Anonymität im Netz Liebe Leserin, lieber Leser,


im frühen Stadium meiner Schwangerschaft hatte ich eine Menge Fragen. Das war lange bevor man Freunden oder dem Arbeitgeber davon erzählt, erst recht nicht irgendeinem amerikanischen Unternehmen. Ich war dankbar, dass es die Möglichkeit gab, manche Frage anonym im Internet zu stellen - ohne preisgeben zu müssen, dass ich schwanger war. Und ohne dass diese Information auf irgendeinem Server mit meinem Personalausweis verknüpft war.

Doch nun steht offenbar der netzpolitische Zombie der Klarnamenpflicht im Internet langsam wieder auf, diesmal aufgeweckt von Wolfgang Schäuble (hier) und Manfred Weber (hier) - allen Erkenntnissen zum Trotz, dass auch eine Klarnamenpflicht wie etwa in Südkorea nicht zwangsläufig zu weniger Hass und Beleidigungen führt. Dafür könnte sie aber großen Schaden anrichten.

Wolfgang Schäuble
HAYOUNG JEON/EPA-EFE/REX

Wolfgang Schäuble

Im Netz wird über alles gesprochen: Kindererziehung, Eheprobleme, Krebs, Sex, Ausschlag im Intimbereich, künstliche Befruchtung, Kochrezepte, manchmal auch über Politik. Und meist tun das die Leute nicht unter ihrem richtigen Namen. "Anonymität im Netz bedeutet in allererster Linie Schutz", schrieb kürzlich mein Kollege Sascha Lobo, "und zwar gerade für Menschen, die sich ansonsten nicht nur im Internet, sondern auch in der Kohlenstoffwelt angreifbar machen würden."

Ja, im Netz wird unter falschem Namen auch geschimpft, beleidigt und bedroht. Aber nicht hauptsächlich. Am heutigen Montag etwa wurde unter falschem Namen in Foren vielmehr auch dies hier gefragt:

  • "Ich möchte viel öfter Sex als mein Freund, was tun?"
  • "Könntet ihr Menschen mit schlechten Zähnen lieben?"
  • "Ich bin fast 43 und würde gerne schwanger werden. Gibt es hier jemanden in der gleichen Situation?"

Grenzenloses Vertrauen in die Konzerne

Für einige Menschen wäre die Aufgabe der Anonymität oder Pseudonymität im Netz lebensgefährlich. Für viele andere zumindest lebensverändernd. Die Kollegen von Netzpolitik.org haben einmal 16 eindrückliche und einleuchtende Beispiele gesammelt, warum und für wen Pseudonymität im Netz unverzichtbar ist - seien es Arbeitnehmer oder Eltern im Netz, Oppositionelle, Journalisten oder ein homosexueller Nutzer, der sich in seinem konservativen Heimatdorf nicht outen will.

Nur jemand in privilegierter Situation, der von alledem nichts weiß, der all das nicht braucht und nutzt, kann auf die Idee kommen, die Verlinkung zwischen Online-Identität und echter Identität vorzuschreiben. Nur jemand mit großem Vertrauen in internationale Konzerne und deren IT-Sicherheit kann vorschlagen, dort womöglich noch mehr personenbezogene Daten zu speichern - nach zahlreichen Hacks und Datenleaks. Abgesehen davon, dass sich vermutlich einfach andere Plattformen fänden, auf denen man anonym unterwegs sein kann. Wie so oft würde sich die Frage stellen, ob am Ende nicht die Falschen getroffen würden.

Wie beeindruckt die wenigen sind, auf die so ein Vorschlag zielen könnte, sieht man übrigens daran, dass gerade unter (rechten) Trollen Spitznamen wie "Klar Name" oder "[Vorname] Klarname" neuerdings besonders populär sind - wie eine Twitter-Suche nach dem Stichwort vermuten lässt.

Genau wie Wolfgang Schäuble wünsche ich mir selbstverständlich, "dass die Verrohung im Netz nicht achselzuckend hingenommen wird". Noch mehr aber wünsche ich mir, dass die Aufgabe eines so hohen Gutes wie der Anonymität im Netz nicht achselzuckend hingenommen wird. Und dass wir uns von irgendwelchen Trollen so weit bringen lassen, das überhaupt zu diskutieren.

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Seltsame Digitalwelt: Guck mal durch den Hörer!

Neulich rief Oma an, um ihr Enkelkind zu sprechen, das gerade am Couchtisch malte. Als es den Hörer des Festnetz-Telefons in die Hand bekam, erklärte es seiner Großmutter, dass es gerade ein Bild male. Dann drehte es wie selbstverständlich den Hörer um und hielt ihn mehrere Sekunden vor das Bild, damit eine vermeintliche Kamera das Bild einfangen und der Oma zeigen könne.

