Sascha Lobo

S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Willkommen im Zeitalter der Selfieness

Das millionenfach weitergetwitterte Smartphone-Bild aus der Oscar-Nacht läutet ein neues Zeitalter ein: das der Selfieness. Der Wunsch, ein digitales Selbst zu erschaffen, ist ein Grund mehr, die Überwachungsgesellschaft zu verdammen.
Smartphone-Selfie in der Oscar-Nacht (hier gespiegelt), Jesusdarstellung von Duccio di Buoninsegna (~1311): Netz, dein Name sei Selfieness

Smartphone-Selfie in der Oscar-Nacht (hier gespiegelt), Jesusdarstellung von Duccio di Buoninsegna (~1311): Netz, dein Name sei Selfieness

Foto: [M] AP; picture alliance /Luisa Ricciar

Mit dem meistreproduzierten Selfie  der Moderatorin Ellen DeGeneres ist etwas Großes passiert: Das Zeitalter des Selfie ist angebrochen. Dahinter steht so viel oder so wenig wie hinter allen ikonischen Ereignissen, aber es ist der Schlüssel zum Verständnis für etwas, für das es bisher keinen Begriff gibt. Man könnte es Selfieness nennen, das hat nur 138 Google-Treffer, die meisten Schreibfehler, geht also als nicht vergeben durch.

Selfieness ist der Wunsch, ein digitales Selbst zu erschaffen. Selfieness gelangt niemals ans Ziel, weil jedes Posting nur Momentaufnahme sein kann, denn man ist im Netz "dazu verdammt: immerfort zu werden und nie zu sein", Zitat Karl Scheffler über irgendwas anderes. Selfies sind bereits im Moment ihres Entstehens veraltet, Selfies sind bildgewordene Vergänglichkeit. Selfieness, das Bedürfnis digitaler Selbstdarstellung, treibt damit den Datensog, mit dem soziale Medien und das ganze Internet angetrieben werden. Alles muss online.

Share only with friends & NSA

Und es gibt keine Alternative. Selfieness ist nicht bloß eine Mode, sondern Diktat einer digitalen Gesellschaft. Man ist ausgeschlossen, wenn man ihm nicht folgt. Hans Magnus Enzensberger  hat dazu einen Text geschrieben, den man - um ihn zu verstehen - zusammen mit der eigenen Reaktion darauf betrachten muss. Seine "Zehn einfachen Regeln", wie man sich der Ausbeutung und Überwachung widersetzen könne, sind, Riesenüberraschung, gar nicht einfach. Im Gegenteil sind sie sind unmöglich. Jedes "Hä, Handy wegschmeißen, wie soll das gehen?" als Reaktion beweist dem Leser aufs Neue: Im Kampf gegen die politische und ökonomische Überwachungsgesellschaft gibt es keine zehn einfachen Regeln. Denn nichts daran ist einfach. Es handelt sich vielmehr um die größte politische Aufgabe des Zeitalters der Selfieness.

Selfieness ist gleichzeitig der Grund, weshalb die Überwachungsgesellschaft eine immer größer werdende Katastrophe ist. Und der Grund, weshalb sich eine digital sozialisierte und durchaus politische Generation trotzdem kaum um die Überwachung schert. Denn das Individuum glaubt, die digitale Selbstdarstellung unter Kontrolle zu haben. Dass man also das komplexe Gesamtbild, das man von sich digital mosaikhaft zusammensetzt, steuern könne. Und was man der eigenen Überzeugung nach ohnehin komponiert und so kontrolliert, hat stets den Charakter der Außenkommunikation. Dann ist beim beständigen Selfieness-Senden halt noch ein Empfänger mehr dabei, "share only with friends & NSA", so what.

