Julian Assange Blinde Flecken bei WikiLeaks

Der deutsche WikiLeaks-Sprecher hat sich im Streit mit Gründer Julian Assange von der Gruppe getrennt: Gründe seien Meinungsverschiedenheiten, mangelnde Professionalisierung, fehlende Transparenz. Tatsächlich gibt es viele Ungereimtheiten in Selbstdarstellung und Informationspolitik der Plattform.
WikiLeaks-Gründer Julian Assange: Keine Antworten auf offene Fragen

WikiLeaks-Gründer Julian Assange: Keine Antworten auf offene Fragen

Foto: SCANPIX SWEDEN/ REUTERS

Einen "Ritter der unangenehmen Wahrheiten" nannte ihn die "Washington Post", Amnesty International zeichnete ihn aus, über Jahre berichteten die Medien über WikiLeaks' Robin-Hood-Appeal, wenn die Seite wieder einmal eigentlich geheime Dokumente veröffentlichte. Nun aber scheint es einsam zu werden um WikiLeaks-Gründer Julian Assange, den charismatischen, aber inzwischen auch umstrittenen Kopf der Enthüllungsplattform. Daniel Domscheit-Berg, unter seinem Alias Daniel Schmitt bislang deutscher Sprecher und prominentes Gesicht von WikiLeaks, will nicht mehr. Schon vor vier Wochen habe Assange ihn "suspendiert", sagte er dem SPIEGEL, nun steige er aus.

Die internen Querelen begannen wohl spätestens am 20. August. Da nahm die schwedische Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen Vergewaltigungsvorwürfen gegen Assange auf, erließ Haftbefehl und machte das alles umgehend öffentlich. Am Folgetag wurde das Verfahren wegen dieser Beschuldigung wieder eingestellt, nur um zehn Tage später wieder aufgenommen zu werden. Intern flammte offenbar eine Diskussion darüber auf, ob Assange als Sprecher nicht zurücktreten oder doch wenigstens kürzer treten solle.

In der öffentlichen Wahrnehmung wurde aus dem mutigen, von den USA mit Haftbefehl Gesuchten ein Macho-Mann, der One-Night-Stands mit Fans goutiert und seine Organisation autokratisch führt. Die Vorwürfe gegen ihn, ließ Assange zunächst dramatisch wissen, seien womöglich ein Geheimdienst-Komplott. Später revidierte er diese Mutmaßung. Das waren nicht die ersten kommunikativen Merkwürdigkeiten im Zusammenhang mit WikiLeaks.

Auf einen ausführlichen Fragenkatalog von SPIEGEL ONLINE, der vor Wochen an die Adressen von Julian Assange und das WikiLeaks-Presseteam ging, kam bislang nur diese Antwort: "no time for any of this now sorry" - "Tut mir leid, keine Zeit für all das im Augenblick".

Dabei gibt es Fragen, die auch Unterstützer des Whistleblower-Portals wohl gern geklärt wüssten. Einer der Gründe, die Domscheit-Berg im Interview mit dem SPIEGEL für seinen Rückzug von dem Projekt nannte, war: "Wir sind in den letzten Monaten wahnsinnig schnell gewachsen und müssten uns dringend in allen Bereichen professionalisieren und transparenter werden. Diese Entwicklung wird intern blockiert." WikiLeaks habe "ein strukturelles Problem". Und in der Tat häuften sich schon seit Monaten Ungereimtheiten und widersprüchliche Informationen aus dem Umfeld des Projektes.

Wer hat WikiLeaks gegründet?

WikiLeaks beschrieb die eigene Gründungsgeschichte noch im März 2008 so: "WikiLeaks wurde gegründet von chinesischen Dissidenten, Journalisten, Mathematikern, Technikexperten aus Start-ups aus den Vereinigten Staaten, Taiwan, Europa, Australien und Südafrika." Diese Darstellung liest man inzwischen nur noch in einer von Archive.org gespeicherten Version der Seite .

