso wie die Basis der meisten wirtschaftlichen Aktivitäten im Netz, nämlich die datenbasierte Prognose. Es kann gut sein, dass gegen die Rechenmacht des Quantencomputers alle digitalen Entwicklungen wirken wie mattes Vorgeplänkel. Nicht mal ausgeschlossen, dass sich dereinst mit elektronischer Quantengewalt sogar herausfinden lässt, ob 2015 in Wirklichkeit ein gutes oder ein schlimmes Jahr war.

tl;dr

Fünf wichtige Digital-Entwicklungen 2015: Netzneonationalismus, Mobiles Internet, Schummelsoftware, Überwachungskomplex, Quantencomputer.

Kennen Sie unsere Newsletter?
Foto: SPIEGEL ONLINE