Netz, dein Name sei Selfieness

Dieser privat unerheblich erscheinende, gesellschaftlich aber folgenschwere Irrtum ist typisch. Und zwar für alle Netzaktiven, es ist ja nicht so, als seien die jungen Leute ab Werk blöder. Es ist aus der Innenperspektive bloß sehr schwierig zu begreifen, dass die Selfieness erbarmungslos präzise wirkt. Dass also aus den vielen, mühsam zusammengesteckten Mosaiksteinchen ein Gesamtbild entsteht, das viel mehr preisgibt, als man ahnt.

Das liegt zum einen an den verfügbaren Auswertungsmethoden. Der Hardware-Konzern Cisco  präsentiert auf seiner Seite ein White Paper von 2012, das den Namen "For Big Data Analytics There's No Such Thing as Too Big" trägt. Das häufige Argument, die Überwachungsindustrie würde an den schieren Datenmassen ersticken, ist weitgehend Unfug. Es erscheint nicht als Zufall, dass die großparanoiden Radikalen vom britischen Geheimdienst GCHQ Millionen privater Webcams anzapften und damit private Videochats überwachten. Videochats sind bewegte Selfies in Echtzeit, bei denen zu rund 105 Prozent das eigene Gesicht in die Kamera gehalten wird. Oder andere Körperteile. Weiter weg vom Terrorismus geht es nicht, der endgültige Beweis, dass es der Spähmaschinerie um Bürgerüberwachung und Kontrolle geht. Natürlich behauptet Camerons Ekelapparat weiter, alles sei gut, richtig und zielführend gewesen.

Zum anderen ist die Informationstiefe, die in und mit sozialen Medien veröffentlicht wird, bedeutend aussagekräftiger als gedacht. 2012 veröffentlichten Donald Kluemper und einige Kollegen ein Papier im "Journal of Applied Social Psychology" . Sie hatten in zwei Studien mit über fünfhundert Probanden versucht, die Aussagekraft von Social-Media-Profilen zu ergründen. Die Teilnehmer hatten klassische Job-Tests durchlaufen, bei denen die Job-Eignung geprüft wird. Dann zeigte Kluemper erfahrenen Fachkräften die Facebook-Profile und bat sie um eine Einschätzung, wie gut die Probanden in ihrem Job sein würden. Sechs Monate später erfragte Kluemper die tatsächlichen Leistungen bei deren Vorgesetzten. Die per Facebook-Profil abgeschätzten Ergebnisse waren signifikant näher an der Realität als die Ergebnisse herkömmlicher Einstellungstests. Die persönlichen Daten in sozialen Medien erfüllen ihren Zweck besser als erhofft, besser als befürchtet: Selfieness führt zur Erschaffung eines digitalen Metaselbst, das fast alles aussagt, wenn man es zu lesen weiß.

Das heißt natürlich nicht, dass Selfieness die zivilisierte Welt dem sicheren Untergang entgegentreibt. Obwohl sich gerade Interneteuphoriker immer freuen, wenn jemand auf der Gegenseite vermeintlich so radikal und eindimensional argumentiert wie sie selbst - das eine Extrem nutzt das andere Extrem noch stets zur Selbstrechtfertigung. Stattdessen ist der Beginn des Zeitalters der Selfieness ein Signal dafür, das Internet technisch, rechtlich und gesellschaftlich so zu gestalten, dass die persönlichen Daten nicht per default zur Radikalüberwachung missbraucht werden. Weil die Leute ihre Daten im Zweifel selbst in die digitale Sphäre stellen und damit nicht aufhören werden. Dass aber die Ära der Selfieness beginnt mit einem ikonischen Bild, bei dem sich die Protagonisten um ein Smartphone versammeln wie die Jünger um die Erscheinung Jesu, und dass es sich um einen Werbe-Coup des Smartphone-Herstellers gehandelt haben könnte - viel symptomatischer geht es kaum. Netz, dein Name sei Selfieness.

tl;dr

Selfieness ist der übermächtige Wunsch nach digitaler Selbsterschaffung - ein Grund, die Überwachungsgesellschaft als totalitär zu verdammen.

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Foto: SPIEGEL ONLINE
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