Der Autor der aktuellen Selbstdarstellung vermeidet es dagegen, Gründer konkret zu benennen. Einmal ist die Rede von "founding people", an einer anderen Stelle steht, WikiLeaks habe mit einem "Online-Dialog zwischen Aktivisten in verschiedenen Regionen der Welt" begonnen. An wieder anderer Stelle wird aber Julian Assange als der WikiLeaks-Gründer bezeichnet - zum Beispiel bei Vorträgen , aber auch im WikiLeaks-Blog. Am 21. August bezeichnete ein mit "WikiLeaks Team" unterzeichneter Kommentar zu Assange diesen als "WikiLeaks-Gründer" . In einem Interview  erklärte Assange Anfang des Jahres dann aber wieder: "Ich nenne mich nicht Gründer." ("I don't call myself a founder.")

Auf die Frage, warum man über die Anfänge von WikiLeaks so wenig wisse, antwortete Assange damals: "Das liegt einfach daran, dass einige der ursprünglichen Gründer Flüchtlinge sind, aus China und aus anderen Ländern. Und sie haben immer noch Familie in ihren Heimatländern."

Gibt es den WikiLeaks-Beirat wirklich?

In der aktuellen WikiLeaks-Selbstdarstellung findet sich kein Hinweis mehr auf den sogenannten Beirat des Portals. In einer archivierten Version vom März 2008  kann man nachlesen, wie WikiLeaks das Renommee und die Glaubwürdigkeit der Beiratsmitglieder betonte:

"Zu unserem öffentlichen Beirat, der noch aufgebaut wird, gehören mutige Journalisten, Vertreter von Flüchtlingsorganisationen, Anti-Korruptionsaktivisten, darunter ein ehemaliger nationaler Leiter von Transparency International, Menschenrechtsaktivisten, Anwälte und Kryptografie-Experten."

Neben Julian Assange führt WikiLeaks auf seiner aktuellen Homepage noch immer acht Personen als Beiratsmitglieder auf - dieselben wie in der archivierten Version aus dem Jahr  2008. SPIEGEL ONLINE hat wie zuvor schon das US-Magazin "Mother Jones" alle diese Personen angeschrieben und zu der Arbeit des Beirats befragt. Einige antworteten:

  • Der chinesische Menschrechtler Xiao Qiang gegenüber SPIEGEL ONLINE: "Ich wurde 2007 per E-Mail gefragt, ob ich Mitlied des Beirats sein will, habe aber nie meine Zustimmung gegeben. Ich war überrascht, meinen Namen auf der Web-Seite zu sehen."
  • Der australische Publizist Philip Adams bestätigt SPIEGEL ONLINE: "Ich habe zugestimmt, Mitglied des Beirats zu sein. Das wars. Ich wurde nie um Rat gebeten, nie zu einem Treffen eingeladen. Ich stehe zur Verfügung, erwarte aber nicht, von Julian zu hören."
  • Der Übersetzer und Gründer der Initiative Freedom Against Censorship Thailand, CJ Hinke, bestätigt SPIEGEL ONLINE, als Berater für WikiLeaks zu arbeiten. Man habe bei mehreren Veröffentlichungen von Sperrlisten der thailändischen Regierungen, bei dem Vorschlag für ein neues Medienrecht in Island und anderen Projekten zusammengearbeitet. Hinke: "Es gab mehrere informelle Treffen von Beiratsmitgliedern, aber da wir über den Globus verstreut sind, finden diese eher spontan statt." Hinke lobt die Arbeit von WikiLeaks und versichert dem Projekt seine "bedingungslose Unterstützung".
  • Tashi Namgyal Khamsitsang sagte dem US-Magazin " Mother Jones ", er sei von WikiLeaks nie um Rat gebeten worden.
  • Sicherheitsexperte Ben Laurie sagte " Mother Jones ": "WikiLeaks hat angeblich einen Beirat und angeblich bin ich ein Mitglied." Auf die Anfragen von SPIEGEL ONLINE reagierten Namgyal Khamsitsang und er nicht.