Auch nach mehrfacher Erklärung war dem Kleinkind nicht zu vermitteln, dass nur bei bestimmten Anrufen auch ein Bild übertragen wird. Und so gibt es nun immer wieder für den Anrufer rätselhafte Gesprächspausen, in denen das Kind stumm das Schnurlostelefon auf den gebackenen Kuchen oder den Turm aus Bauklötzen richtet - und gespannt wie vergebens auf Feedback wartet.

App der Woche: "The Gardens Between"
getestet von Tobias Kirchner

The Voxel Agents

"The Gardens Between" ist ein Rätselspiel mit tollen Ideen und einer herzerwärmenden Geschichte über Freundschaft. Im Mittelpunkt stehen ein Mädchen und ein Junge, die Inseln erkunden, auf denen sich Gegenstände aus ihrer Kindheit befinden. Die Figuren bewegen sich dabei automatisch, und der Spieler kann mit verschiedenen Dingen interagieren oder auch die Zeit manipulieren, um so verschiedene Rätsel zu lösen. Abarbeiten von Knobelaufgaben steht bei "The Gardens Between" jedoch nicht im Mittelpunkt, vielmehr sind es die traumartige Atmosphäre und die Geschichte der beiden Helden, die den Spieler mitreißen.

Für 5,49 Euro von The Voxel Agents, ohne In-App-Käufe: iOS


Fremdlink: Drei Tipps aus anderen Medien

  • "I swiped left on Tinder so he found me on LinkedIn. Why can't some men take no for an answer?" (englisch, drei Leseminuten)
    Apropos Klarnamen: Im "Guardian" erzählt Katie Cunningham, wie ein Mann, dessen Profil sie auf Tinder nach links weggewischt hatte, sie auf LinkedIn ausfindig gemacht und kontaktiert hat.
  • "Die Zerstörung der CDU" (YouTube-Video, 55 Minuten)
    Apropos CDU: Dieser Anti-CDU-Rant von Party-YouTuber Rezo wurde in nur zwei Tagen mehr als 1,4 Millionen Mal aufgerufen. Das Besondere: Er verlinkt 13 Seiten mit Quellen. Wer die Union verstehen will, wie die Jugend sie versteht, braucht nur dieses Video anzusehen.
  • "Oberster Datenschützer kritisiert Darknet-Gesetzentwurf" (zwei Leseminuten)
    Apropos Anonymität im Netz: Der Betrieb bestimmter Online-Dienste soll strafbar werden. Der Bundesdatenschutzbeauftragte hat Bedenken - und fordert in der "Süddeutschen Zeitung" "dringend eine Sicherheitsgesetz-Pause".

Ich wünsche Ihnen eine gute Woche!

Judith Horchert

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insgesamt 38 Beiträge
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Seite 1
tafka2937981 20.05.2019
1. Treffer
Zitat: Nur jemand in privilegierter Situation, der von alledem nichts weiß, der all das nicht braucht und nutzt, kann auf die Idee kommen, die Verlinkung zwischen Online-Identität und echter Identität vorzuschreiben. Das ist der entscheidende Gedanke, Volltreffer. Politik muss mit mehr Lebenserfahrung in der 'Realität' besetzt sein.
hexagon7467 20.05.2019
2.
Klarnamen im Internet und die Hetze hört sofort auf. Gute Idee. Wer sich äußern will, sollte auch die Eier haben dies mit seinem Namen zu tun.
GoaSkin 20.05.2019
3.
Wenn man Klarnamenspflicht einführt, dann heisst halt zukünftig jedes Kind "Peter Müller".
eldermann 20.05.2019
4. Wer nichts zu verbergen hat... der wird ERSCHOSSEN!
Bevor jemand mit dem fadenscheinigen Argument aus meiner Überschrift kommt: Lest bitte hier den Zusammenhang warum Anonymität doch ganz gut ist: https://www.heise.de/ct/ausgabe/2015-17-Editorial-Nichts-zu-verbergen-2755486.html
jujo 20.05.2019
5. ....
Es könnten viel mehr Foren geben in denen man nur mit Klarnamen sein Statement abgeben kann. Dazu gehört fast alles um Politik und Gesellschaft. Foren in denen intime persönliche Dinge abgehandelt werden sollten anonym bleiben. Was gehen die Allgemeinheit meine Pickel am A.. an, wenn ich wissen wie ich diese los werde.
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