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27. Februar 2018, 15:09 Uhr

Streit um Kaspersky

"Unser einziger Fehler ist, dass wir eine russische Firma sind"

Ein Interview von

Kein leichter Job: Kasperskys neue Europachefin Ilijana Vavan spricht über den Spionageverdacht gegen den Antivirensoftware-Hersteller - und fordert, dass schon Schüler lernen, sich vor Angriffen zu schützen.

Keine Antivirensoftware wird von Deutschen so häufig gekauft wie die von Kaspersky. Doch 2017 bröckelte das Image: Die US-Regierung wies die Behörden an, keine Kaspersky-Software mehr zu nutzen, aus Angst vor russischer Spionage. Zuvor hatte der amerikanische Elektronikmarkt BestBuy Kaspersky-Produkte bereits aus den Regalen genommen.

Die Firma und ihr Gründer wehrten sich in der Vergangenheit mit aller Kraft gegen die nicht näher belegten Verdächtigungen. Im Interview erklärt die neue Europachefin von Kaspersky, Ilijana Vavan, warum Kasperskys Imagekrise für sie genau der richtige Auftakt für den Job war, und wie sie ihre Liebe zu Computern entdeckte.

SPIEGEL ONLINE: Frau Vavan, 2017 waren Millionen Nutzer auf der ganzen Welt mit Cyberangriffen konfrontiert, zum Beispiel mit der Erpressersoftware WannaCry. Wird das 2018 so weitergehen?

Vavan: Wir leben in einer Welt, in der alles zum Computer geworden ist, auch ganz normale Alltagsgegenstände. Die müssen auch abgesichert sein, aber darüber macht die Branche sich noch zu selten Gedanken.

SPIEGEL ONLINE: Was muss Ihrer Meinung nach passieren, damit sich das ändert?

Vavan: Der Nutzer selbst spielt bei Angriffen von Hackern oft eine entscheidende Rolle - er ist die Schwachstelle. Schon in der Schule müssen die Kinder deshalb lernen, wie Technik funktioniert und wie sie sich vor Angriffen über diese Technik schützen können. Gegen internationale Cyberkriminalität hilft außerdem nur eine internationale politische Lösung. Es muss zum Beispiel verbindliche Sicherheitsstandards geben.

SPIEGEL ONLINE: 2017 war für Kaspersky selbst kein einfaches Jahr, Sie stoßen in schwierigen Zeiten zur Firma. Schlechtes Timing für Sie?

Vavan: Im Gegenteil. Ich habe natürlich auch die negativen Schlagzeilen über Kaspersky gelesen im vergangenen Jahr. Aber das hat bei meiner Entscheidung nahezu keine Rolle gespielt. Ich habe schon von 2010 bis 2012 für Kaspersky gearbeitet und komme gerne zurück. Gerade jetzt.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Vavan: Ich möchte der Firma da raushelfen. Ich halte Eugene Kasperksy für einen visionären Firmenchef und glaube an die Produkte, die wir machen.

SPIEGEL ONLINE: Das sieht die Regierung in den USA anders. Das Heimatschutzministerium hat die US-Behörden angewiesen, keine Kaspersky-Software mehr zu benutzen.

Vavan: Der Verdacht, dass Kaspersky gemeinsame Sache macht mit der russischen Regierung, ist lächerlich. Ich persönlich finde diese Vorwürfe einfach unfair. Denn es gibt bis heute keinen einzigen Beweis, mit dem wir konfrontiert wurden, es ist alles anonymes Geraune. Unser einziger Fehler ist, dass wir eine russische Firma sind. Das ist immer wieder ein Problem.

SPIEGEL ONLINE: Antivirensoftware hat weitreichenden Zugriff auf einen Computer. Umso wichtiger ist es, dass der Nutzer dem Hersteller vertraut. Tun die Nutzer das bei Kaspersky noch?

Vavan: Es gibt natürlich einen Imageschaden für uns. Er beschränkt sich aber glücklicherweise hauptsächlich auf die USA. Dort gehen wir nun gerichtlich gegen die Anweisung an die US-Behörden vor, auch wenn diese nur einen winzigen Teil unserer Kundschaft dort ausmachten.

SPIEGEL ONLINE: Sie glauben, das Vertrauen der Deutschen ist nicht erschüttert durch die Affäre?

Vavan: Unsere Marktanteile in Europa wachsen. Mein Ziel für 2018 ist ein Wachstum im zweistelligen Bereich. Die Kunden in Deutschland nutzen unsere Software oft schon seit Jahren. Wir haben uns ihr Vertrauen erarbeitet, die Europäer lassen sich von derartigen Schlagzeilen auch nicht sofort verunsichern.

SPIEGEL ONLINE: Wie steht es um die Transparenzinitiative, die Kaspersky angekündigt hat? Schon Ende März sollte es erste Ergebnisse geben.

Vavan: Wir arbeiten daran, die angekündigten Transparenzzentren hochzuziehen. Das erste wird wohl nach derzeitiger Planung in Europa entstehen, zwei weitere in den USA und Asien. Aber es geht um proprietäre Programme, die zum Beispiel gegenüber zertifizierten Regierungsvertretern offengelegt werden sollen. Das ist ein hochkomplexes Projekt.

SPIEGEL ONLINE: Wie stark stecken Sie als Managerin überhaupt in der technischen Materie?

Vavan: Sehr stark. Ich habe Informatik studiert und Computer und Mathematik schon als Kind geliebt. Mein erster Computer war ein Heimcomputer von Spectrum. Ich fand es einfach toll, dass ich ein paar Zeilen Code schreibe, und der Computer tut genau das, was ich will.

SPIEGEL ONLINE: Programmieren Sie auch heute noch?

Vavan: Aktuell fehlt mir die Zeit. Aber als Rentnerin fange ich wieder an. Bis dahin begnüge ich mich damit, mein Haus zu automatisieren. Es kommen aber selbstverständlich nur sichere Geräte rein. Ich bin wirklich ein Nerd.

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