Julian Assange hat den in "Mother Jones" erschienenen Artikel mehrmals öffentlich kritisiert. Als "Mother Jones"-Redakteur Dave Gilson auf einer Konferenz in Berkley bat, sachliche Fehler konkret zu benennen, antwortete Assange laut Gilson : "Ich habe keine Zeit, dieses Stück Scheiße in der Luft zu zerreißen. Erledigen Sie Ihre verdammte Recherchearbeit selbst."

Wie viele Menschen arbeiten an WikiLeaks mit?

Eigentlich soll man - wie bei Wikis üblich - auch bei WikiLeaks Artikel bearbeiten und eigene anlegen können sowie über Artikel diskutieren. Zurzeit funktioniert das aber nicht.

Offene Schnittstellen zur kommunikativen Ebene würden die Organisationsstrukturen ausforschbar machen, das Portal selbst könnte manipuliert, gehackt oder gelöscht werden. Je prominenter WikiLeaks wird, je exponierter es in der Kritik steht, desto klarer wird, dass der Gründungsgedanke des Portals nicht mehr funktionieren kann: Wenn man Geheimdienste auf den Fersen hat, wird es schwer, eine Netz-Community vertrauensvoll in die Arbeit einzubinden.

WikiLeaks erinnert in dieser Form eher an ein klassisches journalistisches Produkt denn an die Wikipedia. Das war früher anders. WikiLeaks trat mit dem Ziel an, sich die Schwarmintelligenz der Weltöffentlichkeit bei der Auswertung von Dokumenten zunutze zu machen. Im September 2007 beschrieb die WikiLeaks-Selbstdarstellung diesen Ansatz als das "Wikifisieren von Enthüllungen".  In diesem - inzwischen nur noch bei Archive.org zu findenden Text - hieß es: "Anstatt für wenige spezialisierte Akademiker bietet WikiLeaks ein Forum für die gesamte Weltöffentlichkeit, um jedes Dokument auf Glaubwürdigkeit, Plausibilität, Wahrhaftigkeit und Validität zu prüfen."

Dieser Text ist inzwischen von den WikiLeaks-Seiten verschwunden. Damit entfällt im Grunde die durch den "Wiki"-Namensbestandteil implizierte Beglaubigung durch offene Strukturen und Mitarbeitsmöglichkeiten. Wer als Redakteur arbeiten will, so steht es nun an anderer Stelle , soll eine E-Mail mit biografischen Angaben und Links zu Arbeitsproben senden.

Unklar ist, wie viele Helfer WikiLeaks tatsächlich hat und wie die Entscheidungen über Veröffentlichungen, Formulierungen und Einschätzungen in dieser Gruppe ablaufen. Gilt das Vier-Augen-Prinzip, prüft also ein zweiter, unabhängiger Mitarbeiter jede Bearbeitung und redaktionelle Entscheidung? Gibt es demokratische Mitbestimmung und falls ja: Wie ist die geregelt?

Wer entscheidet über Veröffentlichungen auf WikiLeaks?

Vergleicht man die aktuelle WikiLeaks-Selbstdarstellung mit älteren Versionen, fällt eine Veränderung in der Beschreibung beim Umgang mit Quellen auf. Im Dezember 2007 erklärte WikiLeaks :

"WikiLeaks fällt kein Urteil über die Authentizität von Dokumenten. Das müssen Leser, Redakteure und Gemeinschaften tun."

Inzwischen heißt es auf der Web-Seite: "WikiLeaks-Mitarbeiter untersuchen alle Dokumente und markieren alle Verdachtsmomente auf Nicht-Authentizität." WikiLeaks verspricht , "offen für Kommentare von jedermann" zu sein und durch das "kollektive Wissen und die Erfahrung von Tausenden" Fälschungen in einem Ausmaß zu entlarven wie nie zuvor.

Da die Kommentar- und Editier-Funktionen derzeit nicht verfügbar sind, werden diese Aufgaben bei WikiLeaks wohl registrierte Mitglieder übernehmen müssen. Wie viele Mitarbeiter das leisten, nach welchen Prinzipien sie entscheiden, ist unklar.

Dem Magazin " Mother Jones " antwortete Julian Assange auf die Frage, wer bei einem Streit über die Veröffentlichung eines Dokument endgültig entscheide: "Ich bin die letzte Entscheidungsinstanz, ob das Dokument echt ist".

Genießt WikiLeaks Quellenschutz in Schweden und Belgien?

WikiLeaks ruft auf den eigenen Seiten Informanten zum Hochladen von Dokumenten auf. Neben einer Anleitung zum Verwischen der eigenen Spuren mittels unterschiedlicher technischer Möglichkeiten steht auf dieser Seite  auch folgendes Versprechen:

"Klicken Sie hier, um eine Datei sicher online zu übertragen (Verschlüsselung nach Banken-Sicherheitsstandard, es werden keine Logs gespeichert, geschützt durch schwedische und belgische Gesetze zum Quellenschutz der Presse)."

Diese Darstellung der rechtlichen Situation in Schweden und Belgien ist zumindest verkürzt. In Schweden bemüht sich WikiLeaks einem Ende August erschienenen Interview mit der mit WikiLeaks assoziierten Isländerin Kristinn Hrafnsson zufolge um eine Publikationslizenz. Denn die braucht man dort, um den zitierten Quellenschutz zu genießen, wie schwedische Juristen der dortigen Tageszeitung "Sydsvenskan" erklärten. Auch dann gälten noch Ausnahmen, etwa bei "bei streng geheimen Informationen, die große Bedeutung für das Militär haben".

In Belgien ist die Lage nicht eindeutig: Ob WikiLeaks dort tatsächlich als journalistisches und damit Quellenschutz genießendes Angebot eingestuft würde, müsse zunächst ein Gericht klären, erklärte der stellvertretende Vorsitzende der European Federation of Journalists, Philippe Leruth SPIEGEL ONLINE. Die Behauptung der Sicherheit bei der Datenübergabe in den zwei genannten Ländern scheint also zumindest ungesichert.

WikiLeaks-Kommunikation in eigener Sache: Veröffentlichung ohne Prüfung der Faktenlage?

Am 24. März lief über den Twitter-Account von WikiLeaks  die beunruhigende Meldung: "WikiLeaks ist derzeit einer aggressiven US-isländischen Überwachungsoperation ausgesetzt. Verfolgen/ fotografieren/ filmen/ inhaftieren."

Das Magazin "Columbia Journalism Review" berichtete einige Tage später, am 22. März habe die isländische Polizei einen Teenager verhaftet, der Assange zufolge ein freiwilliger Helfer von WikiLeaks sei. Dem Jungen seien Fotos von Assange vorgelegt worden, die ihn beim Verlassen eines Restaurants in Reykjavik zeigen, wo sich ein WikiLeaks-Team getroffen habe. Assange konkretisierte seine Vorwürfe in einer an mehrere Medien verschickten E-Mail mit dem Titel " Something is rotten in the state of Iceland ".

Assange schreibt in dem langen Text über CIA-Aktivitäten, Angriffe von "James-Bond"-Charakteren auf Parkplätzen und bürokratischen Institutionen, die loyal gegenüber alten Regimen seien. Isländische Journalisten berichteten dem Magazin " Columbia Journalism Review " jedoch, sie hätten die Vorwürfe nicht verifizieren können. Stigur Helgason, einem Journalisten der Tageszeitung "Frettabladid" zufolge, war der Junge in eine Farbenfabrik eingebrochen. Ingólfur Bjarni Sigfússon, ein Redakteur des isländischen Rundfunks RUV berichtete, bei dem Verhör des Jugendlichen seien sein Vater und ein Jugendarbeiter anwesend gewesen. Die Polizei bestritt, den Jungen überhaupt über WikiLeaks befragt zu haben.

Am 29. März distanzierte WikiLeaks sich ein wenig von den zuvor erhobenen Vorwürfen. In einem Tweet  hieß es: "Es gibt eine Debatte darüber, was bei dem Verhör in Island passiert ist (nicht über andere Dinge). Wir bemühen uns um Aufklärung."

Die Ergebnisse der angekündigten Aufklärung hat WikiLeaks nicht veröffentlicht. Wie es zu der von Assange verbreiteten Version gekommen ist, bleibt weiterhin unklar.

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